Auf Hemingways Spuren Wunderbare Droge Ostafrika

Der viel gereiste Ernest Hemingway erklärte Afrika zu seinem Lieblingsland, obwohl er dort gleich zwei Flugzeug-Bruchlandungen überlebte. Touristen können seinen Spuren im Osten des Kontinents folgen - und Augenzeugenberichten über das Liebesleben des Schriftstellers lauschen.

TMN

Nairobi/Kampala - Krächzendes Heulen und teuflisches Kichern - so klingen Hyänen, sie müssen direkt vor dem Zelt stehen. Aber dann geht das Geräusch in ein Lachen über. "Good Morning", sagt eine tiefe, freundliche Stimme. "Ihr Weckruf, der Tee steht bereit." Humor gehört im edlen Tortilis Camp am Fuße des Kilimandscharo ebenso zum Service wie der Sundowner. Es ist 6.30 Uhr, Zeit für die erste Pirschfahrt entlang uralter Elefantenpfade im Amboseli National Park.

Wir haben Glück: Afrikas höchster Berg zeigt sich schon am ersten Morgen in seiner ganzen Pracht, kaum 30 Stunden nach dem Abflug in Europa. Ernest Hemingway musste darauf viel länger warten. Mehr als zwei Wochen brauchte der amerikanische Schriftsteller einst für die Überfahrt von Marseille nach Mombasa. Dann kamen eine Nachtfahrt mit dem Zug nach Nairobi und zwei Tage mit dem Auto - für eine Strecke, die heute leicht in fünf Stunden zu bewältigen ist.

Anschließend dauerte es noch Tage, bis die Wolken sich verzogen und den damals freilich noch massig mit Schnee bedeckten Gipfel für Hemingway freigaben. Nach Jahren der Erderwärmung trauert man dem Anblick des ehemals weißen Riesen beim Anschauen alter Postkarten nach. Oder bei der Erinnerung an den Filmklassiker "Schnee am Kilimandscharo" von 1952 nach Hemingways wohl berühmtester Afrika-Story mit Gregory Peck, Susan Hayward und Hildegard Knef. "Hemingway-Romantik ist nach wie vor ein starkes Motiv, Ostafrika zu besuchen", sagt Gabi Nowak. Mit ihrem Mann betreibt die Österreicherin in Nairobi ein Unternehmen, das maßgeschneiderte Afrikareisen anbietet.

Zwei Bruchlandungen in 48 Stunden

Beinahe 80 Jahre ist es her, dass Hemingway zum ersten Mal nach Afrika aufbrach. Im Osten des Kontinents verbrachte er 1933 sowie 1953/54 insgesamt zehn Monate. Aus dieser Zeit stammen zwei Bücher: "Die grünen Hügel Afrikas" (1935) und "Die Wahrheit im Morgenlicht" (posthum 1999). Mit "Schnee auf dem Kilimandscharo" und "Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber" (beide 1936) spielen auch zwei der besten Kurzgeschichten des Literatur-Nobelpreisträgers hier.

"Wir hatten Afrika noch nicht verlassen", berichtete er später, "aber wenn ich nachts aufwachte, lag ich lauschend da, bereits voller Heimweh danach." Selbst das Erlebnis zweier Bruchlandungen innerhalb von 48 Stunden - mit Verletzungen, deren Folgen zu Depressionen und so vielleicht auch zu seinem Selbstmord Jahre später am 2. Juli 1961 beitrugen - hatte Hemingways Begeisterung für Afrika kaum gedämpft.

Schon als er sich mit 34 zu seiner Großwildsafari aufmachte, hatte der Mann Kultstatus. Schließlich belieferte er die Welt nicht nur mit Literatur, wie der "Stern" 1999 zu Hemingways 100. Geburtstag schrieb, sondern auch mit Stoff für Legenden über ein Leben, "in dem unentwegt Flaschen geleert, Fische geangelt, Frauen geliebt und Viecher aller Art geschossen wurden, kein Kriegsschauplatz ausgelassen und nun auch noch eine neue wunderbare Droge entdeckt wurde - Afrika."

Debba, die rätselhafte Geliebte

In Oloitokitok, einem Nest an der Grenze zu Tansania, müssen wir nicht lange suchen. Jeder kennt den alten Darshan Singh, der den "Bwana Ernest" als Kind selbst erlebt hat. Darshans Großvater war, wie Tausende andere Inder, von den Briten für den Eisenbahnbau nach Ostafrika gebracht worden. Sein Vater betrieb einen Duka. "Das war der einzige Laden diesseits des Kilimandscharo, wo es Bier und Whisky gab", erzählt Darshan. "Ernest kam öfter vorbei, er trank immer ein paar Tusker-Bier." Großzügig sei der Amerikaner gewesen, er habe den Männern ordentlich einen ausgegeben. "Der wusste warum", sagt Darshan. Seine Augen funkeln listig durch die tiefen Gesichtsfurchen. "Schließlich ging er mit einem Mädchen von hier ins Bett."

Viele halten Hemingways afrikanische Geliebte für frei erfunden. Für die Macho-Fantasie eines alt gewordenen Frauenhelden. Eines Typen mit Bierbauch, schütterem Haar und Brille, der bei seiner zweiten Afrikareise längst nicht mehr auf so stattliche Zahlen von getöteten Antilopen, Gazellen und Löwen kam, sondern oft im Suff daneben schoss. Debba heißt das Mädchen aus dem Volk der Kamba in Hemingways posthum veröffentlichtem Afrika-Roman, den sein Sohn Patrick herausbrachte. "Meine Freundin ist ohne jede Scham", notierte der Autor. Mary, Hemingways vierte Frau, die ihn auf der zweiten Safari begleitete, soll Augen und Ohren zugedrückt haben, wenn Debba ins Zelt kam.

Wahrheit oder Fiktion? "In Afrika", schrieb Hemingway, "ist etwas im Morgenlicht wahr und mittags eine Lüge, und man gibt nicht mehr darauf als auf den reizenden, von hohem Gras gesäumten See am anderen Ende der sonnenversengten Salzebene. Man hatte diese Ebene am Vormittag durchquert, und man weiß, es gibt dort keinen solchen See."

Schauplatz von "African Queen"

"Es gab sie aber wirklich", schwört der alte Darshan. "Sie hieß allerdings nicht Debba, sondern Mueni. Sie war verheiratet. Und Bwana Ernest gab ihrem Ehemann einen guten Job in seinem Safari-Team." Als wir gehen, lässt sich neben dem Haus, in dem Hemingway einst Bier trank und wo heute ein Friseur sein Geld verdient, eine schöne junge Frau Afro-Locken drehen. Ihr Name sei Mueni, sagt sie.

Donnerndes Wasser, schäumende Gischt, ein Regenbogen: Die Murchison Falls im Nordwesten Ugandas sind zwar längst nicht die tiefsten Wasserfälle Afrikas, aber sie sind enorm kraftvoll. Wer "African Queen" mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart gesehen hat, der hat auch die Nilfälle unweit des Lake Albert gesehen. Diesen Schauplatz des Filmklassikers von John Houston wollte Mary unbedingt aus der Luft erleben. Am 21. Januar 1954 starteten die Hemingways in Nairobi, am Steuerknüppel der Cessna saß der erfahrene Roy Marsh. Sie flogen über den Großen Afrikanischen Grabenbruch, die "Wiege der Menschheit", über die Serengeti, den Ngorongoro und den Osten Kongos.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.