Ausflugstag fürs Solartaxi-Team Zauber von Petra

Das Solartaxi ist in Amman gestrandet. Saudi-Arabien lässt Louis Palmer und sein Team weiter auf das Visum warten. So bleibt genügend Zeit für ein Hitzetraining in der Wüste und einen Ausflug zur Weltkulturerbe-Stadt Petra.


Sonne hätten wir genug. Auch die Technik funktioniert einwandfrei, und das Team ist auch wieder komplett. Doch Saudi-Arabien nimmt sich für die Erteilung der Visa Zeit. Statt Tee zu trinken und Däumchen zu drehen, lassen wir das Solartaxi in Amman zurück und nehmen mit unserem Begleitfahrzeug den King's Highway, Richtung Süden.

In Amman ist Mario, 26, zu uns gestoßen, der ursprünglich gleichermaßen aus Albanien, Italien und Frankreich stammt. Diesen Sommer fährt er mit einem Motorrad und englischem Nummernschild durch den Nahen Osten, und für zwei Tage ist er unser Tour Guide und Dolmetscher. Denn Arabisch beherrscht er - nebst fünf weiteren Sprachen - ebenfalls fließend. Die Abende mit ihm sind kurzweilig und gefüllt mit Geschichten, die er als Bobby in England oder als Autoimporteur über den Ärmelkanal erlebt hat. Momentan bewirbt er sich beim Roten Kreuz für den Mittleren Osten, und wir alle hoffen, dass dies klappt, denn Motorradfahren tut er wie ein Teufel.

Die Royal Society for Conservation of Nature hatte uns eine Übernachtung in ihrer Lodge im Dana Nationalpark offeriert. Eine steile, schmale Straße windet sich den letzten Kilometer zur Lodge hinunter, von wo aus wir am nächsten Morgen einen prächtigen Blick auf den Canyon tief unter uns genießen können. Rudi und Thomas gehen am Morgen früh joggen, doch sie sind gewarnt: Ihre heutige Jogging-Strecke führt sie tief in die Schlucht hinunter, und die angenehmen Temperaturen und die kühle Brise am Morgen um 6 Uhr täuschen. Es wird bald so heiß wie im Backofen.

Die Antilopen machen's richtig

Gierig auf ein Hitzetraining laufen die beiden davon. Im Tal unten leben noch ein paar der letzten Arabischen Beisas, grazile, weiße Wüstenantilopen, die hier einen ihrer letzten Zufluchtsorte gefunden haben. Die zwei Jogger suchen heute ihr Limit, und völlig erschöpft kommen sie mehr als eine Stunde später wieder aus dem Brutkasten heraus, natürlich ohne auch nur eine einzige Antilope gesehen zu haben. Kein Wunder, denn die Antilopen machen das einzig Richtige: Die verstecken sich den ganzen Tag unter einem schattigen Felsen. Trotzdem strahlen die zwei: Sie fühlen sich fit genug für Saudi-Arabien. Und dort wird's noch heißer!

Mario schwärmt von Petra. 280 Kilometer südlich von Amman liegt sie, die 1812 vom Schweizer Jean Louis Burckhardt entdeckte, unterirdische Felsenstadt. Diese Stadt war zwischen dem 5. Jahrhundert vor Christus und dem 3. Jahrhundert nach Christus ein bedeutender Handelsplatz, da sich hier viele Karawanenwege kreuzten und sie über eine sichere Wasserversorgung verfügte. Petra war kaum einnehmbar - die Berge rundherum gewährten einen einzigartigen Schutz vor Eindringlingen.

Mario führt uns zum Siq, zum Haupteingang, eine 1,5 Kilometer lange und bis zu 200 Meter tiefe Schlucht. Wir lassen uns treiben, bis unverhofft ein Spalt den Blick frei gibt auf einen Tempel, der aus Tausendundeine Nacht stammen könnte. Vor uns steht plötzlich die Schatzkammer der Nabataer, ein in Felsen gehauener Tempel, der vor dem überraschten Besucher so unverhofft wie atemberaubend in die Höhe ragt. Prompt erscheinen mir Bilder vor Augen, wie dieser sagenumwobene Ort hier einst ausgesehen haben muss: Ruhende Kamele, schwer bepackte Esel, jede Menge Waren aus dem ganzen Orient sowie in farbige Tücher gewickelte Händler tummelten sich hier. Es war ein wohlhabendes Volk, das hier Steuern und Zölle einstreichen konnte und vom Weltgeschehen rundherum unbeeinflusst während Jahrhunderten gut leben konnte. Erst nach zwei schweren Erdbeben und der Eroberung durch die Araber um 660 verließ der letzte Einwohner die Stadt, und sie versank in der Vergessenheit.

Rettung Wasserflasche

Heute ist Petra alles andere als vergessen. Allein im letzten Monat besuchten 36.000 Touristen diesen Ort, und der Tourismus in Jordanien boomt trotz allen Krisenherden rundherum. Wir marschieren mit ein paar Wasserflaschen ausgerüstet durch das ganze Tal, vorbei an den antiken Höhlenwohnungen, bei sengender Hitze. Beduinen finden hier dank den Touristen ein Auskommen, indem sie Schmuck oder einen Ritt auf einem Kamel verkaufen. Tatsächlich sind manche Besucher froh, ein Kamel besteigen zu können, denn die Temperatur erreicht heute Spitzenwerte von gut 42 Grad Celsius, und mancher scheint sich nur noch an seine Wasserflasche klammern zu können.

Wir marschieren an den Beduinen vorbei, wir wollen uns ja auf Saudi Arabien vorbereiten, und so halten wir durch, bis wir oben auf dem Berg vor einem steilen Abhang angekommen sind. Das Panorama der tief unten liegenden Ebene entschädigt für alle Strapazen. Auf dem Rückweg wird uns nochmals bewusst, welche wunderbaren Schätze es auf dieser Welt gibt und wie einfallsreich die Menschheit schon immer war, um sich vor Gefahren zu schützen.

Auch diese Nacht wurden wir von einem Luxushotel eingeladen - und so lassen wir es uns im Swimmingpool des Hotels nochmals gut gehen das direkt am Eingang zu Petra liegt. Wann wir das nächste Mal solch eine Abkühlung erleben, daran wagen wir noch gar nicht zu denken. Von Tag zu Tag stellen wir uns immer mehr darauf ein, dass Saudi-Arabien eine harte Tour wird. Niemand kennt jemanden, der schon durch gefahren ist. Wir studieren die Karte und sehen, dass wir auf den nächsten 3000 Kilometern kaum eine Kurve kriegen müssen. Die Straßen sind gerade gezogene Linien. Irgendwie unheimlich.



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