Fotostrecke

Gut gemixt: New Orleans durchs Glas betrachtet

Foto: peeterv/ Getty Images/iStockphoto

Cocktailbars in New Orleans Eine starke Mischung

In den einst boomenden Bars von New Orleans war lange kein guter Drink zu haben. Erst seit Kurzem sorgen neue Lokale und Events für ein Comeback des Cocktails.

Der Bundespolizist Izzy Einstein war einer der meistgehassten Männer Amerikas - und auch ein sehr akribischer Beamter. Nachdem Mitte Januar 1920 das nationale Alkoholverbot in Kraft trat, jagte er nicht nur Gesetzesbrecher, in Zeiten der Prohibition war Einstein auch ein eifriger Listenschreiber. Er wollte wissen: Wie lange dauert es in verschiedenen Städten, bis ihm jemand heimlich Alkohol anbietet? Ganz oben in seinem Ranking: die Südstaatenstadt New Orleans. Am Missisippi dauerte es nur 35 Sekunden, bis Einstein nach Ankunft die erste Offerte bekam - von einem Taxifahrer am Bahnhof.

Prohibitionsagenten wie Einstein kämpften auf verlorenem Posten. Nie gelang es dem Staat, das Verbot - nicht nur der Verkauf, auch die Herstellung und der Transport von Alkohol waren untersagt - tatsächlich durchzusetzen. Überall war geschmuggelter oder heimlich produzierter Alkohol zu haben.

Dennoch litten Städte wie New Orleans, in denen die Cocktailkultur boomte, unter der Prohibition. Bars, in denen berühmte Drinks wie Sazerac oder Ramos Gin Fizz erstmals serviert wurden, mussten schließen. Obwohl das Alkoholverbot 1933 aufgehoben wurde, richtig gut gemixt wird in New Orleans erst seit einigen Jahren wieder.

Fotostrecke

Gut gemixt: New Orleans durchs Glas betrachtet

Foto: peeterv/ Getty Images/iStockphoto

Eine der Topkennerinnen der Szene ist Elizabeth Pierce . Die 47-Jährige schreibt Bücher über die besten Bars der Stadt, interviewt Barkeeper für ihren Podcast und erklärt Touristen als Stadtführerin anhand von Cocktails die Geschichte von New Orleans.

Für ein Gespräch bittet sie in den Garten der kürzlich eröffneten Bar Jewel of the South  und bestellt einen Creole. Die Rezeptur aus Rye Whiskey, Amer Picon Replica, italienischem Wermut und dem Kräuterlikör Bénédictine hat der Barkeeper in einem alten Buch entdeckt und direkt auf die Karte gesetzt.

Für Pierce kommt das nicht überraschend, steckt die Stadt am Mississippi doch voller vergessener Cocktailgeschichten. Und die sind, sagt sie, eine Folge des bunten Völkergemisches, das sich am Mississippi niederließ. Einst gründeten die Franzosen die Stadt, anschließend übernahmen die Spanier, dann die Amerikaner.

Als wichtiger Handelshafen war New Orleans mit der ganzen Welt verbunden, besonders aber mit der Karibik und ihrem kulturellen Erbe, das auch die in Louisiana Versklavten bewahrten. Sie alle brachten ihre eigene Trinkkultur mit, eigene Rezepte und Geschichten. "Ein solches Amalgam unterschiedlicher Menschen wie hier gab es in Amerika nicht oft", sagt Pierce.

Die Wiederentdeckung des Cocktailwissens

Die Prohibition versetzte dieser lebendigen Cocktailkultur einen harten Schlag. Zwar wurde im Verborgenen weitergezecht - fast jedes Restaurant hatte sein Speakeasy, seine Flüsterkneipe. Doch im Untergrund litt die Qualität: In die Gläser kam Gepanschtes minderwertiger Qualität. Gute Barkeeper verließen die Stadt und das Land.

"Erst vor rund zwanzig Jahren haben wir angefangen, die Verheerungen der Prohibition hinter uns zu lassen", sagt Marvin Allen. Denn, so erzählt der Barchef der Carousel Bar  im Hotel Monteleone, die Prohibition ging in die Weltwirtschaftskrise über. Anschließend folgte der Zweite Weltkrieg. "Und als der endlich endete, war es nicht mehr möglich, an die alten Traditionen anzuknüpfen." Billiger Alkohol, in schlichten Drinks mit viel Zucker übertüncht, dominierte die amerikanische Trinkkultur.

Auf der Bourbon Street, der von Neonlichtern gesäumten Vergnügungsmeile der Stadt, kann man das noch besichtigen. Da man hier, anders als fast überall sonst in den USA, auf offener Straße trinken darf, bestellen die Gäste einen Drink - oft in neongrünen Plastikbechern serviert - nach dem nächsten. Das Ziel: Schnelles Tanken, nicht der Genuss. Um den ging es aber in den Bars, damals und heute wieder.

In der Carousel Bar sitzen die Gäste an einem historischen Holzkarussell, das sich alle 15 Minuten einmal um sich selbst dreht. Doch auch das Carousel musste erst wieder zu sich selbst finden. Als Allen vor 18 Jahren hier anfing, hatte die Bar nicht einmal ein Cocktailmenü. Allen sorgte dafür und setzte fast vergessene Klassiker wie den Sazerac auf die Karte. Das Ziel solcher Maßnahmen: Das Wissen um gute Cocktails nicht nur bei den Barkeepern, sondern auch bei den Gästen erneut zu wecken.

Kein Schickimicki, stattdessen gute und bezahlbare Drinks

Dies ist auch das zentrale Anliegen von Tales of the Cocktail . Das Festival lockt jedes Jahr im Juli bis zu 25.000 Gäste - Profis und private Cocktailfans. Letztere können im Rahmenprogramm die neuesten Kreationen testen. Zum Beispiel im Marilou . Während des Festivals lädt die Bar befreundete Barkeeper aus anderen Städten zum gemeinsamen Mixen ein.

Auch außerhalb des Events ist sie ein echter Hingucker: Im Stil der Prohibition verfügt sie über ein perfekt getarntes Speakeasy für Gäste des angeschlossenen Hotels. Auch außerhalb der Innenstadtbezirke schlägt die wiederentdeckte Cocktailkultur mittlerweile Wurzeln. Zum Beispiel in Mid City, wo T. Cole Newton das Twelve Mile Limit  eröffnet hat.

Newton kam 2006 - ein Jahr nachdem Hurrikan Katrina New Orleans verwüstete - in die Stadt, um beim Wiederaufbau zu helfen. Und ist bis heute geblieben. "Auch in diesem Gebäude hier stand damals zwei Meter hoch das Wasser", sagt Newton. Die verheerenden Wirbelsturmschäden waren allerdings nicht das einzige Problem. Auch die Sicherheitslage war katastrophal. Inzwischen ist die Gegend sicherer geworden, und die Anwohner drückt eine neue Sorge: die steigenden Mieten.

Newton weiß, dass auch Bars wie seine zur Gentrifizierung beitragen. Eine einfache Lösung des Problems sieht er nicht. Seine Bar hat er aber explizit als Dive Bar eingerichtet - als Nachbarschaftsbar: Kein Schickimicki, stattdessen hochwertige Cocktails zu vernünftigen Preisen. Auch das klingt doch nach einer Idee aus New Orleans, die es verdient hätte, zu einer Tradition zu werden.

Tobias Sauer ist freier Autor für den SPIEGEL. Seine Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsbüro New Orleans.