Aussteigertraum Yukon Meine weiße Wildnis

2. Teil: Zweiter Teil: Das weiße Schweigen


Auf dem Rückweg komme ich wieder ins Schwitzen, doch vorerst habe ich noch Glück. Über dem See rührt sich kein Lüftchen. Auch ohne Wind ist es so kalt, dass der Atem vor dem Gesicht gefriert. Mit dem gefüllten Wasserbehälter zieht sich der Schlitten nun schwerer. Zurück in der Hütte muss ich feststellen, dass ich zu wenig Holz nachgelegt habe. Der Ofen ist aus. Drinnen ist es nun so fast so kalt wie draußen. Zum Glück sind ein paar Scheite übrig. Die nächsten Arbeiten erledige ich fast mechanisch: Holz hacken, Feuer machen, Wasser aufsetzen. Ich möchte vorsorgen, stets heißes Wasser zur Hand haben, und vor allem: Der Ofen darf nicht mehr ausgehen.

Am frühen Nachmittag komme ich endlich zur Ruhe. Erst über der wärmenden Ofenplatte bemerke ich die Holzsplitter in meinen Händen. An einem halben Tag habe ich so viel Gewicht bewegt wie sonst in einem Monat nicht. Nach einem Vier- Eier-Omelette genehmige ich mir ein Nickerchen, aus dem ein dreistündiger Tiefschlaf wird.

Während der nächsten Tage stellt sich Routine ein. Wasser holen, Wasser lassen (im Plumpsklo neben der Hütte). Holz hacken und ständig nachlegen. Drei Scheite reichen drei Stunden, lerne ich rasch. Wasser aufsetzen, Essen kochen, essen, abwaschen. Spülwasser entsorgen, Hütte fegen. Der Alltag in der Wildnis hält mich ziemlich prosaisch auf Trab. Vier Bücher habe ich mitgebracht, zum Lesen komme ich jedoch kaum.

Die innere Uhr tickt deutlich langsamer

Nach und nach verwandeln sich manche Arbeiten in Rituale. Kaffee kochen und dem Dampf auf seinem Weg durch die Hütte nachschauen. Brotscheiben auf den Ofen legen und den Toastduft genießen. Brennholz nachlegen und die um die Scheite leckenden Flammen beobachten. Nichts geht im Handumdrehen und auf Knopfdruck. Alles dauert ein wenig länger und ist mit körperlicher Anstrengung verbunden. Doch es stört mich immer weniger. Meine innere Uhr tickt schon deutlich langsamer. Die Kälte draußen ist nicht länger mein Gegner. Ich lerne, mit ihr umzugehen. Alles, was unter zehn Minuten dauert, erledige ich ohne Mantel.

Ich wasche mich sogar im Schnee. Für größere Aktionen schütze ich mich mit mehreren Kleidungsschichten: Die Fehlerserie am Eisloch war mir eine Lehre. Die größte Herausforderung allerdings kommt erst noch. Als ich eines Morgens nach Richthofen Island aufbreche, um nach der alten Goldrauschhütte zu suchen, von der Scott erzählt hat, herrscht Bilderbuchwetter. Der Himmel ist stahlblau und wolkenlos, unter mir spannt das Eis knackend die Muskeln.

Auf halbem Weg kommt mir ein Hundeschlitten entgegen. Nachbar Ned Cathers ist auf dem Weg nach Hause: "Wohne da drüben", sagt er und zeigt auf eine Bergfalte am gegenüberliegenden Ufer. Auch durch das Fernglas sehe ich nichts als Bäume, Busch und Felsen. "Im Sommer nehme ich die Logging Road, zum Klondike Highway, da steht mein Truck. Im Winter nehme ich den Hundeschlitten." Und im Frühjahr, wenn es taut? Ned grinst nachsichtig: "Dann sind wir zwei Monate lang abgeschnitten und genießen unsere Ruhe."

Drei Stunden später erreiche ich die Hütte. Sie steht auf einer kleinen Anhöhe, dunkel und verfallen. Während des Goldrauschs, hat Ned erzählt, habe sie einem Mann gehört, der hier jeden Sommer 500 Schlittenhunde versorgte, ehe sie im Winter wieder für die Transporte angespannt wurden. Ich verzehre meinen Proviant und mache mich auf den Heimweg. Dann schieben sich Wolken vor die Sonne. Augenblicklich verschwinden alle Farben. Selbst das Rot meines Mantels wirkt matt. Die morgens noch strahlend weiße Schneedecke verwandelt sich in ein graues Tuch. Auf einmal wäre ich am liebsten woanders.

Das Knacken im Eis klingt bedrohlich. Die sieben Kilometer über den Lake Laberge zurück zur Hütte kommen mir vor wie 70: Ich gehe und gehe, doch die Hütte rückt nicht näher. Einmal halte ich an. Aber nur sehr kurz. Ich will wieder das beruhigende Knarzen des harten Schnees unter meinen Stiefeln hören. Denn die Stille ist kaum auszuhalten. Nichts rührt sich, nichts bewegt sich, ich bin der einzige Mensch auf der Welt. Die Alten vom Yukon sagen, die Ruhe mache taub, da man glaube, sein Gehör verloren zu haben. Es ist das weiße Schweigen, von dem Jack London gesprochen hat.

Zurück nur mit Eisbohrer

Den letzten Kilometer marschiere ich im Mondlicht. Der Mond erscheint mir heller als vorhin die Sonne. Die Bäume am Ufer vor der Hütte werfen unheimliche Schatten auf den fahlblauen Schnee. Zum Schluss schafft es die Kälte doch noch unter meine Kleider. Als endlich der schwarze Umriss meiner Hütte in Sicht kommt, fällt mir ein Stein vom Herzen. Drinnen ein Erfolgserlebnis: Im Ofen schimmert noch Glut. Während meiner Rituale - Scheite nachlegen, Wasser aufsetzen, essen, aufräumen - kommt die Sicherheit zurück, die mich auf dem Rückweg verlassen hatte. Nachts wache ich noch einmal auf. Es ist so still. Dann höre ich ein merkwürdiges Geräusch. Etwas scheint an der Wand zu kratzen. Ich stehe auf, ziehe die Werkzeugkiste gegen die Tür und lege mich wieder hin.

Am nächsten Morgen kommt Harris, Scotts rechte Hand, ein bärtiger Yukon-Oldtimer unbestimmbaren Alters, um mich abzuholen. Ich begrüße ihn mit gemischten Gefühlen. Einerseits stört er meine Kreise, zugleich freue ich mich über Gesellschaft. Während er überall nach dem Rechten sieht, werfe ich meine Sachen in den Koffer und lasse den Blick ein letztes Mal durch die Hütte schweifen. So idyllisch wie auf dem Foto bei meiner Zahnärztin war es nicht. Der Yukon hat mir die Romantik ausgetrieben. Doch als sie sich erkundigt, wo ich gewesen bin, deute ich auf das Bild an der Decke über dem Behandlungsstuhl. In diesem Augenblick bin ich mir sicher, dass ich dorthin zurück will. Dann aber mit Eisbohrer.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.