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06. März 2006, 09:32 Uhr

Aussteigertraum Yukon

Meine weiße Wildnis

Unendliche Weite, nichts als verschneite Wildnis. In Kanadas äußerstem Nordwesten wird ein Aussteigertraum wahr: Autor Ole Helmhausen erlebt allein in einer Blockhütte einen Winter jenseits der Zivilisation.

Eine tief verschneite Blockhütte. Aus dem Schornstein steigt Rauch auf. Warmes Licht fällt aus einem winzigen Fenster, das gerade noch aus dem Schnee ragt. Dort möchte ich jetzt sein. Ich würde vor dem Ofen hocken, Scheite nachlegen, dem Prasseln und Knistern lauschen, mir heißen Tee einschenken und Wärme, Ruhe und Frieden genießen.

Aber ich genieße gar nichts. Ich liege im Behandlungsstuhl meiner Zahnärztin in Toronto. Sie macht sich über meinen entzündeten Wurzelkanal her. Mein einziger Fluchtweg aus Schmerzen und Betäubung ist ein Poster, das direkt über mir an der Decke hängt: eine Blockhütte im Schnee, nur das Dach ragt heraus, aus dem Schornstein steigt Rauch auf...

Das Bild von einem Wintertraum spukt mir noch durch den Kopf, als ich abends im Bett liege. Der Kühlschrank springt an. Türen schlagen. Draußen fahren Autos vorbei. Eine Alarmanlage heult. Große Städte leiden unter Schlaflosigkeit. Ich auch. Ich wälze mich auf die Seite, aber davon geht die Spannung in meinem Rücken auch nicht weg. Ich müsste mal wieder Sport treiben. Oder körperlich arbeiten. Draußen kicken Nachtschwärmer eine Blechdose durch die Straße. Ich wünsche mich zurück in das Poster. Bestimmt würde ich in der Hütte tief und entspannt schlafen. Ich hätte ein paar Kubikmeter Schnee geräumt, Holz gehackt, Feuer gemacht, Fische geangelt. Ich wäre rechtschaffen müde. Kein Geräusch würde stören. Es ist Ende März, ich bin aufgebrochen, meinen Traum wahr zu machen.

Meine Hütte liegt am Lake Laberge, am Klondike Highway. Mit Scott McDougall vom Veranstalter "Kanoe People" bin ich von Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon Territory, etwa eine Stunde auf dem Highway nach Norden gefahren. Dann brachte er mich mit dem Schneemobil über eine gut fünf Kilometer lange Piste bis zu einer kleinen Bucht an dem weiten zugefrorenen See. Er half mir beim Abladen der Vorräte und verabschiedete sich. So einfach geht das, wenn man mal ganz allein sein und seine Ruhe haben will.

Die Hütte besteht aus einem einzigen Raum mit Bett, Tisch und Stühlen. Kein Strom, kein fließend Wasser. Ein Bollerofen steht darin, ein Gasherd, in einer Ecke eine Kiste mit Werkzeug. Proviant habe ich mitgebracht - wahrscheinlich viel zu viel. Durchs Fenster über dem Tisch kann ich nach Richthofen Island blicken, der Insel in der Mitte des Sees.

Zeit ist am Yukon nicht wichtig. Überleben schon

Eigentlich ist der Lake Laberge kein richtiger See, sondern eine 30 Meilen lange Verbreiterung des Yukon River. Zu Goldrauschzeiten im 19. Jahrhundert schipperten zehntausende Abenteurer auf dem Weg nach Dawson City hier vorbei. Mein nächster Nachbar lebt 20 Autominuten entfernt. Auf der anderen Seite des Klondike Highway erhebt sich die 2000 Meter hohe Miners Range, ein Höhenzug, dessen monotone runde Kuppen das Einsamkeitsgefühl noch verstärken.

Am nächsten Tag stehe ich mitten auf dem Lake Laberge - und finde es gar nicht mehr so wohltuend, meine Muskeln zu spüren. Nach über einer Stunde Plackerei wiegt die Axt in meinen Händen eine Tonne. Der Schweiß fließt in Strömen - was ich unbedingt vermeiden sollte, wie mir erfahrene Yukoner geraten hatten: Wer bei minus 20 Grad schwitzt, läuft den Rest des Tages in Kleidern umher, die nicht mehr trocknen. Deshalb legen die Leute, wenn sie im Winter hier draußen malochen, ausgedehnte Pausen ein, sobald ihnen zu warm wird.

Zeit ist am Yukon nicht wichtig. Überleben schon. Doch mich treibt sportlicher Ehrgeiz. Eine Stunde habe ich veranschlagt, um ein Loch ins Eis zu schlagen. Ich brauche ja Wasser, zum Trinken, Kochen und Waschen. Zudem will ich angeln. Und ich finde die Vorstellung schön romantisch: Jeden Morgen, noch vor dem Rasieren, würde ich mit Eimern zum See hinunter gehen, mich mit dem eiskalten Wasser waschen - kann es etwas Natürlicheres geben?

Jack Londons Greenhorn

Doch nun drohe ich zu scheitern wie ein Greenhorn bei Jack London: zugrunde gegangen an der eigenen Dummheit. Zwischen mir und dem Wasser liegt Eis, so schwarz und dick, wie ich es noch nie gesehen habe. Nach einer Stunde Hacken ist das verdammte Loch erst einen halben Meter tief. Ein Bohrer wäre jetzt prima. Scott hatte ihn mir angeboten. Aber das erschien mir nicht stilecht, ich lehnte ab. Seinen Rat, die Wände senkrecht zu halten, damit das Loch bereits beim Durchstoß groß genug zum Angeln ist, habe ich in meinem Eifer auch nicht beherzigt. Meines ist eher eine trichterförmige Schüssel.

Es kommt also, wie es kommen muss: Nach weiteren 20 Zentimetern stoße ich zwar ins Wasser durch, doch die Öffnung flutet sofort voll - und ich kann das Loch nicht mehr erweitern. Zum Wasserschöpfen reicht es zwar, doch die Forellen zum Abendessen kann ich vergessen. Jack London, der Schriftsteller, der den Yukon vor hundert Jahren in Klassikern wie "Ruf der Wildnis" und "Wolfsblut" verewigte, hatte vor dem Winter in diesen Breiten einen Heidenrespekt. Die Natur, schrieb er, habe viele Möglichkeiten, den Menschen von seiner Sterblichkeit zu überzeugen, doch am betäubendsten sei "die totengleiche Ruhe des weißen Schweigens".

Diese Sätze gehen mir auf dem Rückweg zur Hütte durch den Kopf. Ich wollte das Kontrastprogramm zur Zivilisation, nun habe ich es. Die Sache mit dem Loch hat meiner Euphorie einen Dämpfer versetzt. Das hatte ich mir leichter vorgestellt.


Zweiter Teil: Das weiße Schweigen

Auf dem Rückweg komme ich wieder ins Schwitzen, doch vorerst habe ich noch Glück. Über dem See rührt sich kein Lüftchen. Auch ohne Wind ist es so kalt, dass der Atem vor dem Gesicht gefriert. Mit dem gefüllten Wasserbehälter zieht sich der Schlitten nun schwerer. Zurück in der Hütte muss ich feststellen, dass ich zu wenig Holz nachgelegt habe. Der Ofen ist aus. Drinnen ist es nun so fast so kalt wie draußen. Zum Glück sind ein paar Scheite übrig. Die nächsten Arbeiten erledige ich fast mechanisch: Holz hacken, Feuer machen, Wasser aufsetzen. Ich möchte vorsorgen, stets heißes Wasser zur Hand haben, und vor allem: Der Ofen darf nicht mehr ausgehen.

Am frühen Nachmittag komme ich endlich zur Ruhe. Erst über der wärmenden Ofenplatte bemerke ich die Holzsplitter in meinen Händen. An einem halben Tag habe ich so viel Gewicht bewegt wie sonst in einem Monat nicht. Nach einem Vier- Eier-Omelette genehmige ich mir ein Nickerchen, aus dem ein dreistündiger Tiefschlaf wird.

Während der nächsten Tage stellt sich Routine ein. Wasser holen, Wasser lassen (im Plumpsklo neben der Hütte). Holz hacken und ständig nachlegen. Drei Scheite reichen drei Stunden, lerne ich rasch. Wasser aufsetzen, Essen kochen, essen, abwaschen. Spülwasser entsorgen, Hütte fegen. Der Alltag in der Wildnis hält mich ziemlich prosaisch auf Trab. Vier Bücher habe ich mitgebracht, zum Lesen komme ich jedoch kaum.

Die innere Uhr tickt deutlich langsamer

Nach und nach verwandeln sich manche Arbeiten in Rituale. Kaffee kochen und dem Dampf auf seinem Weg durch die Hütte nachschauen. Brotscheiben auf den Ofen legen und den Toastduft genießen. Brennholz nachlegen und die um die Scheite leckenden Flammen beobachten. Nichts geht im Handumdrehen und auf Knopfdruck. Alles dauert ein wenig länger und ist mit körperlicher Anstrengung verbunden. Doch es stört mich immer weniger. Meine innere Uhr tickt schon deutlich langsamer. Die Kälte draußen ist nicht länger mein Gegner. Ich lerne, mit ihr umzugehen. Alles, was unter zehn Minuten dauert, erledige ich ohne Mantel.

Ich wasche mich sogar im Schnee. Für größere Aktionen schütze ich mich mit mehreren Kleidungsschichten: Die Fehlerserie am Eisloch war mir eine Lehre. Die größte Herausforderung allerdings kommt erst noch. Als ich eines Morgens nach Richthofen Island aufbreche, um nach der alten Goldrauschhütte zu suchen, von der Scott erzählt hat, herrscht Bilderbuchwetter. Der Himmel ist stahlblau und wolkenlos, unter mir spannt das Eis knackend die Muskeln.

Auf halbem Weg kommt mir ein Hundeschlitten entgegen. Nachbar Ned Cathers ist auf dem Weg nach Hause: "Wohne da drüben", sagt er und zeigt auf eine Bergfalte am gegenüberliegenden Ufer. Auch durch das Fernglas sehe ich nichts als Bäume, Busch und Felsen. "Im Sommer nehme ich die Logging Road, zum Klondike Highway, da steht mein Truck. Im Winter nehme ich den Hundeschlitten." Und im Frühjahr, wenn es taut? Ned grinst nachsichtig: "Dann sind wir zwei Monate lang abgeschnitten und genießen unsere Ruhe."

Drei Stunden später erreiche ich die Hütte. Sie steht auf einer kleinen Anhöhe, dunkel und verfallen. Während des Goldrauschs, hat Ned erzählt, habe sie einem Mann gehört, der hier jeden Sommer 500 Schlittenhunde versorgte, ehe sie im Winter wieder für die Transporte angespannt wurden. Ich verzehre meinen Proviant und mache mich auf den Heimweg. Dann schieben sich Wolken vor die Sonne. Augenblicklich verschwinden alle Farben. Selbst das Rot meines Mantels wirkt matt. Die morgens noch strahlend weiße Schneedecke verwandelt sich in ein graues Tuch. Auf einmal wäre ich am liebsten woanders.

Das Knacken im Eis klingt bedrohlich. Die sieben Kilometer über den Lake Laberge zurück zur Hütte kommen mir vor wie 70: Ich gehe und gehe, doch die Hütte rückt nicht näher. Einmal halte ich an. Aber nur sehr kurz. Ich will wieder das beruhigende Knarzen des harten Schnees unter meinen Stiefeln hören. Denn die Stille ist kaum auszuhalten. Nichts rührt sich, nichts bewegt sich, ich bin der einzige Mensch auf der Welt. Die Alten vom Yukon sagen, die Ruhe mache taub, da man glaube, sein Gehör verloren zu haben. Es ist das weiße Schweigen, von dem Jack London gesprochen hat.

Zurück nur mit Eisbohrer

Den letzten Kilometer marschiere ich im Mondlicht. Der Mond erscheint mir heller als vorhin die Sonne. Die Bäume am Ufer vor der Hütte werfen unheimliche Schatten auf den fahlblauen Schnee. Zum Schluss schafft es die Kälte doch noch unter meine Kleider. Als endlich der schwarze Umriss meiner Hütte in Sicht kommt, fällt mir ein Stein vom Herzen. Drinnen ein Erfolgserlebnis: Im Ofen schimmert noch Glut. Während meiner Rituale - Scheite nachlegen, Wasser aufsetzen, essen, aufräumen - kommt die Sicherheit zurück, die mich auf dem Rückweg verlassen hatte. Nachts wache ich noch einmal auf. Es ist so still. Dann höre ich ein merkwürdiges Geräusch. Etwas scheint an der Wand zu kratzen. Ich stehe auf, ziehe die Werkzeugkiste gegen die Tür und lege mich wieder hin.

Am nächsten Morgen kommt Harris, Scotts rechte Hand, ein bärtiger Yukon-Oldtimer unbestimmbaren Alters, um mich abzuholen. Ich begrüße ihn mit gemischten Gefühlen. Einerseits stört er meine Kreise, zugleich freue ich mich über Gesellschaft. Während er überall nach dem Rechten sieht, werfe ich meine Sachen in den Koffer und lasse den Blick ein letztes Mal durch die Hütte schweifen. So idyllisch wie auf dem Foto bei meiner Zahnärztin war es nicht. Der Yukon hat mir die Romantik ausgetrieben. Doch als sie sich erkundigt, wo ich gewesen bin, deute ich auf das Bild an der Decke über dem Behandlungsstuhl. In diesem Augenblick bin ich mir sicher, dass ich dorthin zurück will. Dann aber mit Eisbohrer.

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