Australien Die Freaks von White Cliffs

Von der einst blühenden Wüstenstadt White Cliffs ist nicht viel übrig geblieben: eine Mondlandschaft - und die letzten Opalsüchtigen des Kontinents. Sie teilen sich mit Ziege, Schwein und Hund einen Wohnwagen und graben sich in Höhlen ein, wo sie Opale suchen. Und Freiheit finden.

Von Meike Kirsch


Der Weg zu Patch? Ganz einfach: beim verrottenden Sessel links abbiegen, am halben Fernsehgerät vorbeifahren und vor dem roten Ford Falcon stoppen. Auf dem Dach des Autos steht eine übergewichtige Ziege. Im Schatten unter einem Wohnwagen, lungert ein schlammverkrustetes Schwein. Als wir aussteigen, quiekt es so schrill, dass die Tür des Wohnwagens sofort auffliegt: Patch kommt heraus.

Er schaut uns an, eine schwarze Augenklappe verdeckt sein rechtes Auge. Über dem linken klafft eine Narbe, groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Dort war die Kugel, die seinen Schädel durchschlug, wieder ausgedrungen. Zwei Dosenbier später erzählt uns Patch, dass er in Algerien versucht hatte, mit Vollgas durch eine Straßensperre zu fahren. Angeblich im Urlaub.

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White Cliffs: Opale am Himmel

Patch heißt eigentlich Michael Kooyman und hat sieben Jahre studiert: Psychologie und Soziologie - bis zum Doktortitel. Er und seine Frau, eine Kinderärztin aus Adelaide, haben zwei Söhne und eine Tochter, verdienten 12.000 australische Dollar die Woche. "Aber war ich glücklich?" Als Antwort krault Patch seine Ziege. Heute lebt der Mann mit der Augenklappe von 824 Dollar Arbeitslosengeld im Monat inklusive remote area allowance, einem Bonus für Einwohner besonders abgelegener Gebiete.

Das neue Leben kostete ihn außer Entschlossenheit nur sechs Flaschen Bier, die er gegen den klapprigen Wohnwagen tauschte. Reifen hatte seine Bleibe keine, ihre Felgen versanken rostend im Staub, aber das war unerheblich. Sie sollte genau da stehen bleiben, wo sie stand: auf dem Mond.

Patch lässt den Blick über das Gelände gleiten: Er kann keine andere Behausung erkennen, kaum einen Baum oder Strauch, bis sich in der Ferne Himmel und Erde treffen. Alles, was er sieht, sind Krater aus weißem Staub. Sie umgeben Patch zahlreicher als Buschfliegen - und diese Biester schwärmen immer gleich zu Hunderten aus, direkt nach Sonnenaufgang. Patch ist schon zu lange hier, um noch nach ihnen zu schlagen. Eigentlich wollte er nur eine Woche im Urlaub bleiben, das war 1972, aber er ist süchtig geworden. Süchtig nach der Freiheit, die der Wind in White Cliffs mit sich trägt.

14 Liter am Tag und nur zweimal aufs Klo

Im Sommer leben nicht einmal 75 Menschen in diesem Ort. White Cliffs liegt im nordwestlichsten Winkel des Bundesstaates New South Wales. Im Central Darling Shire, einem Verwaltungsbezirk mehr als doppelt so groß wie Hessen - aber mit nur 2600 Einwohnern. Wer zum nächsten Supermarkt in Broken Hill will, fährt 590 Kilometer hin und zurück. Doch niemand im Outback rechnet in Kilometern. Entfernungen werden in Tagesreisen angegeben - und Temperaturen in getrunkenen Litern, die man ausschwitzt: Gewöhnlich sind es wolkenlose "14 Liter am Tag und nur zweimal aufs Klo" von November bis Februar, also etwas über 45 Grad.

Aber auch 51 Grad hat Wendy Dowton schon gemessen, wir treffen sie in ihrem Postamt, das gleichzeitig die Wetterstation von White Cliffs ist. Jeden Tag füllt sie einen Bogen aus, schickt ihn an das australische "Bureau of Meteorology". Es ist an den extremen Messdaten besonders interessiert. Auch ein Feld für die Schneetiefe hat das Amt vorgesehen. Dowton lacht, da hat sie noch nie etwas eintragen müssen. In die Spalte "Regen" schreibt sie heute 0,0 Milliliter - wie seit Wochen.

Die flirrende Luft lässt Bäume am Horizont gedeihen und riesenhafte Seen schimmern, wo keine sind. Die meisten Menschen hier graben sich ein, leben das ganze Jahr in Höhlen - bei konstanten 22 Grad ganz ohne Klimaanlage. Natürlich fragen sie kein Bauamt um Genehmigung für ihre dugouts. Wachsen Familie oder Ansprüche, wächst auch das unterirdische Reich im Sandstein - bis der Presslufthammer zum Nachbarn durchbricht. Acht von zehn Wohnungen im Ort verraten sich nur durch Lüftungsschächte und Satellitenschüsseln, die aus dem Staub ragen. Oberirdisch besteht White Cliffs aus nicht viel mehr als zwei kurzen Teerstraßen. Dort, wo sich die Straßen kreuzen, sind ein Pub und der corner store, ein winziger Laden mit Konservendosen, gekühlten Getränken und zwei Zapfsäulen. 100 Meter entfernt das Postamt, eine Krankenstation und die Schule für zehn Kinder.

Erstes Opalfeld Australiens

Unvorstellbar, dass White Cliffs mal eine prosperierende Stadt war: 1889 hatte ein Känguru-Jäger hier per Zufall einen Opal entdeckt - sein Pferd war über den Stein gestolpert, der in Regenbogenfarben schillerte. Als sich die Nachricht verbreitete, strömten Glücksritter schnell in die lebensfeindliche Wüste, in der Wasserlöcher fast ausgetrocknet waren. White Cliffs wurde zum ersten Opalfeld in Australien. 1899 wühlten schon 2500 Männer, viele hatten Frau und Kinder mitgebracht.

Es gab sieben Lebensmittelläden, fünf Hotels, vier Cricketclubs, drei Konditoreien - und zwei Dutzend Bordelle. Kamele trugen einen Großteil des Nachschubs für die junge Stadt heran. Der Reichtum war so offensichtlich, dass die Postkutscher von White Cliffs mehrfach in Pistolenläufe blickten. Mancher Ganove flüchtete beladen mit Opalen und Schecks, trotz der großen Distanzen auf dem Fahrrad, dem gebräuchlichsten Fortbewegungsmittel jener Zeit.

1914 brachen die Opalmärkte zusammen: Der Krieg in Europa machte aus den deutschen Händlern, den einstigen Hauptabnehmern der glitzernden Steine, fast über Nacht Feinde der Australier. Im Pub schüttete sich ein verzweifelter Opalsucher Strychnin in seinen Brandy, weitere Selbstmorde folgten. Zu Fuß, mit Fahrrädern oder Kutschen verließen Hunderte den Ort. White Cliffs blieben gerade 30 Menschen - und 50.000 Krater, die bis heute wie frisch ausgehobene Gräber klaffen.

Doch ausgestorben sind sie nie ganz, die Opalsüchtigen, die davon reden, befallen worden zu sein vom opal bug, und sich fiebrig durch die Erde quälen. Der Süchtigste von allen sei ihr Schwager, hat uns Wendy Dowton, die Frau vom Postamt, verraten. Irgendwo aus den Tiefen seiner Höhle holt er für uns einen so genannten pineapple, einen dieser äußerst seltenen Opale in Form eines faustgroßen Kiefernzapfens, wie sie nur in White Cliffs gefunden werden. Mit dem Stein steht Graeme Dowton vor dem Dugout in der Mittagssonne, um ihn herum flattern Hühner im Sand, seine drei Kinder - vier, sieben und neun Jahre - fahren Moped.

"Der Opal ließ sich pflücken wie eine reife Frucht"

Dowton ist ein blasser Typ mit sanftblauen Augen und dünnen Lippen. Das aber ändert sich, als er den Stein ein ums andere Mal wendet, ihm ein Geheimnisgrün entlockt und ein Blau, in dem der Himmel Wellen schlägt. Außer den Farben scheint für Dowton nichts mehr zu sein. Die Hühner gackern in weiter Ferne, der Sohn streitet mit der ältesten Tochter, schreit nach seinem Vater. "Bezaubernd", sagt Dowton nur und dreht den Opal ein weiteres Mal.

Wahrscheinlich ist Dowtons Pineapple der makelloseste überhaupt, der bisher aus der Erde kam. Sein Wert: eine halbe Million Dollar. An einem Sonntagabend 1996, Dowton weiß es wie heute, war er in den aufgegebenen Schacht gestiegen. Redback-Spinnen, eine Spezies an der Spitze von Australiens langer Liste tödlicher Kreaturen, suchten an den Wänden Kühle. Die Decke bröckelte, das Herz klopfte - und plötzlich sah Dowton den Regenbogen. Wie eine reife Frucht ließ er sich pflücken. Dowton, damals erst 24, raste, seinen ersten Pineapple im Handschuhfach, mit "einer Million km/h" in den Ort.

Spätestens in diesem Augenblick ist White Cliffs für ihn zum Gefängnis ohne Gitter geworden. Heute suchen er und sein Vater Ron im großen Stil. Von zwölf gefundenen Pineapples weiß das Finanzamt. Doch die wirkliche Zahl ist dreistellig. Er bringt den Pineapple zurück, zeigt uns seinen Dugout: Die Wohnung ist kühl, es dringt kaum Tageslicht ein. Ihre Wände sind grob behauen, die Decken gewölbt, Luftschächte führen nach oben. Kein Zimmergrundriss gleicht einem anderen: Das Wohnzimmer ist ein kathedralenartiger Raum, die Kinder spielen in eher runden Zimmern. Dowtons Sofa, Kühlschrank oder Küchenzeile sind weder besonders neu noch teuer. Ihr Geld investiert die Familie in Maschinen.

Am Horizont blühen Fata Morganen

Nach zehn Minuten Fahrt sind Vater und Sohn auf dem Opalfeld. Mit einem tonnenschweren Bohrer, riesig wie ein Lkw, stoßen sie in die Tiefe. Kreischend schraubt das Metall sich Zentimeter um Zentimeter in den von Hitze gestählten Boden. Am Horizont blühen Fata Morganen, der glutheiße Wind dreht sich immer schneller um sich selbst. Bald fegt er als Schlauch über den Staub, saugt einen Wolkenschleier nach dem anderen gierig in sich auf.

Dowton beachtet die Windhose nicht, er starrt auf die kleinen Steinchen, die nun, da sich der Bohrer wieder aus dem Boden windet, zu seinen Füßen rieseln: wertloser potch, milchig-trübe Steine, bei dieser Probebohrung glitzert nichts. Dowton fährt die Maschine zwei Meter weiter. Eigentlich dürfte er nicht überall suchen. Müsste jeden Claim, auf dem er bohrt, registrieren lassen. "Stimmt, im Moment ist das Gesetz nicht ganz auf unserer Seite", gibt er zu. Aber für Bürokratie fehlt die Geduld, denn irgendwo hier versteckt sich der Jahrtausendfund - the big one, Dowton ist absolut sicher. "Ich werde den neuen Rausch starten."

Opale am Himmel

Auf unserem Rückweg zum Ort winkt Patch uns von seinem Wohnwagen aus zu. Er füttert gerade Ziege und Schwein mit Hundefutter und erzählt, dass er sich vorgenommen hat, ein anderes Auto zu besorgen. Sein Ford, Baujahr 1973, springt nur noch selten an. "Aber es müsste ein rotes sein", sagt Patch. "Chops mag nur rote Autos." Patch wird sich das Auto ertauschen. Er wird Dreck schaufeln oder Kompressoren reparieren. Allerdings nur, wenn er Lust hat - und wenn es in diesem flüchtigen Augenblick zufällig einmal nicht zu heiß ist. Bei "14 Liter Wasser und zweimal Klo" schart Patch viel lieber Ziege und Schwein vor dem Wohnwagen um sich, dreht die Musik bis zum Anschlag und sitzt nackt unter seinem Plastiksack mit Duschkopf.

Das kühle Wasser rinnt auf seine Haut - und Patch blickt in den Himmel. Unmöglich kann er sich satt sehen am Stahlblau, Zartblau, Unendlichblau, das White Cliffs überspannt. Von seinem Stuhl aus sammelt er Opale am Himmel: Diese Momente, wenn ein zunächst kaum wahrnehmbares Rot im Westen aufglüht und schließlich in Nacht übergeht. Dann steht Patch auf, abgetrocknet vom Wind.



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