Sechs Wochen im Outback Allein unter Krokodilen

Der Australier Mike Atkinson hat sechs Wochen lang allein in Kimberley überlebt - einer der am dünnsten besiedelten Regionen der Erde. Angst habe der Survival-Trainer nur selten gehabt, sagt er. Dafür Hunger.

Michael Atkinson

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Nur wer genau hinschaut, erkennt die grauen Nüstern und die Augen, die aus dem dunklen Wasser herausschauen. Wie ein Seeungeheuer sieht das Krokodil aus, wie es da im Fluss treibt und nur darauf zu warten scheint, dass sich Beute nähert. Mike Atkinson greift sicherheitshalber einen dicken Ast und entfernt sich zügig, ohne zu rennen.

"Wer ein Krokodil sieht, sollte nicht versuchen, sich zu verstecken", sagt der 42-Jährige. Das mache die Tiere erst recht skeptisch. "Das ist wie mit Menschen: Wenn man einen Unbekannten auf der Straße sieht und er einfach nur vorbeiläuft, dann macht man sich keine großen Gedanken darum - aber sobald er stoppt, dich beobachtet und dann schnell wegläuft und sich versteckt, wird man misstrauisch, oder?"

Atkinson kennt sich aus mit Krokodilen. Und mit allerlei anderen gefährlichen Dingen, die im australischen Outback so lauern: Als Survival-Trainer weiß er, wie er sich vor Schlangen schützen kann, welche Beeren und Pflanzen essbar sind und wie er an Trinkwasser kommt. Sechs Wochen lang hat er sich selbst auf die Probe gestellt und versucht, allein in einer der am wenigsten besiedelten Gegenden der Welt zu überleben: in Kimberley in Westaustralien.

Weniger Gewicht, längerer Bart, Gesicht eingefallen

Die einzigen modernen Hilfsmittel, die er auf seiner Reise dabei hatte, waren Kameras und eine Drohne, um seine Reise zu filmen. Sein Film "Surviving the Outback" ist bei der diesjährigen Banff Mountain-Filmtour zu sehen. Er zeigt, was eine solche Expedition in der Wildnis mit einem Menschen macht: Sieben bis acht Kilogramm hat der Australier in den eineinhalb Monaten ohne gehaltvolle Mahlzeiten abgenommen. Der Bart wurde länger, das Gesicht braun gebrannt und eingefallen. Der anfangs noch zu Späßen aufgelegte Mann wirkt am Ende des Films immer abgeschlagener und ausgemergelter.

Die meisten Touristen versuchen es zu vermeiden, während einer Australien-Reise alleine im Outback fernab jeglicher Zivilisation zu landen - oder sie buchen teure Touren, bei denen sie, von Guides begleitet, einige Tage im einsamen Hinterland verbringen. Gemeint ist dabei jedoch meist das touristisch erschlossene Outback, etwa rund um den Uluru oder die Regenwälder nahe Queensland.

Atkinson jedoch begab sich in eine Gegend, in der es weder Straßen noch Siedlungen gibt. Zeitweise war er Hunderte Kilometer von der Zivilisation entfernt. Er hatte keine Möglichkeit, im Notfall Hilfe zu rufen. Seine Familie konnte über einen GPS-Tracker verfolgen, wo er sich gerade befand. Den habe er aber hauptsächlich dabei gehabt, damit die Behörden nicht das gesamte Gebiet hätten absuchen müssen, falls ihm etwas passiert wäre, sagt Atkinson.

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Westaustralien: Sechs Wochen allein im Outback

Überlebensprofi hin oder her - warum verbringt man freiwillig sechs Wochen in solch einem menschenleeren Terrain, wo Krokodile und Giftspinnen lauern? "Seit ich ein kleiner Junge war, hat mich das Überleben in der Wildnis fasziniert", sagt er dem SPIEGEL. "Ich hörte von der Geschichte zweier deutscher Piloten, die 1932 mit ihrem Flugzeug in Kimberley verunglückten und fünf Wochen dort überlebten, bevor sie von Aborigines gerettet wurden." Seitdem sei er davon besessen gewesen auszuprobieren, ob er auch überlebt hätte wie die Piloten, die außer ihrer antiquierten Ausrüstung nichts dabei hatten.

Atkinson studierte ihre Geschichte immer wieder. Er konstruierte das Floß, das sich die Piloten nach ihrer Bruchlandung aus den Überresten ihres Flugzeugs gebaut hatten, besorgte sich ihre Ausrüstungsgegenstände, ahmte ihre Kleidung nach und versuchte, die Begebenheiten von damals so gut wie möglich zu imitieren. Er nahm sogar zwei Bademäntel mit, aus denen die Flugpioniere damals Segel für das Floß gebaut hatten. "Mein Vorteil war, dass ich mich mit der australischen Flora und Fauna sehr gut auskenne. Die beiden Flugpioniere waren noch nie zuvor in Australien gewesen", sagt er.

Als Aborigines die Deutschen 1932 in einer Höhle fanden, waren diese abgemagert bis auf die Knochen. "Wären sie nicht gefunden worden, wären sie gestorben", sagt Atkinson. Er wollte es aus eigener Kraft zurück in die Zivilisation schaffen.

Ein großer Teil seiner Vorbereitungen habe darin bestanden, zu lernen, mit den Kameras umzugehen. "Ich hatte eine Drohne dabei, eine Unterwasserkamera und eine Kamera mit Bewegungsmelder", sagt er. Auch während der Expedition sei es die moderne Technik gewesen, die ihn am meisten aufgehalten habe: "Die Kameraausrüstung war schwer und ich musste ständig die Akkus mit Solarpanels laden oder wiederholen, wie ich Nahrung finde, damit ich es filmen kann", sagt er. "Meistens trug ich eine Kamera immer in der Hand, damit ich direkt draufhalten konnte, wenn ich zum Beispiel ein Krokodil gesehen habe."

Ob er Angst hatte, so ganz allein da draußen? "Nein", sagt er. "Es gibt keine Monster. Mir ist bewusst, dass es riskant ist, vor allem, weil ich allein bin. Aber ich entkräfte die Angst mit Fakten und gesundem Menschenverstand." Er fühle sich wohl, so ganz mit sich selbst.

Wie ein wirklicher Überlebenskampf wirkt Atkinsons Expedition tatsächlich nicht. Von der Verzweiflung, die die Piloten 1932 empfunden haben müssen, ist bei Atkinson nichts zu spüren. Er bleibt immer souverän, ein Mann, der weiß, was er tut. Er ortete sich mithilfe von Sternenbildern, bastelte sich einen Sonnenhut aus Blättern und schien immer genau zu wissen, was im Outback essbar ist. Auch im Nachhinein, als er von seiner Reise erzählt, wirkt er, als sei es keine besondere Leistung gewesen - in etwa so, als ob ein Europäer ein paar Nächte im Wald verbringt: Schon nicht ohne, aber auch kein großes Ding.

Angst nicht, aber Hunger

Selbst wenn er davon spricht, was er am schlimmsten fand, während der Zeit im Outback, hat er eine wissenschaftliche Erklärung: "Die ersten zwei Tage Hunger sind am schlimmsten, danach gewöhnt sich der Körper daran, nicht ausreichend Nahrung zu bekommen und stellt sich um", erklärt er nüchtern. Allerdings musste er ständig an Essen denken, besonders Kaffee habe er vermisst, sagt er. "Wahrscheinlich weil mein Körper Koffein, Fett und Flüssigkeit brauchte."

Als Atkinson nach rund sechs Wochen und 450 zurückgelegten Kilometern, von denen er etwa 100 Kilometer zu Fuß ging, im Kalumburu Township ankam, kaufte er sich als Erstes drei Pakete Eiskaffee und einen Erdbeerriegel. "Danach war ich vollgefressen", sagt er. "Mein Magen war so zusammengezogen von den Wochen davor."

Was für andere wie ein Albtraum klingt, beschreibt Atkinson als eines der schönsten Erlebnisse seines Lebens. "Wenn ich alt bin, werde ich mich am ehesten daran erinnern, dass ich allein und frei war in einer der letzten abgelegenen und paradiesischen Regionen der Erde", sagt er.

Die Bilder im Film geben ihm recht. Er habe mit Absicht keine GPS-Daten der schönen Orte, der Buchten und Strände auf seiner Website veröffentlicht. "Sonst setzen Touristen diese Orte auf ihre Bucketlist, und ehe man sich versieht, sind sie für immer zerstört", sagt er. "Der Wunsch, solche Orte zu erhalten, sollte größer sein als der Wunsch, sie zu kartografieren."



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olli0816 01.08.2019
1. Das Buch habe ich gelesen
Es ist von Hans Bertram "Flug in die Hölle". Für die beiden war das nicht so romantisch. Im Grunde hatten sie Glück, dass sie mit dem Leben davon gekommen sind. Wahrscheinlich gibts noch die vielen Fliegen, in dem Buch sind eindrucksvole Bilder davon. Im Grunde haben beide Piloten stark gelitten und der eine mußte sich lange erholen, weil er mental mit der Situation nicht zurecht gekommen ist. Die Reise fand 1932 statt. Herr Bertram war zur NS-Zeit in der SA und Anhänger dieses Regimes. Er schuf mehrere Filme, manches aus der NS-Zeit wurde als Propaganda eingestuft. Nach dem Krieg gründete er einen Flugdienst und wurde Verleger. Trotz der Sympathie zum Dritten Reich ein sehr interessanter Mann. Das Buch ist lesenswert, es beschreibt nicht nur den Teil im australischen Outback, sondern den gesamten Hinflug von Deutschland, seine Zeit nachdem sie gefunden wurden in Australien inklusive dem Rückflug. Es ist leicht über ebay oder eine Bücherei zu beschaffen. Eine Reise in einer komplett anderen Zeit. 1932 war der beschriebene Küstenabschnitt noch nicht einmal katographiert. Die Bilder finde ich sehr schön und es ist sicher ein großes Abenteuer gewesen, sechs Wochen Zeit dort verbringen zu dürfen. Danke für den Bericht.
hank99 01.08.2019
2. @olli0816
Danke für den Hinweis, klingt wirklich interessant.
sardor99 01.08.2019
3.
Zitat von olli0816Es ist von Hans Bertram "Flug in die Hölle". Für die beiden war das nicht so romantisch. Im Grunde hatten sie Glück, dass sie mit dem Leben davon gekommen sind. Wahrscheinlich gibts noch die vielen Fliegen, in dem Buch sind eindrucksvole Bilder davon. Im Grunde haben beide Piloten stark gelitten und der eine mußte sich lange erholen, weil er mental mit der Situation nicht zurecht gekommen ist. Die Reise fand 1932 statt. Herr Bertram war zur NS-Zeit in der SA und Anhänger dieses Regimes. Er schuf mehrere Filme, manches aus der NS-Zeit wurde als Propaganda eingestuft. Nach dem Krieg gründete er einen Flugdienst und wurde Verleger. Trotz der Sympathie zum Dritten Reich ein sehr interessanter Mann. Das Buch ist lesenswert, es beschreibt nicht nur den Teil im australischen Outback, sondern den gesamten Hinflug von Deutschland, seine Zeit nachdem sie gefunden wurden in Australien inklusive dem Rückflug. Es ist leicht über ebay oder eine Bücherei zu beschaffen. Eine Reise in einer komplett anderen Zeit. 1932 war der beschriebene Küstenabschnitt noch nicht einmal katographiert. Die Bilder finde ich sehr schön und es ist sicher ein großes Abenteuer gewesen, sechs Wochen Zeit dort verbringen zu dürfen. Danke für den Bericht.
Wurde auch als Mehrteiler fürs Fernsehen verfilmt - mit Nachbau der Junkers W 33: https://ssl.ofdb.de/film/104893,Flug-in-die-Hölle
Jetzt_mal_ernsthaft 01.08.2019
4. Gaaaaanz toller Typ
Wir waren auch da, hatten ein Funkgerät mit dem wir Kontakt zu den Flying Doctors aufnehmen konnten. Allerdings haben wir, als wir wieder zu hause waren, über die unglaubliche Schönheit und Einsamkeit gesprochen und davon Bilder gezeigt und nicht so sehr was wir doch für tolle Typen sind und wie wir es geschafft haben zu überleben. Na ja, wir sahen auch nicht so super kernig aus wie dieser Möchte-Gern Pionier. Peinlich auch wie er sein Exclusivwissen (GPS Daten) verteidigen will.
joenzon 02.08.2019
5. @Jetzt_mal_ernsthaft
Sie wollen doch wohl ihre tolle pauschal Wohlfühlreise ins Outback nicht mit der Reise des Herrn Atkinson vergleichen. Der Herr zeigt ganz gut wie man mit Erfahrung und Willen einige Woche ohne Hilfe im Outback überleben kann, quasi als Selbsterfahrung und weil er es genau so wollte. Und wenn dann für die Allgemeinheit Bild und Film herausspringt, umso besser.
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