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Simpson-Wüste: Australische Einsamkeit im Outback

Foto: Michael Martin

Australiens Simpson-Wüste Sandkastenspiele auf vier Rädern

Abenteuer Outback: Die Fahrt über australische Dünen gleicht einer Achterbahn, der Sand bedeutet jede Menge Strapazen. Doch dafür entschädigen die Wüsten-Abende - mit Steak, Bier und Sternenhimmel.
Von Michael Martin

Thommy ist sich ganz sicher: Bald wird der Marree Man wieder in der Wüste auftauchen. "Wenn die Pflanzen erst mal verdorrt sind, wird er zurückkommen", knurrt der süd-australische Straßenbauarbeiter mit dem verwitterten Gesicht, als ich ihm bei einer Tankpause im Marree Roadhouse gegenübersitze. Der Marree Man machte den Ort weltberühmt, nachdem hier der Buschpilot Trac Smith im Juni 1998 die 4,2 Kilometer große Erdzeichnung aus 1000 Meter Höhe entdeckte.

Um die Figur ranken sich bis heute wilde Spekulationen. Waren Außerirdische, Künstler oder Bauarbeiter die Erschaffer? Fakt ist, dass ein ungeheures Knowhow notwendig ist, um eine 20 Kilometer umfassende Figur in den Wüstenboden zu gravieren. Doch die starken Regenfälle der letzten Jahre haben Büsche und Gras so stark wachsen lassen, dass der Marree Man derzeit verschwunden ist.

Marree ist für uns Ausgangspunkt für eine Erkundung der Simpson-Wüste. Auf dem 500 Kilometer langen Birdsville Track geht es nach Norden. Es ist eng im Auto: Meine beiden Kinder Gina und David und seine Schulfreunde Paul und Gabriel sitzen zu viert auf der Rückbank, auf dem Beifahrersitz sitzt mein Freund Thilo. Bis auf die Überquerung des Cooper Creek mit einer Fähre bietet die Fahrt kaum Abwechslung.

Der Birdsville Track stellte einst eine wichtige Viehtriebroute dar, auf der Rinder nach Marree getrieben wurden, um sie auf die Eisenbahn zu verladen. Auch Birdsville erwacht nur während des jährlich stattfindenden Pferderennens. Den Rest des Jahres ist der kleine Ort Ausgangspunkt oder Ziel für die Durchquerung der Simpson-Wüste. Sie umfasst eine Fläche fast so groß wie Deutschland und ist die "Wüste der Wüsten" auf dem Fünften Kontinent. Sie gilt als das Paradebeispiel für eine sogenannte sandridge desert. Über manchmal Hunderte von Kilometer lassen sich manche der über 1000 Dünenkämme verfolgen.

Für Fahranfänger nicht zu empfehlen

Die Durchquerung der Simpson-Wüste entlang der sogenannten French Line gilt als die schwierigste und zugleich auch attraktivste Wüstenstrecke Australiens. Auf sie sollte sich aber nur wagen, wer Wüstenerfahrung und einen gut ausgerüsteten Geländewagen besitzt. Auch ich zolle dieser Route Respekt und besorge Kanister für insgesamt 200 Liter Diesel, außerdem müssen wir Wasser und Nahrung für sechs Personen mitführen. 45 Kilometer westlich von Birdsville beginnt das Auf und Ab durch die Dünen.

Die Dünenkämme verlaufen von Südost nach Nordwest, also quer zu unserer Fahrtrichtung. Die Ost-West-Durchquerung gilt als besonders schwierig, weil die Ostflanken der Dünen sehr steil sind. 200 Kilometer westlich von Birdsville erreichen wir Poeppels Corner, wo die Grenzen der Bundesstaaten Queensland, Northern Territory und South Australia aufeinander stoßen. Auf dem westlich gelegenen Salzsee errichten wir die Zelte um ein Feuer.

Westlich des Salzsees beginnt die sogenannte French Line, die in den sechziger Jahren von der French Petroleum Company markiert wurde. Sie stellt nichts weiter als eine einsame Spur im Sand dar, die auch für erfahrene Wüstenfahrer eine Herausforderung ist. Die größte Schwierigkeit besteht darin, dass die raue Piste zu vorsichtiger Fahrweise zwingt, aber gleichzeitig viel Schwung notwendig ist, um die steilen Ostflanken überhaupt zu bewältigen. Oftmals mit letzter Kraft schiebt der drehmomentstarke Dieselmotor den schweren Landcruiser über die Dünen.

Mit Fahne über die Düne

Nicht nur einmal brauchen wir mehrere Versuche, um eine Düne zu überwinden. Eine hohe Fahne soll dabei entgegenkommende Fahrzeuge am Dünenkamm warnen. Mittags haben wir gerade mal 40 Kilometer geschafft, mehr als 100 Kilometer pro Tag sind kaum drin. Die Landschaft ist monoton und aufgrund ihrer unendlichen Weite trotzdem faszinierend.

Der Sand ist ein guter Wasserspeicher, so dass 150 Millimeter jährlicher Niederschlag zu relativ dichter Vegetation führen. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man in der Simpson-Wüste genauso verdursten kann wie in der Sahara, denn Brunnen sind rar. Inzwischen wurde die Durchquerung in den extrem heißen Sommermonaten von den Behörden bei hohen Strafen verboten.

Abends sind vor allem die Kinder auf der Rückbank froh, dass das wilde Gekurve in den Dünen ein Ende hat. Die Jungs und Gina suchen Feuerholz und bauen dann ihr Zelt auf, Thilo und ich bereiten die Steaks vor, die wir in Birdsville besorgt haben und seitdem sorgfältig kühlen. Ein kaltes Bier in der Wüste gehört ferner zu den unvergesslichsten Erlebnissen einer solchen Tour durch Australien.

Abends merke ich immer besonders, wie die Wüste vor allem die Jungs beschäftigt. Als Stadtkinder kennen sie weder die Gefahr durch Schlangen noch das Kochen auf dem Feuer oder das Schlafen im Freien. "So einen Sternenhimmel hab ich noch nie gesehen", ist ihr einmütiger Kommentar. Meine Tochter Gina ist da abgeklärter, zu oft hat sie mich schon auf der ganzen Welt begleitet. Sie beschäftigt sich als Fotografiestudentin abends vor allem mit ihren Fotos, die sie auf ihrem Notebook bearbeitet.

Wasserstellen an der Bahntrasse

Der nächste Tag bringt noch einmal ein paar Stunden Sand-Achterbahn, dann haben wir beim Bohrloch Purni Bore die letzte Düne überquert. Eine Stunde später liegen wir im 37 Grad warmen Wasser in Dalhousie Springs. Es handelt sich um sogenannte mound springs, die als kleine Hügel in der ansonsten flachen Landschaft stehen und in deren Gipfelbereich das Quellwasser austritt. Dabei kommt es zum Ausfallen im Wasser gelöster Stoffe wie Sulfat, Karbonat und Chlorid, die den Hügel allmählich aufbauen. Das geht so lange weiter, bis der artesische Druck nicht mehr ausreicht, Wasser zu fördern.

Sie sind zu Dutzenden vor allem weiter südlich zu finden und bestimmten einst die Trassenführung des heutigen Oodnadatta Track und der Eisenbahn, boten sie doch Entdeckern, Siedlern und Bahnarbeitern eine sichere Wasserversorgung. Das Wasser stammt aus dem größten Grundwasserreservoir der Erde, dem Großen Artesischen Becken, und fiel einst als Regen in der Great Dividing Range in Queensland. Es ist bis zu zwei Millionen Jahre alt und trotzdem wunderbar frisch und sauber. Bis heute nutzen die Menschen am Rande der Simpson-Wüste das Wasser für Rinderfarmen und Minen.

Eine gute Piste bringt uns in das charmante kleine Oodnadatta. Mittelpunkt des Ortes ist das Pink Roadhouse, das von Adam und Lynnie seit 30 Jahren betrieben wird. Sie kamen als Hippies in den siebziger Jahren mit einer Kamel- und Eselskarawane aus Alice Springs hierher und blieben in dem staubigen Nest hängen. Die beiden Künstler zogen in Oodnadatta vier Kinder groß, die sie nicht in Internate, sondern in die örtliche Aborigines-Schule schickten. Es fällt auf, wie fair und herzlich die beiden mit den Aborigines unter den Gästen ihres Roadhouse umgehen.

Das Restaurant besitzt nicht nur wegen des konsequent quietschrosafarbenen Außen- und Innenanstrichs eine einzigartige Atmosphäre. Auch die Qualität der Hamburger sowie die Improvisationskünste der chaotischen Werkstatt sind weit über die Simpson-Wüste hinaus bekannt. Trotzdem wollen die beiden nun ihr legendäres Etablissement verkaufen und ihren Lebensabend mit Reisen verbringen. "Ich hatte hier so viele Gäste aus aller Welt, jetzt will ich die Welt sehen", sagt Lizzy.

Wir verbringen noch einen Abend auf dem Dorffest von Oodnadatta, dann geht's zum Stuart Highway, dem wir nach Port Augusta folgen. Südlich von Adelaide steuern wir einen einsamen Strand an, bauen zum letzten Mal die Zelte auf und machen Feuer. Wir sind uns einig: Australien ist das perfekte Reiseland für Wüstenfans und ihre Kinder.

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