Azoren Aus Vulkanfeuer geboren

Wie aus einer Streubüchse geschüttet, liegen die neun Inseln der Azoren über 600 Kilometer verteilt im Atlantik. Die bizarren Vulkaninseln sind von schroffer Schönheit, überzogen von unendlichen Varianten von Grün, denn - hier ist das Azoren-Hoch zu Hause und sorgt für milde Temperaturen rund ums Jahr.

Santa Cruz das Flores - "So soll es sein", freut sich José Teixeira. Zufrieden schaut der Fischer auf die Gäste beim Abendessen in seiner "Casa de Hóspedes" in Santa Cruz das Flores ganz im Westen der Azoren. Die ohne Aufhebens in den Familienablauf aufgenommenen Pensionsbesucher schauen kaum von ihren Tellern auf. Zu köstlich mundet der von seiner Frau Noémia zubereitete Bonito - die Tunfischart hat José wenige Kilometer vor seiner Haustür gefangen.

Auf Flores, der grünsten der insgesamt neun Azoren-Inseln im Atlantik, leben die 4400 Einwohner weitgehend im Einklang mit der Natur. Das Vulkaneiland gilt neben São Jorge und Pico unter Naturfreunden als Geheimtipp für Wanderungen. Auf allen Inseln gehen Biologen angesichts der reichen Flora mit Baumheiden, 425 Moosarten und den nicht endenden Hortensienhecken die Augen über. Ornithologen aus ganz Europa halten Ausschau nach Zugvögeln aus Nordamerika.

Vom Haus der Teixeiras aus ist durch das Fernglas zu beobachten, was es heißt, Fischer auf Flores zu sein. Sanft sieht das Meer aus. Doch schnell wird klar, dass da aus der Weite der See eine mächtige Dünung heranrollt. Falten zerfurchen des Fischers Stirn: An den nächsten Tagen wird Sturm einen lohnenden Fang verhindern. "Man muss das Wetter lesen können", sagt Teixeira. Auch die Besucher lernen es schnell - Naturtouristen sollten sich auf den Azoren auf die Wetterlaunen einstellen.

Oft vier Jahreszeiten am Tag

Das geht gleich nach der Ankunft auf der Hauptinsel São Miguel im Osten des Archipels los. Der Blick am frühen Morgen über den Hafen von Ponta Delgada beschert noch richtig gute Laune: Von Nord über Ost nach Süd dehnt sich strahlender blauer Himmel. Kein Zweifel, hier ist es zu Hause - das Azoren-Hoch. Sofort wird der Rucksack gepackt, um in die grandiose Welt der Krater, rauen Küsten und grünen Weidelandschaften einzutauchen.

Doch schon zwei Stunden später, in 550 Meter Höhe und voller Vorfreude auf die Atem beraubenden Blicke in die Caldera von Sete Cidades mit ihren blauen und grünen Kraterseen, wabern wie aus dem Nichts von Westen her schwere Wolken über den Kraterrand. Ein Teilzeit-Tief lädt seine über dem Ozean aufgesogene Regenfracht ab. Die erste Lektion ist gelernt: Nie ohne Regenzeug fahren und immer mal nach Westen schauen. Da könnte sich etwas zusammenbrauen.

Nach weiteren drei Stunden, an der Nordküste beim Fischerdorf Mosteiros mit den in die See gestanzten Felsnadeln und Basaltbrocken, die wie Mönch, Zepter und Kirche aussehen, hat sich die Wolkenfront verzogen, die Sonne knallt vom Himmel. "Eigentlich", so sagen die Azoreaner, "haben wir oft vier Jahreszeiten am Tag". Vor allem im Winterhalbjahr, aber auch im Sommer, können Sonne, Wolken und Schauer in schneller Folge wechseln.

Doch es ist nie zu kalt. Selbst im Winter liegen die Temperaturen an der Küste über 15 Grad Celsius, und das Meer kühlt nicht unter 16 Grad Celsius ab. Weit draußen im Atlantik von der Wärmewalze des Golfstroms umspült, hat sich auf den Inseln eine üppige Pflanzenwelt entwickelt. Das feuchtwarme Klima und der fruchtbare Vulkanboden lassen Bananen, Ananas und Tee gedeihen. Grün ist von der Küste bis ins Gebirge die beherrschende Farbe.

Urkräfte der Inselbildung

Aus der Vogelperspektive gesehen, liegen die Azoren wie aus der Streubüchse geschüttet über gut 600 Kilometer verteilt im Meer. Zwei Flugstunden von Portugals Hauptstadt Lissabon entfernt, ist Santa Maria mit 1450 Kilometern Distanz dem europäischen Festland am nächsten. Die Inseln São Miguel und Santa Maria liegen im Osten, Terceira, Graciosa, Pico, Faial und São Jorge in der Zentralgruppe. Flores und Corvo sind die westlichen Vorposten.

São Miguel ist die größte, bevölkerungsreichste und erschlossenste Insel des seit 1432 besiedelten Archipels. Mehr als die Hälfte der etwa 245.000 Azoreaner leben hier. Einzigartig sind die Kraterseen Lagoa Azul und Lagoa Verde im Westen, und der Lagoa do Fogo in der Mitte. Im Osten, im sanften Tal um Furnas mit Parks und Heilbädern, faucht der Treibsatz der Azoren seinen heißen Atem heraus: Aus vulkanischen Quellen, brodelnden Schlammlöchern und durchdringend nach Schwefel stinkenden Rauchfahnen schicken Magmakammern Grüße aus den Tiefen der Erde.

Auf Faial zeigen sich die Urkräfte der Inselbildung in spektakulärer Tristesse. Die Westspitze mit dem 1957 ausgebrochenen Vulkan Capelinhos gleicht einer Wüste aus Schotter und Schlacke mit feinem Bimssteinsand. Im Hochland erschrecken noch heute die Folgen schwerer Erdbeben. Das jüngste im Jahr 1998 tötete zehn Menschen, 500 Häuser stürzten ein. Einige Familien hausen noch heute in Wohncontainern. Auf Terceira wurde 1980 die Renaissancestadt Angra do Heroísmo zerstört: 61 Tote und rund 5000 eingestürzte Häuser wurden gezählt. Mit Hilfe der Unesco erstand die Stadt wieder zu einem Schmuckstück.

Flores, die Insel der Hortensien

Die schroffste Schönheit der Inselwelt ist São Jorge. Die Bergflanken reichen fast senkrecht bis auf 1000 Meter Höhe. Von dort aus eröffnen sich spektakuläre Aussichten auf die an den Gebirgsfuß gepressten fruchtbaren Ebenen, die so genannten Fajãs. Flores, die Insel der Hortensien, ist das wasserreichste Eiland. Die sechs auf rauen Pisten erreichbaren Kraterseen laden zu langen Wanderungen ein. Auf- und Abstiege führen durch Baumheiden mit vollgesogenen Moospolstern. Die Wanderer haben hier einen schönen Blick auf die Ketten von prächtigen Wasserfällen an der Steilküste, zum Beispiel im Westen bei Fajã Grande. Dort endet die Europäische Union - der idyllische Ort ist Europas westlichstes Städtchen.

Nach so viel Natur schockt auf Terceira lärmende Zivilisation. In Vila da Praia da Vitória endet der Schlaf schon mal abrupt, wenn Kampfbomberstaffeln der US-Luftwaffe auf dem nahen Stützpunkt beim Zwischenstopp nach Nahost hereindröhnen. Und beim Anflug mit dem Inselhopper der Azoren-Fluglinie SATA steht da plötzlich ein Jumbojet mit der Aufschrift "United States of America". US-Präsident George W. Bush ist gerade auf dem Weg zu Großbritanniens Premier Tony Blair.

Davon bekommt José Teixeira weit im Westen auf Flores nichts mit. Der Sturm hat sich gelegt, und er wird jetzt wieder - wie seit 36 Jahren - mit seinem offenen Boot aus dem kleinen Hafen von Santa Cruz das Flores tuckern. Die Speere für die Jagd auf die leckeren Bonitos liegen bereit.

Von Harro H. Müller, gms

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