Azoreninsel São Jorge Als würden gleich Dinos aus dem Unterholz stampfen

Drachenbäume, Lavaklippen, Lagunen: Mitten im Atlantik liegt ein noch recht unberührtes Paradies. Wer die Azoreninsel São Jorge entdecken will, muss wandern - auch bei launischem Wetter.

Bettina Hensel

Nein, heute sei kein bom dia, sagt Gastgeberin Gisela beim Vorbeigehen, frische Betttücher unter dem Arm. Die ansonsten gut gelaunte Insulanerin mustert unsere Wanderrucksäcke mit skeptischen Blick, der keinen Zweifel lässt: Sie hält uns für unvernünftig, im schlimmsten Fall für wahnsinnig.

Über der sattgrünen Azoreninsel São Jorge hängt schließlich bis tief in die Täler eine dicke Nebelglocke. Ein frischer Wind nestelt an den Fenstern des hoch gelegenen Ferienhäuschens im Küstenort Velas, es nieselt. Selbst der am Vortag noch sichtbare Vulkankegel der Nachbarinsel Pico, mit 2351 Metern Höhe die höchste Erhebung Portugals, wird von Wolken verdeckt.

Doch wir wollen nun einmal herausfinden, warum São Jorge, das zur zentralen Inselgruppe der Azoren gehört, circa 1500 Kilometer westlich vom Festland entfernt, als Geheimtipp für Wanderer gilt.

Azoren

"Ilha do Dragão" (Dracheninsel) wird das Eiland vulkanischen Ursprungs auch genannt. Nach ihrem Schutzpatron, dem heiligen Georg, der angeblich einen Drachen tötete. Auch die ungewöhnliche Topografie der 1470 erstmals besiedelten Insel lässt an Fabelwesen denken: Sie gleicht dem Rückenpanzer eines Seeungeheuers, der 56 Kilometer lang, acht Kilometer breit und an seinem höchsten Punkt etwa 1000 Meter hoch aus dem Meer ragt.

Mit T-Rex im Nebel

Dass sich ein bisschen Wahnsinn manchmal doch lohnt, zumindest mit regenfester Ausrüstung, zeigt sich eine Stunde später. Zwar hat sich der zum Wanderpfad umgewandelte ehemalige Eselsweg, der sich vom Hochland der Serra do Topo im Südosten zum Meeresufer windet, in eine Matschpiste verwandelt.

Doch vor der Nebelleinwand schillert die Inselnatur in den tiefsten Grüntönen. "Gleich kommt T-Rex aus dem Nebel", witzelt ein Mitwanderer, und tatsächlich mutet die Landschaft hier so verwunschen an, als würden gleich Saurier aus dem Unterholz stampfen.

Doch das Einzige, das hier wirklich aus dem Dickicht bricht, sind weiße Rinder, die es sich auf den Wanderwegen bequem machen und neben Holsteinkühen die Milch für den berühmten würzigen Inselkäse Queijo de São Jorge liefern, der noch in drei Käsereien hergestellt wird. Doppelt so viel Kühe wie Einwohner - dies sind etwa 8500 - sollen auf der Insel leben, die mit 234 Quadratkilometern etwa ein Drittel größer ist als die Ostseeinsel Fehmarn.

Fotostrecke

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Azoreninsel São Jorge: Wir Fajã-Groupies

Als der Nebel sich verzieht, gibt er eine Landschaft frei, deren Anblick uns verstehen lässt, warum São Jorge als eine der schönsten Wanderinseln der Azoren gilt. Über üppige Hortensienbüsche am Wegesrand blicken wir durchs Tal Caldeira da Cima bis hinunter ins Dunkelblau des Atlantiks.

Bäche und kleine Wasserfälle kreuzen unseren Weg, bis wir einen der schönsten Wegmarker des Pfads erreichen: Von oben ist hier erstmals die Landzunge Fajã da Caldeira de Santo Cristo zu sehen.

Mehr als 40 dieser der Steilküste vorgelagerten kleinen Halbinseln gibt es auf São Jorge. Sie entstanden über Jahrtausende hinweg durch das Abrutschen von Geröllmassen, Felswänden oder Lava, auf ihnen liegen fast alle Ortschaften. Da viele Fajãs nur zu Fuß oder über steile Sträßchen erreichbar sind, eignen sie sich besonders gut als Wanderziel.

Szenetreff für Surfer

Unten in der Fajã angekommen, schlendern wir vorbei an Basaltsteinhäuschen und Gemüsebeeten. Das ganzjährig milde Mikroklima der Fajãs und ihre fruchtbare Vulkanerde liefern nicht nur ideale Bedingungen für den Anbau von Kartoffeln und Salatköpfen, sondern auch für Bananenstauden oder Orangenbäumen. Doch die Häuser sind überwiegend verlassen. Seit dem schweren Erdbeben 1980 leben von den einst 200 Bewohnern nur noch eine Handvoll in der Abgeschiedenheit und widerstehen den Naturgewalten.

Hier und da sieht man jedoch restaurierte Häuser - die Fajã hat sich mit ihren bis zu 500 Meter langen Wellen zum Surfer-Szenetreff junger Festlandportugiesen entwickelt. Abkühlen kann man sich nicht nur in der Brandung, sondern auch der wellengeschützten Meerwasserlagune. Die Lagoa ist auch für ihre Kreuzmuster-Teppichmuscheln bekannt - eine Delikatesse auf der Insel, die nur in geringen Mengen geerntet werden darf.

Als ein Taxi uns schließlich am Endpunkt der Wanderung in der Fajã dos Cubres an der Ortskappelle einsammelt, um uns zurück nach Velas an der Südwestspitze zu bringen, ist es längst um uns geschehen: Wir sind Fajã-Groupies.

Eine Wanderung zu den Landzungen folgt der nächste. In die Fajã dos Vimes zum Beispiel, einer kleinen Siedlung mit nur etwa 70 Einwohnern, führt entlang der Küste ein hübscher Pfad, der in Portal startet. Ein kräftiger Kaffee im Café Nunes bringt uns zum Ende der Tour wieder auf Trab. Die Kaffeebohnen dazu baut die Familie Nunes auf ihrem Grundstück selbst an. Die winzige Plantage mit rund 700 brasilianischen Pflanzen ist eine von wenigen Anbaugebieten in Europa.

Tuba, Trompeten und Trommeln

Wer nach einer Wanderung den Abend geruhsam ausklingen lassen will, kennt die Feierlaune der Insulaner noch nicht. Fast jede Woche zwischen Mai und September gibt es für die Portugiesen einen religiösen oder traditionellen Grund für ein Fest. Und dann ziehen in der Küstenstadt Velas kleine Prozessionen mit Tuba, Trompeten und Trommeln durch die Straßen zur Kirche, DJs bespielen Bühnen, Thunfische brutzeln auf dem Grill. An lang gezogenen Tafeln mit Essenständen wird jeder kostenlos verköstigt, Kinder und Jugendliche springen mitten auf der Gasse über hoch lodernde Feuerstellen.

Nach und nach fühlt sich São Jorge vertraut wie ein alter Freund an. Bei Anbruch der Dunkelheit schlagen an jeder steilen Straßenbiegung in Velas zuverlässig dieselben Hunde hinter Gartenzäunen Alarm. Gelbschnabel-Sturmtaucher kreisen über uns und schnattern wie wild in der Dämmerung.

Wandern auf der Azoreninsel São Jorge
Die beschriebene Tour
Vom Hochland der Serra do Topo im Südosten bergab zur Fajã da Caldeira de Santo Cristo bis zur Fajã dos Cubres. Etwa 10 Kilometer ist die einfache Strecke lang, die reine Gehzeit liegt je nach Kondition bei 3,5 bis 4 Stunden. Mit Foto- Bade- und Brotzeitstopps dauert der Ausflug etwa sechs Stunden. Da Busse nur selten und unregelmäßig fahren, ist ein Taxitransfer bei dieser Tour zu empfehlen (Kosten: Hin und zurück von Velas circa 60 Euro).
Weitere Touren
Ein anderer hübscher Rundweg - teils an steilen Berghängen - führt von der Kapelle des Orts Ermida de Santo António an der Nordküste in die einsame Fajã de Além, in der heute nur noch Ferienhäuser oder Ruinen stehen (Proviant mitnehmen!). Schließlich auf einen Sprung zum Baden auf der Fajã do Ouvidor gleich nebenan. Nach einem fünfminütigen Weg erblickt man den schönsten natürlichen Pool der Insel: den türkisblauen Poça Simão Dias mit seinen zerklüfteten schwarzen Felslandschaften, die zum Kraxeln einladen.
Information
Ein Besucherzentrum informiert über Geschichte, Geologie, sowie Flora und Fauna in der Fajã da Caldeira de Santo Cristo. Einen detaillierten Überblick zu allen Wanderrouten mit Karten gibt der Azoren-Reiseführer von Michael Bussmann, erschienen im Michael Müller Verlag.

Im Restaurant gegenüber der Kirche Igreja Matriz treffen wir unsere Wirtin Gisela mit ihrer Familie, auch der geschäftstüchtige Mitwagenverleiher isst hier Fisch. Das Dörfchen mit seinen gepflegten Häusern mit etwa 2000 Einwohnern ist eben überschaubar - auch in seinem kulinarischen Angebot. Gourmets kommen bei den einfach zubereiteten Fleisch- und Fischgerichten nicht auf ihre Kosten. Und auch Badefans dürften sich beim Anblick der kargen Lavabucht nach anderen Stränden sehnen.

Doch wir Wanderer sind glücklich. Zwar ist die Insel in der Hauptsaison zwischen Juli und August schnell ausgebucht und auf manchen Wegen transportieren knatternde Quads Besucher und Waren zu einsamen Fajãs. Dennoch ist São Jorge noch längst keine Touristenautobahn mit Kreuzfahrtschiffanlandung wie die Vorzeigeinsel der Azoren, São Miguel.

Den frischen Geruch von wilder Minze am Wegesrand, die Froschkonzerte, die ungestüme und unbändige Natur hat man hier fast für sich alleine.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
derbengale 07.09.2019
1. Behaltet
Behaltet doch sowas bitte für euch. Jetzt wird eine Horde Travelblogger diese Insel überfallen und die letzten unberührten Flecken dieser Erde auch noch verändern.. uncool
Humanfaktor 07.09.2019
2. Lasst uns auch noch die letzten Paradiese touristisch erobern!
Es können gar nicht zu viele Berichte über die "Geheimtipps" veröffentlicht werden. Natürlich geht es dabei nicht um die Auflage, oder darum, den leeren Platz zu füllen, sondern nur um die gute Sache. Was denn auch sonst? Den Menschen zu zeigen, dass es noch Orte gibt, die selbst in unserer Zeit noch ungerührt bleiben konnten. Doch auch dieser Makel kann geheilt werden. Ein paar netten Beiträgen und verlockende Reisetipps später, und niemand wird davon auch nur noch das Geringste erkennen können. Das alles dient ja nur dem guten Zweck, damit alle, die gerne an sich selbst denken, und dabei so weinig wie möglich auslassen wollen, noch schnell da hin können, um sich ein Bild davon zu machen. Dann ist auch das erledigt, genauso wie der unberührte Zustand überwunden wurde. Und weiter gehts. Alles im Namen der Aufklärung und Informationspflicht, selbstredend. Es lebe die aufgeklärte Medienwelt ohne Grenzen.
stefan taschkent 07.09.2019
3. Grenzwertig
Aus dem letzten Spiegel (Print-Ausgabe) kam mir auch wieder ein Werbeblättchen zum Thema Kreuzfahrten entgegengeflattert. Das erinnerte mich sogleich an den kürzlichen Spiegel-Aufmacher zum Thema Kreuzfahrten und CO2-Fußabdruck. Bei der Lektüre hier geht es mir nicht anders: Auf dem Weg zu diesem Naturparadies stoße ich genau wieviel CO2 aus? Wenn man dafür noch Werbung macht (ja, ein prominentes Medium hat da möglicherweise eine gewisse Verantwortung) multipliziert sich dieser Fußabdruck möglicherweise in welchem Umfang? Leute, die für einen langen Zeitraum auf Weltreise gehen und unterwegs solche Orte entdecken, sind für mich völlig OK. Mal für zwei Wochen hinjetten ist aus meiner Sicht hingegen grenzwertig.
Paddel2 07.09.2019
4. Kaffee nicht nur auf den Azoren
Man kann darüber streiten, ob die Azoren geologisch zu Europa gehören oder nicht, genau wie die Kanaren gehören sie aber politisch dazu. Aus diesem Grund befindet sich auf den Azoren nicht die einzige Kaffeeplantage Europas, denn Kaffee wird auch auf Gran Canaria angebaut.
naklar261 07.09.2019
5. Ende der Azoren
Ja vermutlich wird dieser Artikel nun das Ende der Azoren einleiten. Milliarden von Menschen die diesen Artikel hier gelesen haben werden sich nun aufmachen und versuchen die letzten Körner Sand von dieser bezaubernden Insel zu stehlen.
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