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Backpacking mit Ü45: Schöner reisen mit Rucksack

Foto: Petra Decker / TMN

Individuell und flexibel Ü45 - das beste Alter zum Backpacken

Backpacking galt lange als Reiseform für junge Menschen. Doch gerade für die Generation der Babyboomer ist es attraktiv, die Welt mit Rucksack zu entdecken. Mehr Freiheit geht nicht.

Ihren 50. Geburtstag hat Jacqueline Groher am Fuße der Anden verbracht - mit drei Backpackern, halb so alt wie sie selbst. Groher trainiert normalerweise Führungskräfte in Hamburg, doch für den besonderen Anlass wollte sie eine Auszeit fern der Heimat.

Die Wahl fiel auf Bariloche am Rande Patagoniens. Von dort startete die Frau ihre Reise durch Argentinien, ausgestattet mit Rucksack, "Lonely Planet" und Smartphone. Backpacken mit 45 plus - gilt man da nicht als Sonderling?

Tatsächlich reisen heute auch Ältere wie die Jungen, die ganz selbstverständlich ohne Reiseveranstalter in Australien, Südamerika oder Südostasien unterwegs sind. "Wir Alten werden jünger und hinterfragen das Leben ebenso wie die Generation Y", sagt Groher.

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Backpacking mit Ü45: Schöner reisen mit Rucksack

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Doch es gibt einen Unterschied: Menschen in der zweiten Lebenshälfte haben in der Regel weniger Zeit, aber dafür mehr Geld zur Verfügung. Groher denkt da an einen jungen Backpacker, den sie auf ihrer Reise getroffen hat, einen Amerikaner, studierter Maschinenbauer: Er habe nie mehr als zwei Dollar am Tag für Lebensmittel ausgegeben - und das über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren.

Die Hamburgerin selbst war acht Wochen unterwegs. Das sind immer noch zwei Wochen mehr als vielen Festangestellten per Jahresurlaub zusteht. "Die Begegnung mit den jungen Leuten hat mir viel Spaß gemacht", sagt Groher. Den Altersunterschied habe man unterwegs gar nicht mehr bemerkt. Es gibt sie also, die Rucksackreisenden jenseits der 45. Aber was macht sie aus?

"Als Backpacker gelten Reisende, die individuell ohne festen Zeitplan unterwegs sind", erklärt Manuela Bauer, Geografin an der Universität München. Sie beschäftigt sich derzeit in ihrer Doktorarbeit mit dem rasant wachsenden Phänomen des "Gap Year Travel" - dem Reisejahr als Auszeit, etwa zwischen Studium und erstem Job.

Das Selbstverständnis der Backpacker lautet: "Wir sind individuell, flexibel und gehen unsere eigene Route, abseits ausgetretener Pfade", sagt Bauer. Eine Altersgrenze gibt es nicht. In Südostasien sind zum Beispiel mittlerweile so viele Individualtouristen auf den gleichen Routen unterwegs, dass man schon fast von Gruppenreisen sprechen kann. "Zwischen Ayutthaya nördlich von Bangkok und Chiang Mai im Norden Thailands folgen Backpacker identischen Tipps und treffen dann im nächsten Hostel wieder aufeinander", sagt Bauer.

"Ich war die Oma"

Auf dieser Strecke sind keineswegs nur Menschen unter 30 unterwegs, sondern auch die Generation Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge bis Mitte der Sechzigerjahre. Es ist zugleich die erste Generation nach dem Krieg, die schon in jungen Jahren weit gereist ist. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, fühlen sich viele wieder unabhängig. Und das Reisen ist heutzutage viel günstiger als früher.

"Die Flüge sind billiger, die Flexibilität ist gerade auch unterwegs durch die Digitalisierung immer größer geworden", sagt Bauer. Hostels lassen sich zum Beispiel von einem auf den anderen Tag per Tablet oder Smartphone buchen. Gefragt sind auch bei Älteren individuelle Erlebnisse statt Standard-Touristenprogramm. "Der Rucksack ist dabei eher ein Sinnbild", sagt Bauer. Man kann nämlich sehr wohl auch mit Satteltaschen individuell unterwegs sein - so wie Petra Decker.

Die 50-Jährige ist Vorsitzende des Vereins Deutsche Zentrale für Globetrotter (dzg) in Worms. Sie geht mindestens einmal im Jahr mit dem Fahrrad sechs Wochen am Stück auf Reise. Die Chemielaborantin wählt als Zeitraum üblicherweise den Jahreswechsel, dann geht es meist auf die Südhalbkugel.

Vor einem Jahr fiel die Wahl auf die Carretera Austral, eine Fernstraße in Chile. "Da gab es jede Menge Radreisende. Ich war die Oma", erzählt Decker. Trotzdem machte sie locker 100 Kilometer am Tag - und legte manchmal Wandertage ein.

Reisen bedeutet für Petra Decker die Begegnung mit sich selbst, totale Offenheit und Selbstbestimmung. "Ich reise, wenn ich morgens noch nicht weiß, wo ich abends übernachten werde", sagt sie. Das Zelt hat sie immer dabei, aber am liebsten schläft sie im Hostel: "Da trifft man immer auf andere Leute und bekommt gute Tipps, im Hotel bleibt man eher allein." Das sehen wohl auch viele junge Reisende so. Trotzdem gibt es kleine Unterschiede.

Ein Hostel für jeden Geschmack und Geldbeutel

Petra Decker gönnt sich im Hostel zum Beispiel gerne ein teureres Einzelzimmer, und sie gibt mehr Geld für Essen aus. "Ich koche mir da nicht Nudeln mit Tomatensoße", sagt sie. Die Hostels hätten sich inzwischen auf die unterschiedlichen Zielgruppen und Bedürfnisse eingestellt. Vom Mehrbettzimmer bis zum Einzelzimmer mit eigenem Bad kann man jedes Komfortniveau haben. (Lesen Sie hier mehr über den Poshtel-Trend.)

Die Deutsche Zentrale für Globetrotter mit ihren 900 Mitgliedern ist kein Verein für junge Leute. Im Vorstand ist Decker die jüngste. Mit dem Outdoor-Ausrüster Globetrotter hat der Verein nichts zu tun. Dort gab es 2016 einen Rucksack mit Rollen zu kaufen. Allein in Hamburg ging er mehr als 700 Mal über den Ladentisch.

Ein Gepäckstück für in die Jahre gekommene Backpacker? Nein, sagt Jacqueline Groher und lacht. "Für eine Andentour wären Rollen und Tragewerk zu schwer."

Komfortbus statt Klapperkiste, WLAN fast überall und mehr Komfort gegen Aufpreis in den meisten Hostels: Das individuelle Reisen ist in vielen Ländern einfach geworden. Ein Backpacker muss heute kein wagemutiger Jungspund mehr sein. Und so schultern auch Ältere den Rucksack - es dürften eher mehr werden.

Deike Uhtenwoldt/dpa/jus