Bahnfahrt durch Alaska "Schaut nach rechts, Elche im Canyon"

Eine Reise mit dem Zug durch die Bilderbuchlandschaft von Alaska schützt Naturfreunde vor dem bisweilen unwirtlichen Klima im hohen Norden. Wer Tiere beobachten möchte, kann das aus nächster Nähe tun. Rechts und links der Bahnstrecke streifen Polarfüchse, Bären, Elche und Co. durchs Unterholz.


"Denali Star" unterwegs in Alaska: Panoramadecks erlauben eine bessere Sicht auf Flora und Fauna
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"Denali Star" unterwegs in Alaska: Panoramadecks erlauben eine bessere Sicht auf Flora und Fauna

Anchorage - Rick Singsaas ist einer, der einem Bilderbuch über die Eisenbahn entsprungen sein könnte. Groß, stattlich, mit akkurater blauer Uniform, Dienstmütze und einem roten Rauschebart steht der Schaffner am Bahnsteig in Anchorage, Alaska, vor dem blau-gelben Zug der Alaska-Eisenbahn. Singsaas signalisiert: Hier wird nicht nur Bahn gefahren, sondern Spaß gehabt. Alaskas Eisenbahn unternimmt allerhand, um die Erkundung der Weite und rauen Schönheit des Landes zum Erlebnis zu machen.

"Alle an Bord", ruft Singsaas, und ächzend setzt sich der "Denali Star" in Bewegung. Es geht Richtung Norden, auf den Denali-Wildpark und die Stadt Fairbanks zu. Man lässt sich Zeit hier. Der Zug zuckelt in zwölf Stunden über die 550 Kilometer lange Strecke, an Flüssen entlang, über Brücken und an Gletschern und Bergen vorbei. Alaska ist mit 1,5 Millionen Quadratkilometern fünf Mal so groß wie Deutschland, doch leben weniger Menschen hier als in Frankfurt am Main, etwa 630.000.

Rumalbern am Gletscher

Im Zug nach Fairbanks ist an diesem Tag Studentin Ashley Shulz als Fremdenführerin im Einsatz. Geboren und aufgewachsen ist sie in Alaska, wie sie stolz erzählt. Sie zieht mit Fotoalbum von Waggon zu Waggon. Da ist Klein-Ashley mit dem Schlittenhund zu sehen, und beim Rumalbern am Gletscher mit ihrem Bruder. Es gehört zu Ashleys Job, den Fahrgästen das Leben in dem Land am Polarkreis nahe zu bringen.

Wildnis in Alaska: Rauhe Schönheit
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Wildnis in Alaska: Rauhe Schönheit

Rund 50 Kilometer nördlich von Anchorage sind bei Wasilla von weitem die letzten Einkaufszentren und Neon-Reklamen der Fast-Food-Ketten zu sehen. Was danach kommt, ist mit "ländlich" nur unzureichend beschrieben. Am verschlafenen Städtchen Willow geht es noch vorbei, das 1976 als neue Hauptstadt auserkoren worden war. Der jetzige Amtssitz Juneau liegt mehr als 800 Kilometer südöstlich und ist nur per Flugzeug und Schiff zu erreichen.

Auf Fragen zu Flora und Fauna hat Ashley Shulz die Antworten parat. Die Wildbeobachtung ist eines der Highlights einer Alaska-Zugreise. Dafür hat die Bahngesellschaft Panoramadecks auf die Waggons gesetzt, die über Stufen aus den Abteilen zu erreichen sind. "Achtung: Links Schwäne", tönt es aus dem Lautsprecher. Chefingenieur Kevin im Führerstand der Lokomotive macht die Fahrgäste auf alles Wild aufmerksam. "Schaut nach rechts: Elche im Canyon", sagt er ins Mikrofon und bremst den Eisenbahnkoloss auf Schrittgeschwindigkeit. Unten im Canyon sind drei majestätische Elche beim Trinken zu sehen. Auch Bären tummeln sich manchmal seelenruhig am Wegesrand.

Atemberaubende Gipfel

Rund 170 Kilometer hinter Anchorage bietet sich auf der linken Seite bei gutem Wetter der erste Blick auf die Spitze des 160 Kilometer entfernten Mount McKinley. Er ist mit 6193 Metern der höchste Berg Nordamerikas und heißt in der Indianer-Sprache Tanana Denali ("Der Große"), was dem umliegenden Nationalpark 1980 seinen Namen gab. Die Chancen auf einen freien Gipfelblick liegen nur bei 20 Prozent. Doch auch sonst ist der Blick auf die Gebirgskette Alaska-Range atemberaubend. Fünf Gipfel über 3500 Meter sind dort zu sehen.

Eisenbahnschaffner Rick Singsaas: "Alle an Bord"
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Eisenbahnschaffner Rick Singsaas: "Alle an Bord"

Die meisten Mount McKinley-Expeditionen sowie Angeltrips auf dem Susitna-Fluss starten in der kleinen Ortschaft Talkeetna. 90 Kilometer weiter, zwischen Talkeetna und Hurricane, unterhält die Alaska-Bahn einen Pendelservice, der für die paar Dutzend Einwohner der einzige Kontakt zur Zivilisation ist. Sie können den Zug auf freier Strecke einfach anhalten.

Der Denali-Park umfasst 240.000 Quadratkilometer und bietet begleitete Touren in die Wildnis. Karibus, Elche, Büffel, Wölfe, Kojoten, Biber, Nerze, Luchse, Polarfüchse, Braun- und Schwarzbären sind hier zu sehen. Die meisten Bahnfahrer unterbrechen die Reise hier für mindestens eine Nacht. Der Zug zuckelt an alten verlassenen Stationen mit Namen wie "Lagune" und "Honolulu" vorbei. Das mag einen kleinen Einblick in die Sehnsüchte der Streckenplaner geben, die den Gleisbau in dieser oft unwirtlichen Gegend vor mehr als 70 Jahren wohl nur in Gedanken an wärmere Gefilde ertragen konnten.

180 Kilometer weiter signalisiert ein Schild am Ende der Gleise die Endstation. "Fairbanks: nördliche Endstation der nördlichsten Eisenbahn in Nordamerika" steht darauf. In der einstigen Goldgräberstadt lässt sich im Sommer nicht nur das spektakuläre Polarlicht beobachten. An Tagen, die praktisch 23 Stunden dauern, können Besucher per Schaufelraddampfer Alaskas längsten Fluss, den Yukon, erkunden oder in historischen Goldminen schürfen. Von Fairbanks aus kann man bequem nach Anchorage zurückfliegen.

Christiane Oelrich, gms



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