Fotograf beim Friseur Bullshit reden, Bier trinken

Was haben alle 50 US-Staaten gemein? Burger-Läden, Baseballplätze - und Barbershops. Die mit reichlich Patina überzogenen Herrenfriseure haben es Rob Hammer angetan. Der Fotograf porträtierte sie bei einem Roadtrip.

Rob Hammer

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Honest John ist einer von diesen Kerlen. Eine Persönlichkeit. Einer, der die Menschen liebt. Und der seinen Job liebt: Herrenfriseur. "Yup, hab das die letzten 54 Jahre gemacht. Werde das wohl auch die nächsten 54 Jahre machen." John Deitrich, bekannt als Honest John, war damals 75, und sagte dies, als Rob Hammer ihn in seinem Friseursalon traf. In Burlington, Kansas, USA.

Drei Jahre lang reiste Hammer mit seiner Kamera durch alle 50 US-Staaten und fotografierte mehr als 600 Friseurläden und ihre Inhaber. 50.000 Meilen riss er mit seinem Wagen ab, umgerechnet mehr als 80.000 Kilometer - das Flugzeug nahm er nur, um nach Alaska und Hawaii zu gelangen. "Es war eine extrem lustige und lohnende Reise", sagt der Fotograf. "Ich hatte die schönste Zeit meines Leben."

Er habe "Teile des Landes gesehen, die die meisten Menschen nie im Leben sehen werden. Und Leute getroffen, die ich nicht vergessen werde". Honest John zum Beispiel.

Dessen Barbershop in Kansas liegt nicht weit entfernt vom Dead Center, dem sogenannten Toten Zentrum der USA. Einem Ort, der als die geografische Mitte des Landes gilt. In Burlington gibt es eine Ampel, Johns Laden und sonst nicht viel. Ein Ort wie abgestöpselt vom Rest der Welt.

Hirschgeweih und Baseballkappe

Die Menschen hier sind stolz auf ihre Heimat. "Ihren Lokalpatriotismus stellen sie mit Dingen aus ihrem Leben zur Schau", sagt Rob Hammer. Ein Mann in Montana hatte die Wände seines Ladens mit Hirschgeweihen und anderen Jagdtrophäen vollgehängt. In New York City hatte sich ein Friseur Baseballkappen und andere Fanartikel der Yankees ausgesucht. "Jeder Salon ist ein Produkt seiner Umgebung", sagt Hammer. "Sie verblüffen mit ihrer eigenen Persönlichkeit."

Auf die Idee zu seinem Projekt "Barbershops of America" kam der 35-jährige Fotograf aus San Diego, als ihm bewusst wurde, dass immer mehr authentische Herrenfriseure dicht machten. Er hatte in mehreren Städten der USA gelebt und oft Probleme gehabt, einen dieser altmodischen barber zu finden, die er so mag. Manche gingen in Rente, andere mussten ihre Läden wegen steigender Mieten aufgeben.

"Wunderbare Orte für Männer"

"Ich liebe diese alten Frisörsalons", sagt Hammer. "Es sind wunderbare Orte für Männer. Du kannst einfach abhängen, über Sport und Bullshit reden, Bier trinken und den Playboy lesen." Als er merkte, dass viele dieser mit reichlich Patina überzogenen Läden aus dem Stadtbild verschwanden, machte er sich auf die Suche nach diesem "großen Stück amerikanischer Lebensart". Er habe sich geradewegs verantwortlich gefühlt, es zu dokumentieren, bevor es verschwindet.

Auch die Herrenfriseure selbst fühlen sich wie eine "aussterbende Art" - so hatte es Honest John ausgedrückt. "Es sind Männer, die ihr Handwerk noch ohne elektrischen Haar- und Bartschneider gelernt haben", sagt Hammer. "Sie hassen die boutiqueartigen Salons, die nun überall aus dem Boden schießen", in denen Männer nicht nur einen neuen Schnitt bekommen, sondern auch noch eine Nackenmassage, eine Gesichtsbehandlung und einen Longdrink.

Als Hammer ein Jahr nach der Begegnung mit Honest John noch einmal nach Burlington fuhr, hatte er ein Foto von dessen Laden im Gepäck. John, dieser "fröhliche alte Kerl", hatte ihn berührt. Mit seinen Geschichten, die er erzählte. Mit seiner offenen Art - und seiner Rührung darüber, dass jemand den weiten Weg aus San Diego zurückgelegt hatte, um ein Foto von ihm zu machen.

Hammer wollte Honest John noch einmal persönlich treffen. "Ich hatte ihm einen Abzug versprochen und wollte ihm den vorbeibringen." Doch als er vor dem kleinen Geschäft stand, fand er nur einen handgeschriebenen Zettel an der Tür. "Geschlossen auf unbestimmte Zeit".

Er erkundige sich nach dem Friseur, erfuhr, dass er krank war und hinterließ ihm das Porträt in einem anderen Geschäft. Wochen später telefonierte er mit Johns Frau, hörte, dass ihr Mann das Foto erhalten und es bei der Party am Tag der Unabhängigkeit allen Freunden gezeigt habe.

Monate später wählte er die Nummer wieder. Doch es nahm keiner ab.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
troy_mcclure 27.05.2015
1. Wow
Einfach schöne Fotos!
Bin_der_Neue 27.05.2015
2. Coole Typen
- sie tun nicht so, sie sind es einfach :-) Was mir an den Bildern besonders auffällt: in beinahe jedem Barber Shop hängt ein Sternenbanner und die Inhaber tragen auch mehr oder weniger offen ihren gesunden Nationalstolz zur Schau. Ich finde das völlig in Ordnung, aber man stelle sich vor, wenn das bei uns so wäre.. Schockschwerenot, da hätten aber einige wieder was zu keifen.
Moralist 27.05.2015
3. Wiederbelebte Kultur
Ich habe lange Zeit in Brasilien gelebt und dort meine Herrenfrisöre frequentiert. Individuelle Orte mit echten Veteranen ihrer Zunft. Zur Zeit lebe ich in Frankfurt. Auch hier gibt es diese Orte, leider überteuerte von Hipstern geführte Imitate die Ihre Daseinsberechtigung aus modischer Nachfrage, Friseurlehre und kürzlichen Bartwuchs ziehen. Da besuche ich lieber Barbiere auf meinen Reisen, wie letzte Woche in Palma de Mallorca. Barbier Bob van de Hoek in der Altstadt.
sincere 27.05.2015
4. 52.
Es sind 52 Bundesstaaten in den USA, nicht 50.
El pato clavado 27.05.2015
5. in Deutschland wohl ausgestorben
auf jeden Fall interessanter als die neudeutschen Schnellschnitt Salons in unseren Fussgängerzonen. Vermutlich kann man sich in diesen alten US-Salons sogar noch anständig rasieren lassen
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