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Berg-Kartografen: Mit Tusche und Feder

Foto: climbing-map.com

Kartografie in Handarbeit Ich tusch mir einen Berg

Zwei Schweizer fanden die Bergsteigerkarten für Anden, Himalaya und Kilimandscharo nicht gut genug - und beschlossen, selber welche zu zeichnen. Und zwar in Handarbeit: mit Feder und Tusche.

Drei GPS-Geräte, ein Notizbuch, Folienstifte: Mehr Spezialausrüstung brauchen Sandra Greulich und Sacha Wettstein nicht, wenn sie losziehen, um Gebirge zu vermessen. Die Schweizer Kartografen zeichnen ihre Bergsteigerkarten per Hand.

Es ist eine alte Handwerkskunst, die sie seit fast zehn Jahren praktizieren. Als Hobby, mit Tusche und Feder. Ab und zu nimmt sich das Bergsteigerduo eine wochenlange Auszeit und macht sich auf zur Feldarbeit. Vom Aconcagua in den Anden erschien 2006 ihre erste Karte im Selbstverlag Climbing Map , mittlerweile hat das Duo unter anderem den Elbrus in Russland, den Mera Peak im Himalaya oder den Kilimandscharo nachgezeichnet. Allesamt Sechstausender, oder zumindest fast.

Dass Kartenmacherei im Zeitalter von Google Maps ein Revival erlebt, ist nicht zu übersehen: egal ob als interaktive Infografiken , als Einrichtungstrend  oder als weltweiter Bestseller wie der "Atlas der abgelegenen Inseln". Der Internationale Kartografieverband hat gerade sogar ein Internationales Kartenjahr  ausgerufen.

Orte, die man sonst nicht sehen würde

"Ich liebe es, kartierend unterwegs zu sein, weil man so in Täler kommt und Berge besteigt, die man sonst nicht sehen würde", sagt Greulich. So wie damals beim argentinischen Aconcagua. Der höchste Berg Südamerikas, ein Dorado für Kartografen: Schluchten, Bergkuppen, Abhänge, vieles davon nicht erfasst. Eingezeichnete Routen? Mangelware. Weiße Flecken? Überall.

Darum waren Wettstein und Greulich vor Ort: um die Lücken zu füllen. Eine Reise mit dem Expeditionscharakter einer längst vergangenen Zeit. Sie hatten sogar Maultiere dabei, um genug Verpflegung für mehrere Wochen transportieren zu können, sicherheitshalber. Denn Etappen zu planen, klappt eben nur, wenn man weiß, dass es einen Weg gibt.

Tagelang waren sie unterwegs, mit ihren vorgefertigten Satellitenkarten zur Orientierung und ihren "Feldkartons": einzelnen Pappen, auf denen Kartenausschnitte aufgezogen waren, drüber eine Lage Transparentfolie. Für Ergänzungen per Hand, GPS-genau. In Blau jener tosende Fluss, den sie queren mussten. In Grün die Stellen, an denen ginsterartige Adesmia-Sträuche wachsen. In Schwarz jenes Bergstück, das frisch freigelegt war, weil der Horcones-Gletscher zwei Monate zuvor ins Tal gerutscht war. In Rot der neue Ort des Basiscamps, das wegen des Abgangs verschoben werden musste. Der Sonnenaufgang über den Hügelkuppen? Nicht darstellbar.

"Wir laufen meist kreuz und quer über und um den Berg herum", sagt Greulich. "Wer uns dabei zuschaut, denkt sicher: Was machen die da?" Alle paar hundert Meter halten sie an, knipsen Fotos, um den Charakter jeder Bergflanke genau zu dokumentieren: Dominiert das Gras? Oder doch der nackte Fels? Sackgassen finden sie auch: wenn sie nach Tagen in Schluchten vor unüberwindbaren Felsbrocken stranden.

Um möglichst alle Perspektiven zu sammeln, besteigen sie oft auch andere Berge drumherum. Dazu kommen detailliert gezeichnete Dorfpläne und Notizen, in welchem Laden es Wanderausrüstung gibt und wo Wasser, Gaskartuschen oder Essen.

Felsen, Geröll oder Gletscher?

Beide sind vom Fach: Greulich arbeitet fürs Berner Bundesamt für Landestopografie, Wettstein ist Biologe und Bergführer. Dass sie die Kartierprojekte starteten, hat mit einer speziellen Schweizer Tradition zu tun. "Schweizer Karten sind bekannt für ihre speziellen Felsdarstellungen", sagt die 42-Jährige. "Die Schattierungen sind präzise und schnell lesbar, man erkennt auf den ersten Blick, ob das Gelände felsig, mit Geröll bedeckt oder vergletschert ist."

Der deutsche Geograf Max Eckert schrieb einst in seinem Standardwerk "Die Kartenwissenschaft" von 1921 ein wenig süffisant: "Der Schweizer hat noch immer am besten nur sein eigenes Land zeichnen können. Merkwürdigerweise überschreitet die Kartografie der Schweiz auch nur selten die Landesgrenze." Fast 90 Jahre später machten sich Greulich und ihr Kompagnon daran, das Gegenteil zu beweisen.

Denn nach den Expeditionen kommt die Kunst: Mit Tusche und Feder verbringen die beiden monatelang zahllose Stunden am Schreibtisch, bevor sie alles in einem Grafikprogramm zusammensetzen: Strich für Strich, Höhenmeter für Höhenmeter zeichnen sie Felsen, Gletscher, Schutzhütten und Pflanzen. "Wir sind nicht die modernsten mit dieser Technik, aber genau diese Handarbeit ist uns wichtig", sagt Sandra Greulich. "Mit der Feder können wir die Strichstärke leicht variieren - die Schraffuren wirken unruhig und wild, wie der natürliche Fels auch."

Damit folgen sie jener eidgenössischen Technik, die auch Eckert meinte, um Gefälle dreidimensional darzustellen: Das Gelände wird so schraffiert, als ob Licht schräg auf die Karte strahlt. Schräglichtschummerung oder Schattenschraffen heißen diese Fachbegriffe herrlich poetisch. Diese Schweizer Schule tauchte erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts auf der sogenannten Dufour-Karte auf, die bis heute zur politischen Identität des Landes gehört: ein Kupferstich, der die erste amtliche kantonsübergreifende Karte der Schweiz zeigte, rechtzeitig zur Gründung als Bundesstaat 1848.

Welchen Berg das Duo als Nächstes kartiert, wissen sie noch nicht. Irgendwo, nur nicht in der Schweiz. Deren Karten sind ja schon perfekt geschummert.