Die besten Bergsteigerinnen der Welt Frauen klettern klüger

Nur sieben von insgesamt 34 berühmten Bergsteigern, die in einem neuen Bildband porträtiert werden, sind weiblich. Warum sind es so wenige, und wie setzen sie sich durch?

Ralf Dujmovits/ Frederking & Thaler Verlag

Von


Als Tamara Lunger den Gipfel des K2 erreicht, dreht sie ihre GoPro um, nimmt die Skibrille ab und filmt ihr eigenes Gesicht. "Das ist schon einfach gewaltig", sagt sie mit brüchiger Stimme und schwenkt die kleine Kamera über die umliegenden Himalajagipfel und wieder zurück zu ihrem Gesicht. "Ich glaube, ich habe wieder zu mir gefunden." Ein paar Tränen rollen ihr über die Wangen. Ein emotionaler Moment.

Lunger stand im Juli 2014 als erste Südtirolerin auf dem Gipfel des zweithöchsten Berges der Welt, zusammen mit ihrem Kletterpartner Klaus Gruber. Der K2 (8611 Meter) gilt als der schwierigste Achttausender. Nur elf Frauen schafften bisher den Gipfel, von insgesamt rund 300 Bergsteigern. Lunger erkletterte ihn ohne zusätzlichen Sauerstoff.

Tamara Lunger auf dem Gipfel des K2 (Aufnahme von 2014)
Gore Tex/ Frederking & Thaler Verlag

Tamara Lunger auf dem Gipfel des K2 (Aufnahme von 2014)

Die 33-Jährige gehört zu den derzeit erfolgreichsten Höhenbergsteigerinnen weltweit - und trotzdem kennen viele sie nur, weil ihr Film zur Besteigung des K2 bei der kommerziellen "European Outdoor Film Tour" gezeigt wurde. Im Gegensatz zu namhaften männlichen Bergsteigern oder Kletterern unserer Zeit wie Stefan Glowacz, David Lama, Ueli Steck oder Alexander und Thomas Huber, sind die Bergsteiger-Frauen weniger bekannt.

Gerlinde Kaltenbrunner ist vielen vielleicht noch ein Begriff: Sie bestieg als erste Frau ohne zusätzlichen Sauerstoff alle 14 Achttausender - 25 Jahre nach dem ersten Mann, Reinhold Messner, dessen Namen zweifelsohne auch Menschen kennen, die mit Bergen nichts am Hut haben.

Im Bildband "Bergmenschen", der einige der berühmtesten Alpinisten unserer Zeit porträtiert, werden immerhin sieben Frauen interviewt - und 27 Männer. Vielleicht hat dieses ungleiche Verhältnis seinen Grund schlicht darin, dass es mehr männliche Bergsteiger gibt als weibliche. Vielleicht liegt es auch daran, dass männliche Bergsteiger bisher quantitativ gesehen die nennenswerteren Erfolge erzielt haben. Oder haben sie etwa mehr Mut?

Preisabfragezeitpunkt:
05.12.2019, 20:03 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Ruhland, Michael
Bildband: Bergmenschen. 30 Ikonen der Bergwelt über Wagnis, Liebe und Demut. Einfühlsam inszenierte Porträts, spannende Interviews mit Extrembergsteigern und prominenten Bergbegeisteren.

Verlag:
Frederking & Thaler Verlag GmbH
Seiten:
224
Preis:
34,99 €
Mit Fotografien von Christoph Jorda

Lange galt das Bergsteigen als reine Männerdomäne - Frauen seien zu schwach, hieß es früher, nicht tapfer genug, es zieme sich für das weibliche Geschlecht nicht, auf Berge zu kraxeln. "Eine Zottelhexe mit wirrem Haar und nachlässiger Gewandung ist keine Verkörperung weiblicher Reize", schrieb in den Dreißigerjahren etwa der Bergautor Franz Nieberl.

"Frauen setzen ihr Leben nicht so leichtsinnig aufs Spiel"

Diese Zeiten sind längst vorbei - zum Glück. Dennoch werde der Bergsport in der Spitze immer noch von Männern dominiert, sagt Michael Ruhland, der Autor von "Bergmenschen". "Das Verhältnis im Buch dürfte in etwa das reale Verhältnis von Männern zu Frauen wiedergeben - ohne dass ich darauf besonders geachtet habe", sagt Ruhland, der auch Chefredakteur des Magazins "Bergsteiger" ist. "Gemeinhin wird Frauen eine größere Umsicht und eine gesündere Gefahreneinschätzung zugesprochen, soll heißen: Sie setzen ihr Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel."

Die Geschichte des Alpinismus bestätige diese Annahme, sagt er: Es seien deutlich weniger Frauen in den Bergen umgekommen als Männer - das prozentuale Verhältnis von Männern und Frauen einbezogen. "Jedenfalls stehen Frauen, was ihr Durchhaltevermögen, ihre technischen Voraussetzungen und ihre Leidensfähigkeit betrifft, Männern am Berg in nichts nach."

Fotostrecke

12  Bilder
"Bergmenschen"-Bildband: Starke Frauen am Berg

Tamara Lunger hat es sich regelrecht zum Ziel gesetzt, sich in den Bergen genauso zu verhalten wie ihre männlichen Begleiter. "Jeder muss am Berg gleich viel leisten", sagt sie. "Ich will gleich viel tragen, ich will gleich viel entscheiden, ich will gleich viel Verantwortung." Sie sehe sich in erster Linie als Bergsteiger, nicht als Frau.

10, 15 Kilo leichter - aber im Rucksack dasselbe Gewicht

Die Eiskletterweltmeisterin Ines Papert findet sogar, dass Frauen mehr leisten als Männer: Am ehesten fühle sie sich beim Rucksackschleppen benachteiligt, sagt die 45-Jährige. Auf Expeditionen trage jeder das gleiche Gewicht - "ich wiege nun aber mal zehn oder fünfzehn Kilo weniger als die Männer, trage also im Verhältnis mehr".

Sonst empfinde sie Männer und Frauen jedoch mittlerweile als gleichberechtigt am Berg. Papert, die nur ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes den Gesamtweltcup im Eisklettern gewann, erzählt im Interview für den Bildband, wie sie das Muttersein und den Bergsport unter einen Hut bekam.

"Ob die Zukunft des Bergsteigens weiblicher sein wird, vermag ich nur schwer zu sagen", sagt Ruhland. "Persönlich glaube ich eher nicht daran, denn es gibt ja noch den Punkt des Profi-Daseins." Vom Bergsteigen leben zu wollen, sei nicht einfach. Man müsse sich medial präsentieren und einen guten Geschäftssinn haben. "Ich fürchte, da sind Frauen zurückhaltender als Männer", sagt er. "Was sie eher sympathisch macht."

Lunger und Papert gehören zu den Bergsteigerinnen, die die Selbstvermarktung mittlerweile raus haben: Ihre Instagram-Accounts sind voll von Bergabenteuern und Kletterfotos. Sie werden von Marken wie The North Face oder Arc'teryx gesponsert, genauso wie ihre männlichen Kollegen. Und oft wirken sie authentischer und nahbarer als manche ihrer männlichen Pendants - auch sie haben Spaß an dem, was sie tun.

Aber die Tränen!

Natürlich strahlen auch Frauen nicht ununterbrochen. Als Lunger den K2 bestieg, bezwang sie nicht nur den Gipfel, sondern auch ihren Liebeskummer. Mehrmals ist im Film zu sehen, wie sie um die verlorene Liebe weint. Typisch Frau, diese Emotionalität? Keineswegs.

Es ist bekannt, dass Messner die Scheidung von seiner ersten Frau Uschi Demeter in seine tiefste persönliche Krise stürzte - und er sich in seine Alleingang-Expeditionen flüchtete. Der Profikletterer Tommy Caldwell übte wie besessen die schwierige Route "Dawn Wall" am El Capitan im Yosemite-Nationalpark, um über die Trennung von seiner großen Liebe hinwegzukommen.

Peter Habeler wollte ganz schnell wieder hinunter zu seiner Frau und seinem neugeborenen Sohn, als er zum ersten Mal den Gipfel des Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff erreicht hatte - aus Angst, seine Familie nie wiederzusehen, rutschte er auf dem Hosenboden bis zum Camp ab. Der sonst oft gefühlsarm wirkende Alex Honnold sagte zum ersten Mal "Ich liebe dich" zu seiner Freundin, als er die Besteigung ohne Seil des El Capitan überlebt hatte - so jedenfalls wird es in der Doku "Free Solo" dargestellt.

In den Bergen von den eigenen Emotionen überwältigt zu werden, ist also offenbar ein geschlechterübergreifendes Phänomen.

insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pukyswelt 15.11.2019
1. Mein voller Respekt...
... an alle Frauen, die sich in sogenannten "Männerdomänen" gegen alle Widerstände behaupten und durchsetzen. Die Artikelüberschrift ist aus meiner Sicht furchtbar und ich hoffe, dass wir mit dieser "alle Frauen sind vorsichtiger und bedachter"- und "alle Männer sind dominant und durchsetzungsstark"-Denke aufhören.
AllesHeuchler 15.11.2019
2. Selbstvermarktung, den Bogen raus, wie die Männer?
Schon als junger Mann kam mir oft der Gedanke, dass sich Frauen sehr wohltuend von Männern unterscheiden, indem sie offensichtlich ganz natürlich auf Kraftmeierei verzichten, auf betontes Imponiergehabe, diese allgemein männliche Schoddrigkeit, und bitte auch weiterhin auf eitle Selbstdarstellerei in das rechte Rampenlicht, denn da gibt es nichts aufzuholen, bis man den Mann-Standard erreicht hat: soweit es sich um echte Leistungsträgerinnen handelt, werden sie uns ohnehin bekannt (gemacht), nur meist sachlicher, dezent sogar und auf sympathischere Weise, z.B. durch Berichte wie diesen, ganz ohne Vermarktungsgeschrei und Brunftlaute. Danke allen, die ihre Leistungen wohltuend zurückgenommen, glaubwürdig und mit einem ehrlichen Lächeln darzubieten verstehen!
sarang he 15.11.2019
3.
Meiner Erfahrung sind Frauen beim klettern und Extrembergsteigen meist technisch wie konditionell besser als ihre männlichen Kollegen. Leider sind Frauen im Bereich Schnelligkeit und Kraft meist deutlich schwächer als Männer, was für Männer signifikante Vorteile am Berg und in der Wand zeigt.
AllesHeuchler 15.11.2019
4. Unterton
Immer wieder dieser Unterton in Beiträgen von Frauen über Frauen, wonach diese "aufholen", so als seien die Männer-Standards selbst ein höheres Ziel...bewahre! Allein ihr liebenswürdiger Habitus: Frauen im Sport lächeln, strahlen, jubeln und sind geradezu hinreißend in ihrer Freude! Männer hingegen ballen Fäuste, vollführen zuschlagende Bewegungen der Vernichtung, mit grimmiger Miene, so die Primaten-Variante...was mögen Sie lieber?
carn 15.11.2019
5. Irgendwann, irgendwann wird hoffentlich mal
irgendeinem Autor der Artikelsorte "Frauen sind in Gebiet X unterrepräsentiert; bezüglich X weisen sie die bessere Eigenschaft Y auf; warum sind sie unterrepräsentiert?" die Frage in den Sinn kommen, ob Frauen nicht nur die bessere Eigenschaft Y aufweisen, sondern auch die für X schlechtere Eigenschaft Z, und ob dies eine Rolle spielen könnte (bzw. das Y vielleicht sogar ein Nachteil sein kann). Das ist beim Bergsteigen eigentlich noch viel offensichtlicher. Denn die allermeisten Berge kann man einfach besteigen, wenn man will. Es gibt keine von "Männerseilschaften" dominierte Zulassungskomittees, keine Ausbildungsplätze, bei denen Frauen übergangen werden, etc. Der Berg ist da. Jede Frau und jeder Mann kann versuchen ihn zu besteigen. Wenn aber wie im Artikel zugebilligt, sich Frauen und Männer in einigen fürs Bergsteigen relevanten Eigenschaften im Mittel unterscheiden, dann kann eine unterschiedliche Zahl von Frauen und Männern auf dem Gipfel eines Berges eben durch diese mittleren Unterschiede bedingt sein. Vor allem bei dem im Artikel zugestandenen Unterschied: "Gemeinhin wird Frauen eine größere Umsicht und eine gesündere Gefahreneinschätzung zugewiesen, soll heißen: Sie setzen ihr Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel." Es ist doch offensichtlich, dass genau diese zugestandene im Mittel andere Gefahreneinschätzung eben Auswirkungen haben kann, wie viele Frauen und Männer auf Berggipfeln sind. Denn z. B. beim Mount Everest ist das Verhältnis erfolgreiche Besteigung zu tot etwa 30 zu 1: "By March 2012, Everest had been climbed 5,656 times with 223 deaths.[81] Although lower mountains have longer or steeper climbs, Everest is so high the jet stream can hit it. Climbers can be faced with winds beyond 320 km/h (200 mph) when the weather shifts" https://en.wikipedia.org/wiki/Mount_Everest#Overview Was sagt einem eine gesunde Gefahreneinschätzung, wenn man die Frage im Hirn umherwälzt, ob man einen Berg besteigen soll mit Todesschance 1 zu 30 und mgl. Windgeschwindigkeiten von 320 km/h, welches beides perfekt vermeidbar ist, wenn man den Berg nicht besteigt? Genau, die gesunde Risikoeinschätzung sagt einem bestimmt nicht selten, dass man den Wahnsinn sein lassen soll. Ergo: wenn das eine Geschlecht eine gesündere Risikoeinschätzung hat als das andere, ist es nicht verwunderlich, wenn eher letzteres über Todesrisiko von 1 zu 30 und Windgeschwindigkeiten von 320 km/h (und noch andere in 8000+ m Höhe auftretende eher unangenehme Dinge) hinwegsieht und sich auf zum Berg macht. Folglich liefert der Artikel selbst bereits eine Tatsachenbehauptung, die die Unterschiede zumindest teilweise erklären könnte. Aber AutorIn ist schlicht zu sehr in der Denke drin, dass absolut jeder Unterschied in Ergebnissen - hier Anteil von Frauen am Bergsteigen - niemals nimmer durch mgl. vorhandene mittlere Unterschiede zwischen Geschlechtern bedingt sein kann, dass AutorIn in Artikel guten Erklärungsansatz für beobachtete Diskrepanz hat, aber das nicht mal mitbekommt. Wenn wer eine gesündere Risikoeinschätzung hat als wer anders, dann wird man ersteren seltener auf 8000m hohen Bergen antreffen als letzteren. Ist doch klar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.