Bergsteigen in Feuerland Seemanns Gipfel der Sehnsucht

Ralf Gantzhorn

2. Teil: 1. April 2010 - Annäherung an den Berg der Träume


"Passt auf, dass eure Steigeisen und Eispickel keine Löcher in das Dingi stechen!" Micki steht die Sorge ins Gesicht geschrieben, nicht nur wegen der für Seefahrer ungewohnt scharfen Eiswerkzeuge an den Rucksäcken. Schließlich ist der Himmel immer noch mit dicken, grauen Wolken verhangen. Und ausgerechnet im Nieselregen starten wir den nächsten Besteigungsversuch, den bislang vierten auf dieser Reise. Und das scheint nun wirklich nicht sehr vernünftig, doch der aufkommende Südwind lässt uns an das ersehnte Schönwetterfenster glauben. Und ein wenig Glaube und Instinkt sind notwendig in diesem Teil der Welt.

Das kleine Schlauchboot, in das wir uns mit unserer gesamten Bergausrüstung hineingequetscht haben, gleitet über das eiskalte Wasser und kommt knirschend am Kies der Caleta Escandallo, einem Strand auf der Ostseite des Monte Sarmiento, unser Basislager, zum Stehen. Nun sind wir drei Bergsteiger auf uns allein gestellt. Ausgesetzt an einem Strand, darum herum nichts als unberührte Wildnis. Keiner würde mitbekommen, wenn uns etwas passierte.

Aber war es nicht gerade das, was ich gesucht hatte? Den Aufbruch ins Unbekannte, Ungewisse? Beruhigend zu wissen, dass ich mit guten und verlässlichen Freunden unterwegs bin. Sowohl Robert als auch Jörn sind absolute Bergprofis, die schon so manches Abenteuer, auch in Patagonien, gut überstanden haben. Und für mich selbst ist es ja schon die 20. Bergfahrt an das südliche Ende der Welt, eine gewisse Erfahrung, speziell mit den patagonischen Bergen, habe also auch ich.

Der Berg mit dem schlechtesten Wetter weltweit

Wie eine immergrüne Mauer stellt er sich uns entgegen: der kalte Regenwald Feuerlands mit zähem Gestrüpp, Stacheln, umgefallenen, kreuz und quer liegenden Baumstämmen. Mit Macheten schlagen wir uns einen schmalen Pfad durch die üppig wuchernde Vegetation. Wir springen von Moospolster zu Moospolster, umgehen Tümpel. Bei jedem Schritt gibt der Boden nach, gibt schmatzende und gluckernde Geräusche von sich. Wenn man hier irgendwo einsackte, wäre es vorbei mit allen Besteigungsträumen. Dann würden die Bergschuhe voll Wasser laufen und später, weiter oben, zu Eisklumpen gefrieren.

Am Ende des Waldes wird das Gelände steiler, der Sumpf aber bleibt. Seilfrei hangeln wir uns an vor Nässe triefenden Moosen und allerlei anderen Gewächsen die schmierglatten Felsplatten hinauf. Endlich auf dem Gletscher angelangt, macht uns eine kleine Lücke in der Wolkendecke Hoffnung. Fünf Minuten lang, denn dann zieht alles wieder zu. Erst ganz allmählich, dann aber immer stärker werdend, fängt es an zu schneien. Der Wind jedoch kommt immer noch aus Süden - dieser Wind ist der Schönwetterstrohhalm, an den wir uns klammern. Der Monte Sarmiento gilt weltweit als der Berg mit dem schlechtesten Wetter.

Jörn navigiert im Whiteout mit GPS, Robert mit seinem Gefühl und ich mit meiner Erfahrung von den früheren Versuchen. Zusammen finden wir den Collado Este, einen Pass am Ostgrat des Monte Sarmiento und guten Ausgangspunkt für alle möglichen Anstiege auf dieser Seite des Berges. In einem steilen Hang finden wir einen lawinensicheren Platz für eine Schneehöhle und graben uns ein. Nach zwei Stunden ist die Behausung groß genug, dass wir alle darin verschwinden.

Mit einem Rucksack wird der Eingang gegen den Flugschnee verschlossen, und wir können uns in unsere Schlafsäcke kuscheln. Die Erfahrung sagt, dass wir besser alle zwei Stunden den Wecker stellen und den Eingang freischaufeln. Schläft man nämlich zu lange, geht der Sauerstoff aus, dann wacht hier niemand mehr auf. So sinke ich in einen leichten Dämmerschlaf, Zeit, die Erinnerungen an die zurückliegenden drei Expeditionen zum Monte Sarmiento hochsteigen zu lassen.

1999: Die erste Fahrt zum Monte Sarmiento

Die erste Expedition hatte mir schon im Vorfeld graue Haare eingetragen. Rund zwei Jahre hatte es gedauert, bis ich einen Skipper gefunden hatte, der dorthin segeln wollte, und genügend Bergsteiger, die diesen Skipper plus Boot für vier Wochen finanzieren wollten. Denn billig war Feuerland noch nie. Nachdem endlich alles bereit gewesen war, acht Teilnehmer die notwendigen Verträge unterschrieben hatten, riss mir drei Wochen vor Abfahrt die Achillessehne. Heulend lag ich im Krankenhaus, aus dem Monte Sarmiento wurde der Monte Patiento.

Doch die Ärzte machten mir Hoffnung, dass ich bald entlassen werden könnte. Und da Skipper Henk Boersma auch noch ein Seekajak auftreiben konnte, fuhr ich dann doch mit: mit einer riesigen Schiene am Fuß und Krücken unter dem Arm. An Bergsteigen war natürlich nicht zu denken, aber mit dem Kajak konnte ich die Fjorde Feuerlands zumindest auf Meeresspiegelhöhe erkunden, den Pia-, Brooks- und den Martínez-Fjord. Und überall standen Hunderte von fantastischen Bergen herum, der schönste war definitiv der Monte Sarmiento.

Als wir in Puerto King ankerten, gaben die Wolken für einen kurzen Moment den Blick auf den Westgipfel frei. Gerade dort findet sich eine Eisformation, die aussieht wie das Gesicht eines uralten, griesgrämigen Mannes. Und ausgerechnet dieses Gesicht lugte für wenige Sekunden aus den Wolken hervor. Für mich war klar, der Berg verabschiedet sich. Der Beginn einer langen und sehr persönlichen Beziehung.

2002: Auch kleine Erfolge machen glücklich

Im Jahr 2002 war es mir dann endlich wieder gelungen, ein paar Leute von Feuerland, einem Segelboot und vier Wochen Auszeit von der Zivilisation zu begeistern. Das Wetter war friedlich, aber das Tageslicht beschränkte sich auf wenige Stunden, und so manchen Morgen musste das Boot zunächst vom über Nacht gefallenen Neuschnee befreit werden. So fuhren wir wieder zuerst durch den Beagle-, dann durch den Ballenero-Kanal und gelangten schließlich nach Puerto King, wo wir den Anker fallen ließen.

Am nächsten Morgen weckte uns ein strahlender Sonnenaufgang. Da stand er wieder, der für mich schönste Berg der Welt mit seinem griesgrämigen, alten Gesicht am Westgipfel. Dieses Mal servierte uns der Monte Sarmiento gleich vier Tage hintereinander gutes Wetter. In unserem Rausch unter blauem Himmel vergaßen wir die uns eigentlich bekannte Geografie des Berges und näherten uns von Norden. Es sah so einfach aus, endete aber abrupt unterhalb senkrechter und noch dazu höchst instabiler Séracs, Türme aus Gletschereis, die sich an Abbruchkanten bilden und deren Überkletterung ein tödliches Risiko ist. So mussten wir bei bestem Wetter den Rückzug antreten.

Diese bittere Erfahrung hätten wir uns ersparen können, hätten wir nur unseren De Agostini sorgfältiger gelesen. Ihm unterlief 1913 nämlich der gleiche Fehler. Und dem alten, griesgrämigen Mann am Monte Sarmiento schien unser Scheitern so viel Freude zu machen, dass er sich danach durchgehend in Wolken hüllte. Allerdings gelangen 2002 noch Erstbesteigungen von zwei rund 1500 Meter hohen Bergen in der benachbarten Navarro-Kette. Wenigstens etwas.

2005: Frust im Dauerregen

Eine Fahrt, die man mit einem Wort zusammenfassen kann: Dauerfrust. Vier Wochen lang saßen wir im Regen an der Caleta Escandallo fest. Vier Wochen ohne Sonne und mit einem Fuchs, der regelmäßig unsere gesamte Ausrüstung mit seinem Duft markierte. Insgesamt neunmal rannten wir zum Beginn der Gletscher hoch, nur um jedes Mal festzustellen, dass die Wolken von der Westseite des Berges schon wieder schneller gewesen waren.

Und als dann beim zehnten Mal tatsächlich für sechs Stunden der Berg zu sehen war, interessierte das kaum noch. Zu frustriert und ausgelaugt waren wir, als dass wir eine Besteigung ernsthaft hätten wagen können. Und als wir auf der Rückfahrt Puerto King passierten und nicht einmal von dort der Monte Sarmiento zu sehen war, dachte ich ernsthaft daran, nie mehr hierher zurückzukehren.

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bebb 02.02.2011
1. Ich hatte das Glück
Jörn Heller im Rahmen der Ausbildung zum Erlebnispädagogen als Bergführer kennenlernen zu können. Zwar manchmal ein wenig kauzig, doch als Bergführer unglaublich besonnen und professionell. Mit der Geschichte und den Bildern von der Besteigung des Monte Sarmiento hat er uns einen schönen abend bereitet. Glückwunsch nochmal für diese Leistung.
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