Bergsteigen in Feuerland Seemanns Gipfel der Sehnsucht

Ralf Gantzhorn

3. Teil: 2. April 2010 - ein Traum wird Realität


Es ist zwei Uhr nachts, und ich schäle mich erneut aus dem warmen Schlafsack, um den Eingang vom Schnee zu befreien. Ich schaue hinaus und kann es zunächst nicht glauben: kein Wind, kein Schneefall, stattdessen blinkt ein erster Stern durch die Wolken. "Jungs, aufstehen, das Wetter, es wird besser!" Robert und Jörn sind sofort hellwach. Schnell beginnen wir, Tee zu kochen, essen Müsli und Schokolade. Um vier Uhr sind wir abmarschbereit und stiefeln im Lichtkegel unserer Stirnlampen in die Nacht. Vom Collado Este, dem Ostsattel, bewegen wir uns, zuerst etwas absteigend, dann wieder aufsteigend, zum Collado Norte.

Dort beginnt der Nordgrat zum Westgipfel des Monte Sarmiento. Äußerst vorsichtig steigen wir unserem Ziel entgegen. Wir kommen uns dabei wie einst Magellan in der für ihn damals noch unbekannten Meeresstraße vor. Nur dass uns statt Untiefen hier riesige Gletscherspalten immer wieder zur Umkehr und zur Suche nach einem neuen Kurs zwingen. Aber wir kommen auf dem nach oben schmaler und steiler werdenden Grat voran. Die Bewölkung scheint sich im Morgengrauen aufzulösen. Hinter einer Graterhebung taucht dann unser Gipfel auf. Ist das heute unser Tag? Mein Blick schweift zweifelnd hinauf zum sturmgefurchten Eisgipfel des Monte Sarmiento. Wo ist die Lücke zwischen all den Spalten, Eispilzen und Eisbrüchen?

Wir klettern weiter. Neben einigen senkrechten Stufen aus Pulverschnee macht uns die Kälte zu schaffen, minus 20 Grad Celsius. Zum Glück ist der Wind nahezu eingeschlafen. Aber wie lange das Schönwetterfenster offen bleibt, ist nicht abzusehen. Und ein Rückzug von hier oben bei schlechten Verhältnissen käme einer Bootsfahrt im Nebel ohne Kompass und GPS gleich. Jetzt bloß nicht noch einmal danebenliegen, ich habe Sorge, dass uns die Zeit wegrennt. Kurz vor Sonnenaufgang erreichen wir den Gipfelaufbau. Erstmals können wir auch nach Westen schauen, und die Aussicht lässt mich jubilieren. Es kündigt sich tatsächlich blauer Himmel an, und wir scheinen den schönsten Tag des Jahres erwischt zu haben. So schnell wir können, klettern wir weiter.

Türkisblaue Eisdächer, gigantische Eisbrücken

Doch knapp 100 Höhenmeter unterhalb des Gipfels stecken wir erneut in einer Sackgasse. Riesige, überhängende Eispilze versperren unüberwindbar die letzten Meter hinauf. Und unter uns nur ein steiler Abbruch. Was nun? 500 Meter weiter links hatten wir, wenn uns das Auge keinen Streich gespielt hat, einen Durchschlupf in Richtung Gipfelgrat entdeckt. Nur, wie kommen wir dahin? Wir müssen uns abseilen. Aber woran, hier in diesem haltlosen Schnee?

Es bleibt nur eine Möglichkeit: Robert als bester und erfahrenster Kletterer stellt sich auf die eine Seite eines kleinen Schneegrätchens und macht das Seil an seinem Gurt fest. Auf der anderen Seite lässt er zunächst Jörn ganz vorsichtig ab. Er ist der Leichteste, und ihn kann er gut halten. Langsam verschwindet er unter uns. Hoffentlich reicht das Seil bis dahin, wo er wieder Halt hat. Nach einer Weile vernehmen wir ein leises und erleichterndes "Stand". "Okay, nun du!" Ich schwinge mich hinüber und seile zügig ab. Überrascht über den starken Zug an seinem Gurt, schaut Robert mich erschrocken an. Aber es geht, und kurz darauf stehe ich bei Jörn. Dann klettert auch Robert ab, gesichert von Jörn und mir.

Eine verwunschene Welt öffnet sich vor unseren Augen. Unterhalb türkisblau schimmernder Eisdächer, von denen Eiszapfen wie kristallene Lüster hängen, queren wir, bis wir zu einer gigantischen, frei hängenden Eisbrücke gelangen. Wenn die zusammenbricht, überlebt hier keiner. Aber just fünf Meter vor ihr scheint es eine Möglichkeit zu geben, eine tiefe Spalte zu überwinden. Über steiles und blätterteigförmiges Eis klettern wir wieder nach oben, ein drohend mit Eiszapfen bewehrtes Eisdach wird links umgangen. Vier Seillängen später ist der Grat zwischen Ost- und Westgipfel erreicht. Einzig zuverlässige Sicherung im Fall eines Sturzes ist der Sprung des Sichernden in eine Spalte am Standplatz - blau schimmernde Mäuler, so kommt es uns vor, die nur auf einen Fehler von uns zu warten scheinen.

Magellans Odyssee

Etwas oberhalb des Sattels, schon auf dem Grat zum Westgipfel, versperren erneut furchteinflößende, überdimensionale Eispilze den Zugang zum Gipfel. "Nicht schon wieder", meint Robert. Von Jörn gesichert, steigt Robert wieder ab, dieses Mal auf die Südseite. Und hier finden wir endlich den ersehnten Zugang zum Westgipfel. Die letzten Meter steigen wir wie in Trance zum 2145 Meter hohen Ziel.

Nach 20 Kilometern und 3000 Höhenmetern sind wir oben. Der Blick weitet sich in alle Richtungen, unter uns liegt eine völlig menschenleere Fjordlandschaft: weiße Berge, grüne Wälder und das tiefblaue Meer. Wir sind tatsächlich oben auf dem Kopf des griesgrämigen, alten Mannes. Unter uns, ganz klein, liegt die fingerförmige Bucht von Puerto King, der Ort meines ersten Rendezvous mit dem Berg. Und ganz im Norden sehen wir die Magellanstraße durch ein Gewirr unzähliger Wasserarme.

28 Tage hatte der Entdecker im November 1520 gebraucht, bis er einen Durchschlupf zum Pazifik gefunden hatte. Den Monte Sarmiento dürfte er damals von unten gesehen haben. Da wir als Erstbegeher einer neuen Route an einem Berg das Privileg haben, dieser einen Namen geben zu dürfen, taufen wir sie "La odisea de Magallanes".

Aus "Mare"-Heft No. 84. Februar 2011

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bebb 02.02.2011
1. Ich hatte das Glück
Jörn Heller im Rahmen der Ausbildung zum Erlebnispädagogen als Bergführer kennenlernen zu können. Zwar manchmal ein wenig kauzig, doch als Bergführer unglaublich besonnen und professionell. Mit der Geschichte und den Bildern von der Besteigung des Monte Sarmiento hat er uns einen schönen abend bereitet. Glückwunsch nochmal für diese Leistung.
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