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02. Februar 2011, 09:43 Uhr

Bergsteigen in Feuerland

Seemanns Gipfel der Sehnsucht

Der eisige Trumm ist nur vom Wasser erreichbar, das Wetter ist miserabel: Der 2200 Meter hohe Monte Sarmiento ist Ralf Gantzhorns persönlicher Schicksalsberg. Viermal hat der "Mare"-Autor die Besteigung des einsam im Inselmeer von Feuerland emporragenden Gipfels versucht - bis ein Traum real wurde.

Zunächst war es nur ein Blick auf weit entfernte Berge während einer Bootsfahrt im Beagle-Kanal. Wie unnahbare Eiskristalle aus der Märchenwelt der "Schneekönigin" des Hans Christian Andersen leuchteten sie herüber nach Ushuaia. Ich bekam dieses magische Weiß der Gipfel nicht mehr aus meinem Kopf.

Was waren das für Berge da am Ende der Welt? Später stolperte ich durch Zufall über ein Buch aus den 1920er Jahren. "Zehn Jahre im Feuerland" heißt das Werk, geschrieben von Alberto M. De Agostini, ein Salesianerpater, der einige Berge Feuerlands erstmals bestiegen hatte. Von undurchdringlichem Urwald war die Rede, von schnee- und eisbedeckten Gipfeln, die noch keiner betreten hatte, von Gletschern, deren blaue Zungen ins Meer kalbten.

Und vom Monte Sarmiento de Gamboa. Ein Berg im Westen Feuerlands, 2200 Meter hoch, auf einer Halbinsel gelegen, 150 Kilometer von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt und nur übers Wasser zu erreichen. Eine nach allen Seiten extrem steile Pyramide. Meist nicht zu sehen, denn der Westen Feuerlands hat mit das mieseste Wetter unseres Planeten. Und: noch zu entdecken.

Die meisten Berge der Gegend hier tragen noch keinen Namen, es gibt kaum vernünftige Karten. Diejenigen, die mir aus Santiago de Chile zugeschickt wurden, zeigten das magische Wort: "inexplorado", unerforscht. Zwar wurde sowohl der Ostgipfel des Monte Sarmiento im Jahr 1956 als auch der Westgipfel des Berges 1986 und 1995 bezwungen, doch hier, wo die Gletscher mit zwei, drei Metern am Tag fließen und die Topografie einem ständigen Wandel unterliegt, konnte man noch Entdecker sein. An jeder Ecke würden sich unbekannte, vielleicht noch nie gesehene Ansichten auftun. Mit dem Segelboot die Kanäle Feuerlands erkunden und anschließend den schönsten Berg der Welt besteigen - war das nicht mein ganz persönlicher Traum? Die perfekte Kombination aus Berg und Meer?

Frühjahr 2010: Mit dem Segelboot zum Monte Sarmiento

Ich stehe an der Pier des südlichsten Yachtklubs der Welt, Club de Yates Micalvi in dem Dorf Puerto Williams am Beagle-Kanal. Nach 1999, 2002 und 2005 habe ich mir noch einmal ein Herz gefasst und die vierte Expedition zum Berg meiner Träume organisiert, die ich als Bergfotograf dokumentieren werde. Mit von der Partie sind Robert Jasper und Jörn Heller, zwei der besten Alpinisten unserer Zeit. Unter uns dümpelt die "Tari II", eine 12,5 Meter lange Stahlyacht und unsere Heimat für die nächsten vier Wochen.

Aus dem Cockpit stemmt sich eine drahtige Gestalt und begrüßt uns aufs Allerherzlichste: Skipper "Micki" Porco Fischer. Für eine vierwöchige Expedition zum berühmtesten Berg Feuerlands war der Argentinier mit deutscher Großmutter schnell gewonnen. Schließlich war er selbst noch nie im Westen des Archipels gewesen, und die Tatsache, dass schon rund 30 Expeditionen am Monte Sarmiento gescheitert sind, hat ihn neugierig gemacht.

Endlich ist alles verstaut. Wir lassen uns, etwas skeptisch angesichts der geringen Größe des Bootes, in die Bedienung der Bordtechnik, ins Setzen und Bergen der Segel einweisen. Insbesondere die Toilette entlockt Robert und Jörn ein gequältes Lächeln: Wenn das Ventil nicht richtig geschlossen wird, geht die "Tari II" unter. Na denn. Wir laufen aus, die Segel werden gesetzt, und während das Boot langsam in Schräglage kippt, schwappen auch schon die ersten Wellen übers Deck. Einige verunsicherte Blicke richten sich auf Micki, doch der signalisiert: alles in Ordnung. Daran werden wir uns wohl oder übel gewöhnen müssen.

Ein paar Tage später liegen wir am Eingang des España-Fjords fest, im wahrsten Sinn des Wortes: Über Nacht hat es einen Temperatursturz gegeben; am Morgen müssen zehn Zentimeter Neuschnee vom Deck gefegt werden, um die "Tari II" selbst hat sich eine dünne Eisschicht gebildet. Draußen im Beagle-Kanal tobt die Hölle. An Weiterfahrt ist nicht zu denken. Da aber der Fjord selbst relativ windgeschützt scheint, beschließen wir, diesen näher zu erkunden.

Erste Eisberge treiben uns entgegen, Vorboten des am Ende des Meeresarms in die See kalbenden Gletschers. Krachend und knirschend sucht sich die "Tari II" ihren Weg durchs Eis, eine schmale Spur offenen Wassers hinter sich lassend, die jedoch gleich wieder durch die Eismassen geschlossen wird. Schließlich ist Schluss. Zu viele Eisberge versperren uns den Weg, zu dick ist die Eisdecke im Inneren des Fjords, als dass wir hier durchbrechen könnten.

"Wie das Hochziehen des Vorhangs vor einer wunderherrlichen Szene"

Nach zwei Tagen in den Fjorden nördlich des Beagle-Kanals hat sich das Wetter beruhigt, und wir können unsere Reise nach Westen fortsetzen. Nach dem Ballenero-Kanal erreichen wir dann die Brecknock-Passage, von der es im Buch "Kap Hoorn" von Francisco Coloane heißt: "Die Brecknock-Passage, ebenso rau wie die Aneinanderreihung ihrer harten Konsonanten, ist nicht sehr lang, die Wellen bäumen sich jedoch wie Kraterränder, brechen sich an den hohen, düsteren Klippen und stürzen tosend und schäumend ins Meer zurück, sodass die Durchfahrt für alle Seeleute ein Albtraum ist."

Erst recht für Bergsteiger. Allesamt hängen wir an der Reling - ein Wal schwimmt seelenruhig an Steuerbord mit und scheint sich an dem Spektakel nicht sattsehen zu können. Doch dann geht es wieder nach Osten. Erstmals kommt der Wind von achtern, die Segel können ausgepackt werden. Selbst Robert und Jörn sind begeistert. Mit über acht Knoten schiebt uns ein kräftiger Wind an. Noch am Abend erreichen wir Puerto King, eine Bucht, wenige Kilometer vom Monte Sarmiento entfernt.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es windstill. Kaum eine Wolke ist zu erkennen, orangerot färbt sich der Horizont im Osten. So friedlich kann Feuerland also auch sein. Während das Schiff langsam durch das stille Wasser gleitet, stehen wir alle an Deck. Gespannt starren wir zu einem Bergrücken, hinter dem sich langsam etwas Größeres herausschält. Zunächst erkennt man nur einen riesigen, ins Meer fließenden Gletscher, dann einen Grat, der sich immer höher schraubt. Er ist es, der Monte Sarmiento.

Sprachlos stehen wir an Deck, gebannt von der Perfektion dieses Berges. In Gedanken zitiere ich De Agostini: "... bis sich plötzlich in der Höhe, hinter dem Dunstschleier, ein gewaltiger, kugelförmiger, schneeweißer Turm abhob, den wir im ersten Augenblick für den Gipfel hielten. Während unsere Blicke unverwandt darin hingen, erschien noch weiter oben, unverhofft wie in einer Traumregion, ein spitzer Kamm, darüber, über steil abstürzende und trotzdem von Schneewechten überragten Wänden, ein ungeheurer, überhängender Eispanzer ... Mit wachsendem Interesse verfolgten wir die Enthüllung des geheimnisvollen Berges; es war wie das Hochziehen des Vorhangs vor einer wunderherrlichen, magischen Szene."

1. April 2010 - Annäherung an den Berg der Träume

"Passt auf, dass eure Steigeisen und Eispickel keine Löcher in das Dingi stechen!" Micki steht die Sorge ins Gesicht geschrieben, nicht nur wegen der für Seefahrer ungewohnt scharfen Eiswerkzeuge an den Rucksäcken. Schließlich ist der Himmel immer noch mit dicken, grauen Wolken verhangen. Und ausgerechnet im Nieselregen starten wir den nächsten Besteigungsversuch, den bislang vierten auf dieser Reise. Und das scheint nun wirklich nicht sehr vernünftig, doch der aufkommende Südwind lässt uns an das ersehnte Schönwetterfenster glauben. Und ein wenig Glaube und Instinkt sind notwendig in diesem Teil der Welt.

Das kleine Schlauchboot, in das wir uns mit unserer gesamten Bergausrüstung hineingequetscht haben, gleitet über das eiskalte Wasser und kommt knirschend am Kies der Caleta Escandallo, einem Strand auf der Ostseite des Monte Sarmiento, unser Basislager, zum Stehen. Nun sind wir drei Bergsteiger auf uns allein gestellt. Ausgesetzt an einem Strand, darum herum nichts als unberührte Wildnis. Keiner würde mitbekommen, wenn uns etwas passierte.

Aber war es nicht gerade das, was ich gesucht hatte? Den Aufbruch ins Unbekannte, Ungewisse? Beruhigend zu wissen, dass ich mit guten und verlässlichen Freunden unterwegs bin. Sowohl Robert als auch Jörn sind absolute Bergprofis, die schon so manches Abenteuer, auch in Patagonien, gut überstanden haben. Und für mich selbst ist es ja schon die 20. Bergfahrt an das südliche Ende der Welt, eine gewisse Erfahrung, speziell mit den patagonischen Bergen, habe also auch ich.

Der Berg mit dem schlechtesten Wetter weltweit

Wie eine immergrüne Mauer stellt er sich uns entgegen: der kalte Regenwald Feuerlands mit zähem Gestrüpp, Stacheln, umgefallenen, kreuz und quer liegenden Baumstämmen. Mit Macheten schlagen wir uns einen schmalen Pfad durch die üppig wuchernde Vegetation. Wir springen von Moospolster zu Moospolster, umgehen Tümpel. Bei jedem Schritt gibt der Boden nach, gibt schmatzende und gluckernde Geräusche von sich. Wenn man hier irgendwo einsackte, wäre es vorbei mit allen Besteigungsträumen. Dann würden die Bergschuhe voll Wasser laufen und später, weiter oben, zu Eisklumpen gefrieren.

Am Ende des Waldes wird das Gelände steiler, der Sumpf aber bleibt. Seilfrei hangeln wir uns an vor Nässe triefenden Moosen und allerlei anderen Gewächsen die schmierglatten Felsplatten hinauf. Endlich auf dem Gletscher angelangt, macht uns eine kleine Lücke in der Wolkendecke Hoffnung. Fünf Minuten lang, denn dann zieht alles wieder zu. Erst ganz allmählich, dann aber immer stärker werdend, fängt es an zu schneien. Der Wind jedoch kommt immer noch aus Süden - dieser Wind ist der Schönwetterstrohhalm, an den wir uns klammern. Der Monte Sarmiento gilt weltweit als der Berg mit dem schlechtesten Wetter.

Jörn navigiert im Whiteout mit GPS, Robert mit seinem Gefühl und ich mit meiner Erfahrung von den früheren Versuchen. Zusammen finden wir den Collado Este, einen Pass am Ostgrat des Monte Sarmiento und guten Ausgangspunkt für alle möglichen Anstiege auf dieser Seite des Berges. In einem steilen Hang finden wir einen lawinensicheren Platz für eine Schneehöhle und graben uns ein. Nach zwei Stunden ist die Behausung groß genug, dass wir alle darin verschwinden.

Mit einem Rucksack wird der Eingang gegen den Flugschnee verschlossen, und wir können uns in unsere Schlafsäcke kuscheln. Die Erfahrung sagt, dass wir besser alle zwei Stunden den Wecker stellen und den Eingang freischaufeln. Schläft man nämlich zu lange, geht der Sauerstoff aus, dann wacht hier niemand mehr auf. So sinke ich in einen leichten Dämmerschlaf, Zeit, die Erinnerungen an die zurückliegenden drei Expeditionen zum Monte Sarmiento hochsteigen zu lassen.

1999: Die erste Fahrt zum Monte Sarmiento

Die erste Expedition hatte mir schon im Vorfeld graue Haare eingetragen. Rund zwei Jahre hatte es gedauert, bis ich einen Skipper gefunden hatte, der dorthin segeln wollte, und genügend Bergsteiger, die diesen Skipper plus Boot für vier Wochen finanzieren wollten. Denn billig war Feuerland noch nie. Nachdem endlich alles bereit gewesen war, acht Teilnehmer die notwendigen Verträge unterschrieben hatten, riss mir drei Wochen vor Abfahrt die Achillessehne. Heulend lag ich im Krankenhaus, aus dem Monte Sarmiento wurde der Monte Patiento.

Doch die Ärzte machten mir Hoffnung, dass ich bald entlassen werden könnte. Und da Skipper Henk Boersma auch noch ein Seekajak auftreiben konnte, fuhr ich dann doch mit: mit einer riesigen Schiene am Fuß und Krücken unter dem Arm. An Bergsteigen war natürlich nicht zu denken, aber mit dem Kajak konnte ich die Fjorde Feuerlands zumindest auf Meeresspiegelhöhe erkunden, den Pia-, Brooks- und den Martínez-Fjord. Und überall standen Hunderte von fantastischen Bergen herum, der schönste war definitiv der Monte Sarmiento.

Als wir in Puerto King ankerten, gaben die Wolken für einen kurzen Moment den Blick auf den Westgipfel frei. Gerade dort findet sich eine Eisformation, die aussieht wie das Gesicht eines uralten, griesgrämigen Mannes. Und ausgerechnet dieses Gesicht lugte für wenige Sekunden aus den Wolken hervor. Für mich war klar, der Berg verabschiedet sich. Der Beginn einer langen und sehr persönlichen Beziehung.

2002: Auch kleine Erfolge machen glücklich

Im Jahr 2002 war es mir dann endlich wieder gelungen, ein paar Leute von Feuerland, einem Segelboot und vier Wochen Auszeit von der Zivilisation zu begeistern. Das Wetter war friedlich, aber das Tageslicht beschränkte sich auf wenige Stunden, und so manchen Morgen musste das Boot zunächst vom über Nacht gefallenen Neuschnee befreit werden. So fuhren wir wieder zuerst durch den Beagle-, dann durch den Ballenero-Kanal und gelangten schließlich nach Puerto King, wo wir den Anker fallen ließen.

Am nächsten Morgen weckte uns ein strahlender Sonnenaufgang. Da stand er wieder, der für mich schönste Berg der Welt mit seinem griesgrämigen, alten Gesicht am Westgipfel. Dieses Mal servierte uns der Monte Sarmiento gleich vier Tage hintereinander gutes Wetter. In unserem Rausch unter blauem Himmel vergaßen wir die uns eigentlich bekannte Geografie des Berges und näherten uns von Norden. Es sah so einfach aus, endete aber abrupt unterhalb senkrechter und noch dazu höchst instabiler Séracs, Türme aus Gletschereis, die sich an Abbruchkanten bilden und deren Überkletterung ein tödliches Risiko ist. So mussten wir bei bestem Wetter den Rückzug antreten.

Diese bittere Erfahrung hätten wir uns ersparen können, hätten wir nur unseren De Agostini sorgfältiger gelesen. Ihm unterlief 1913 nämlich der gleiche Fehler. Und dem alten, griesgrämigen Mann am Monte Sarmiento schien unser Scheitern so viel Freude zu machen, dass er sich danach durchgehend in Wolken hüllte. Allerdings gelangen 2002 noch Erstbesteigungen von zwei rund 1500 Meter hohen Bergen in der benachbarten Navarro-Kette. Wenigstens etwas.

2005: Frust im Dauerregen

Eine Fahrt, die man mit einem Wort zusammenfassen kann: Dauerfrust. Vier Wochen lang saßen wir im Regen an der Caleta Escandallo fest. Vier Wochen ohne Sonne und mit einem Fuchs, der regelmäßig unsere gesamte Ausrüstung mit seinem Duft markierte. Insgesamt neunmal rannten wir zum Beginn der Gletscher hoch, nur um jedes Mal festzustellen, dass die Wolken von der Westseite des Berges schon wieder schneller gewesen waren.

Und als dann beim zehnten Mal tatsächlich für sechs Stunden der Berg zu sehen war, interessierte das kaum noch. Zu frustriert und ausgelaugt waren wir, als dass wir eine Besteigung ernsthaft hätten wagen können. Und als wir auf der Rückfahrt Puerto King passierten und nicht einmal von dort der Monte Sarmiento zu sehen war, dachte ich ernsthaft daran, nie mehr hierher zurückzukehren.

2. April 2010 - ein Traum wird Realität

Es ist zwei Uhr nachts, und ich schäle mich erneut aus dem warmen Schlafsack, um den Eingang vom Schnee zu befreien. Ich schaue hinaus und kann es zunächst nicht glauben: kein Wind, kein Schneefall, stattdessen blinkt ein erster Stern durch die Wolken. "Jungs, aufstehen, das Wetter, es wird besser!" Robert und Jörn sind sofort hellwach. Schnell beginnen wir, Tee zu kochen, essen Müsli und Schokolade. Um vier Uhr sind wir abmarschbereit und stiefeln im Lichtkegel unserer Stirnlampen in die Nacht. Vom Collado Este, dem Ostsattel, bewegen wir uns, zuerst etwas absteigend, dann wieder aufsteigend, zum Collado Norte.

Dort beginnt der Nordgrat zum Westgipfel des Monte Sarmiento. Äußerst vorsichtig steigen wir unserem Ziel entgegen. Wir kommen uns dabei wie einst Magellan in der für ihn damals noch unbekannten Meeresstraße vor. Nur dass uns statt Untiefen hier riesige Gletscherspalten immer wieder zur Umkehr und zur Suche nach einem neuen Kurs zwingen. Aber wir kommen auf dem nach oben schmaler und steiler werdenden Grat voran. Die Bewölkung scheint sich im Morgengrauen aufzulösen. Hinter einer Graterhebung taucht dann unser Gipfel auf. Ist das heute unser Tag? Mein Blick schweift zweifelnd hinauf zum sturmgefurchten Eisgipfel des Monte Sarmiento. Wo ist die Lücke zwischen all den Spalten, Eispilzen und Eisbrüchen?

Wir klettern weiter. Neben einigen senkrechten Stufen aus Pulverschnee macht uns die Kälte zu schaffen, minus 20 Grad Celsius. Zum Glück ist der Wind nahezu eingeschlafen. Aber wie lange das Schönwetterfenster offen bleibt, ist nicht abzusehen. Und ein Rückzug von hier oben bei schlechten Verhältnissen käme einer Bootsfahrt im Nebel ohne Kompass und GPS gleich. Jetzt bloß nicht noch einmal danebenliegen, ich habe Sorge, dass uns die Zeit wegrennt. Kurz vor Sonnenaufgang erreichen wir den Gipfelaufbau. Erstmals können wir auch nach Westen schauen, und die Aussicht lässt mich jubilieren. Es kündigt sich tatsächlich blauer Himmel an, und wir scheinen den schönsten Tag des Jahres erwischt zu haben. So schnell wir können, klettern wir weiter.

Türkisblaue Eisdächer, gigantische Eisbrücken

Doch knapp 100 Höhenmeter unterhalb des Gipfels stecken wir erneut in einer Sackgasse. Riesige, überhängende Eispilze versperren unüberwindbar die letzten Meter hinauf. Und unter uns nur ein steiler Abbruch. Was nun? 500 Meter weiter links hatten wir, wenn uns das Auge keinen Streich gespielt hat, einen Durchschlupf in Richtung Gipfelgrat entdeckt. Nur, wie kommen wir dahin? Wir müssen uns abseilen. Aber woran, hier in diesem haltlosen Schnee?

Es bleibt nur eine Möglichkeit: Robert als bester und erfahrenster Kletterer stellt sich auf die eine Seite eines kleinen Schneegrätchens und macht das Seil an seinem Gurt fest. Auf der anderen Seite lässt er zunächst Jörn ganz vorsichtig ab. Er ist der Leichteste, und ihn kann er gut halten. Langsam verschwindet er unter uns. Hoffentlich reicht das Seil bis dahin, wo er wieder Halt hat. Nach einer Weile vernehmen wir ein leises und erleichterndes "Stand". "Okay, nun du!" Ich schwinge mich hinüber und seile zügig ab. Überrascht über den starken Zug an seinem Gurt, schaut Robert mich erschrocken an. Aber es geht, und kurz darauf stehe ich bei Jörn. Dann klettert auch Robert ab, gesichert von Jörn und mir.

Eine verwunschene Welt öffnet sich vor unseren Augen. Unterhalb türkisblau schimmernder Eisdächer, von denen Eiszapfen wie kristallene Lüster hängen, queren wir, bis wir zu einer gigantischen, frei hängenden Eisbrücke gelangen. Wenn die zusammenbricht, überlebt hier keiner. Aber just fünf Meter vor ihr scheint es eine Möglichkeit zu geben, eine tiefe Spalte zu überwinden. Über steiles und blätterteigförmiges Eis klettern wir wieder nach oben, ein drohend mit Eiszapfen bewehrtes Eisdach wird links umgangen. Vier Seillängen später ist der Grat zwischen Ost- und Westgipfel erreicht. Einzig zuverlässige Sicherung im Fall eines Sturzes ist der Sprung des Sichernden in eine Spalte am Standplatz - blau schimmernde Mäuler, so kommt es uns vor, die nur auf einen Fehler von uns zu warten scheinen.

Magellans Odyssee

Etwas oberhalb des Sattels, schon auf dem Grat zum Westgipfel, versperren erneut furchteinflößende, überdimensionale Eispilze den Zugang zum Gipfel. "Nicht schon wieder", meint Robert. Von Jörn gesichert, steigt Robert wieder ab, dieses Mal auf die Südseite. Und hier finden wir endlich den ersehnten Zugang zum Westgipfel. Die letzten Meter steigen wir wie in Trance zum 2145 Meter hohen Ziel.

Nach 20 Kilometern und 3000 Höhenmetern sind wir oben. Der Blick weitet sich in alle Richtungen, unter uns liegt eine völlig menschenleere Fjordlandschaft: weiße Berge, grüne Wälder und das tiefblaue Meer. Wir sind tatsächlich oben auf dem Kopf des griesgrämigen, alten Mannes. Unter uns, ganz klein, liegt die fingerförmige Bucht von Puerto King, der Ort meines ersten Rendezvous mit dem Berg. Und ganz im Norden sehen wir die Magellanstraße durch ein Gewirr unzähliger Wasserarme.

28 Tage hatte der Entdecker im November 1520 gebraucht, bis er einen Durchschlupf zum Pazifik gefunden hatte. Den Monte Sarmiento dürfte er damals von unten gesehen haben. Da wir als Erstbegeher einer neuen Route an einem Berg das Privileg haben, dieser einen Namen geben zu dürfen, taufen wir sie "La odisea de Magallanes".

Aus "Mare"-Heft No. 84. Februar 2011

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