Bergsteigen in Feuerland Seemanns Gipfel der Sehnsucht

Der eisige Trumm ist nur vom Wasser erreichbar, das Wetter ist miserabel: Der 2200 Meter hohe Monte Sarmiento ist Ralf Gantzhorns persönlicher Schicksalsberg. Viermal hat der "Mare"-Autor die Besteigung des einsam im Inselmeer von Feuerland emporragenden Gipfels versucht - bis ein Traum real wurde.

Ralf Gantzhorn

Zunächst war es nur ein Blick auf weit entfernte Berge während einer Bootsfahrt im Beagle-Kanal. Wie unnahbare Eiskristalle aus der Märchenwelt der "Schneekönigin" des Hans Christian Andersen leuchteten sie herüber nach Ushuaia. Ich bekam dieses magische Weiß der Gipfel nicht mehr aus meinem Kopf.

Was waren das für Berge da am Ende der Welt? Später stolperte ich durch Zufall über ein Buch aus den 1920er Jahren. "Zehn Jahre im Feuerland" heißt das Werk, geschrieben von Alberto M. De Agostini, ein Salesianerpater, der einige Berge Feuerlands erstmals bestiegen hatte. Von undurchdringlichem Urwald war die Rede, von schnee- und eisbedeckten Gipfeln, die noch keiner betreten hatte, von Gletschern, deren blaue Zungen ins Meer kalbten.

Und vom Monte Sarmiento de Gamboa. Ein Berg im Westen Feuerlands, 2200 Meter hoch, auf einer Halbinsel gelegen, 150 Kilometer von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt und nur übers Wasser zu erreichen. Eine nach allen Seiten extrem steile Pyramide. Meist nicht zu sehen, denn der Westen Feuerlands hat mit das mieseste Wetter unseres Planeten. Und: noch zu entdecken.

Die meisten Berge der Gegend hier tragen noch keinen Namen, es gibt kaum vernünftige Karten. Diejenigen, die mir aus Santiago de Chile zugeschickt wurden, zeigten das magische Wort: "inexplorado", unerforscht. Zwar wurde sowohl der Ostgipfel des Monte Sarmiento im Jahr 1956 als auch der Westgipfel des Berges 1986 und 1995 bezwungen, doch hier, wo die Gletscher mit zwei, drei Metern am Tag fließen und die Topografie einem ständigen Wandel unterliegt, konnte man noch Entdecker sein. An jeder Ecke würden sich unbekannte, vielleicht noch nie gesehene Ansichten auftun. Mit dem Segelboot die Kanäle Feuerlands erkunden und anschließend den schönsten Berg der Welt besteigen - war das nicht mein ganz persönlicher Traum? Die perfekte Kombination aus Berg und Meer?

Frühjahr 2010: Mit dem Segelboot zum Monte Sarmiento

Ich stehe an der Pier des südlichsten Yachtklubs der Welt, Club de Yates Micalvi in dem Dorf Puerto Williams am Beagle-Kanal. Nach 1999, 2002 und 2005 habe ich mir noch einmal ein Herz gefasst und die vierte Expedition zum Berg meiner Träume organisiert, die ich als Bergfotograf dokumentieren werde. Mit von der Partie sind Robert Jasper und Jörn Heller, zwei der besten Alpinisten unserer Zeit. Unter uns dümpelt die "Tari II", eine 12,5 Meter lange Stahlyacht und unsere Heimat für die nächsten vier Wochen.

Aus dem Cockpit stemmt sich eine drahtige Gestalt und begrüßt uns aufs Allerherzlichste: Skipper "Micki" Porco Fischer. Für eine vierwöchige Expedition zum berühmtesten Berg Feuerlands war der Argentinier mit deutscher Großmutter schnell gewonnen. Schließlich war er selbst noch nie im Westen des Archipels gewesen, und die Tatsache, dass schon rund 30 Expeditionen am Monte Sarmiento gescheitert sind, hat ihn neugierig gemacht.

Endlich ist alles verstaut. Wir lassen uns, etwas skeptisch angesichts der geringen Größe des Bootes, in die Bedienung der Bordtechnik, ins Setzen und Bergen der Segel einweisen. Insbesondere die Toilette entlockt Robert und Jörn ein gequältes Lächeln: Wenn das Ventil nicht richtig geschlossen wird, geht die "Tari II" unter. Na denn. Wir laufen aus, die Segel werden gesetzt, und während das Boot langsam in Schräglage kippt, schwappen auch schon die ersten Wellen übers Deck. Einige verunsicherte Blicke richten sich auf Micki, doch der signalisiert: alles in Ordnung. Daran werden wir uns wohl oder übel gewöhnen müssen.

Ein paar Tage später liegen wir am Eingang des España-Fjords fest, im wahrsten Sinn des Wortes: Über Nacht hat es einen Temperatursturz gegeben; am Morgen müssen zehn Zentimeter Neuschnee vom Deck gefegt werden, um die "Tari II" selbst hat sich eine dünne Eisschicht gebildet. Draußen im Beagle-Kanal tobt die Hölle. An Weiterfahrt ist nicht zu denken. Da aber der Fjord selbst relativ windgeschützt scheint, beschließen wir, diesen näher zu erkunden.

Erste Eisberge treiben uns entgegen, Vorboten des am Ende des Meeresarms in die See kalbenden Gletschers. Krachend und knirschend sucht sich die "Tari II" ihren Weg durchs Eis, eine schmale Spur offenen Wassers hinter sich lassend, die jedoch gleich wieder durch die Eismassen geschlossen wird. Schließlich ist Schluss. Zu viele Eisberge versperren uns den Weg, zu dick ist die Eisdecke im Inneren des Fjords, als dass wir hier durchbrechen könnten.

"Wie das Hochziehen des Vorhangs vor einer wunderherrlichen Szene"

Nach zwei Tagen in den Fjorden nördlich des Beagle-Kanals hat sich das Wetter beruhigt, und wir können unsere Reise nach Westen fortsetzen. Nach dem Ballenero-Kanal erreichen wir dann die Brecknock-Passage, von der es im Buch "Kap Hoorn" von Francisco Coloane heißt: "Die Brecknock-Passage, ebenso rau wie die Aneinanderreihung ihrer harten Konsonanten, ist nicht sehr lang, die Wellen bäumen sich jedoch wie Kraterränder, brechen sich an den hohen, düsteren Klippen und stürzen tosend und schäumend ins Meer zurück, sodass die Durchfahrt für alle Seeleute ein Albtraum ist."

Erst recht für Bergsteiger. Allesamt hängen wir an der Reling - ein Wal schwimmt seelenruhig an Steuerbord mit und scheint sich an dem Spektakel nicht sattsehen zu können. Doch dann geht es wieder nach Osten. Erstmals kommt der Wind von achtern, die Segel können ausgepackt werden. Selbst Robert und Jörn sind begeistert. Mit über acht Knoten schiebt uns ein kräftiger Wind an. Noch am Abend erreichen wir Puerto King, eine Bucht, wenige Kilometer vom Monte Sarmiento entfernt.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es windstill. Kaum eine Wolke ist zu erkennen, orangerot färbt sich der Horizont im Osten. So friedlich kann Feuerland also auch sein. Während das Schiff langsam durch das stille Wasser gleitet, stehen wir alle an Deck. Gespannt starren wir zu einem Bergrücken, hinter dem sich langsam etwas Größeres herausschält. Zunächst erkennt man nur einen riesigen, ins Meer fließenden Gletscher, dann einen Grat, der sich immer höher schraubt. Er ist es, der Monte Sarmiento.

Sprachlos stehen wir an Deck, gebannt von der Perfektion dieses Berges. In Gedanken zitiere ich De Agostini: "... bis sich plötzlich in der Höhe, hinter dem Dunstschleier, ein gewaltiger, kugelförmiger, schneeweißer Turm abhob, den wir im ersten Augenblick für den Gipfel hielten. Während unsere Blicke unverwandt darin hingen, erschien noch weiter oben, unverhofft wie in einer Traumregion, ein spitzer Kamm, darüber, über steil abstürzende und trotzdem von Schneewechten überragten Wänden, ein ungeheurer, überhängender Eispanzer ... Mit wachsendem Interesse verfolgten wir die Enthüllung des geheimnisvollen Berges; es war wie das Hochziehen des Vorhangs vor einer wunderherrlichen, magischen Szene."

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bebb 02.02.2011
1. Ich hatte das Glück
Jörn Heller im Rahmen der Ausbildung zum Erlebnispädagogen als Bergführer kennenlernen zu können. Zwar manchmal ein wenig kauzig, doch als Bergführer unglaublich besonnen und professionell. Mit der Geschichte und den Bildern von der Besteigung des Monte Sarmiento hat er uns einen schönen abend bereitet. Glückwunsch nochmal für diese Leistung.
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