Besuch im Island-Museum Heimatkunde am Vulkangletscher

Fischerboote, alte Werkzeuge, traditionelle Bauernhäuser: Im Heimatkunde-Museum von Thordur Tomasson erleben Besucher eine Zeitreise durch Islands Vergangenheit. Zur ungemütlichen Gegenwart ist es nur ein Katzensprung - der berüchtigte Aschespucker Eyjafjallajökull liegt gleich nebenan.

Henryk M. Broder

Von Henryk M. Broder


Der Isländer an sich ist meistens gut gelaunt, gesellig, höflich, hilfsbereit und gastfreundlich. Er isst und trinkt gern und reichlich, ist wetterfest und verbringt seine freie Zeit im Sommer wie im Winter am liebsten in einem Hot Pot. Vor allem aber ist der Isländer ein schamloser Patriot, der sein Land über alles liebt. Er weiß, er kann es sich leisten.

Die Isländer haben nie ein Land überfallen, sie haben keine Kolonien gehabt und keinen Völkermord auf dem Gewissen. Und deswegen ein ungebrochenes Verhältnis zu sich selbst und ihrer Geschichte. Der Gebrauch von Fremdwörtern wie Computer oder Diskette gilt bereits als kultureller Landesverrat.

Weil auf Island nur etwa 320.000 Isländer leben - so viele wie Bielefelder in Bielefeld - kennt jeder jeden, ist jeder mit jedem um ein paar Ecken verwandt. So etwas schafft ein dichtes soziales Netz, begünstigt allerdings auch die Vetternwirtschaft. Dennoch: Der prototypische Isländer ist ein selfmade man (auch dafür gibt es im Isländischen ein Wort: sjalfmenntadur ), einer, der in die Schule des Lebens gegangen ist.

Museum der Alltagsgegenstände

Thordur Tomasson, 1921 auf einem Hof im Süden der Insel geboren, ist der Prototyp eines Isländers. Sein Vater war "Bauer, Fischer, Zimmermann und Schmied", seine Mutter machte "Essen aus Milch und Kleidung aus Wolle". Er selbst ging "nur kurz" zur Schule, denn auf dem Hof der Eltern gab es immer viel zu tun.

Heute, mit fast 90, ist Thordur Tomasson der Experte für isländische Kunst und Folklore, er hat 17 Bücher zu diesem Thema geschrieben, drei weitere liegen noch unveröffentlicht auf seinem Tisch. Als junger Mann hat er mit dem Sammeln begonnen - alles, was ihm in die Hände fiel: alte Bücher und Handschriften, Bilder, Hausrat, Schmuck, Stickereien, sakrale Gegenstände, Werkzeuge der Bauern und Fischer. Seine Funde brachte er in einem Kellerraum der Schule von Skogar unter. 1955 baute die Gemeinde ein kleines Museum, das nach und nach erweitert wurde.

Heute umfasst Thordurs Sammlung 14.000 Exponate aus dem Alltag der Isländer im 19. und 20. Jahrhundert; das "Heimatmuseum von Skogar", direkt unterhalb des Eyjafjallajökull gelegen, bietet den Besuchern die Gelegenheit, "eine Zeitreise durch Islands Vergangenheit" zu unternehmen.

Größtes Einzelstück und Mittelpunkt der Ausstellung ist die "Petursey", ein Fischerboot aus dem Jahre 1855, das noch bis 1946 in Gebrauch war. Ebenso eindrucksvoll sind die "Grassodenhäuser", die Thordur im Freien wieder aufgebaut hat: In solchen Hütten haben noch die Großeltern der Besucher gelebt, ohne Wasser, ohne Heizung, dicht an dicht und Wand an Wand mit ihren Tieren.

Thordur selbst kann sich noch an diese Zeiten erinnern: "Es war wie im Mittelalter." Erst Anfang der fünfziger Jahre setzte der Fortschritt ein, seitdem hat Island eine Entwicklung durchgemacht, für die andere Länder doppelt und dreimal so lange gebraucht haben.

Geschichte hat Konjunktur

Freilich: Je moderner Island wird, umso mehr wollen die Isländer wissen, wie ihre Vorfahren gelebt haben. Geschichte hat Konjunktur, Ausstellungen, die vom Gestern und Vorgestern erzählen, werden überrannt, auch nach Skogar kommen jeden Tag Hunderte von Besuchern, die meisten von ihnen sprechen Isländisch und haben noch nie einen Holzpflug gesehen. Es scheint, als könnten es die Isländer selbst nicht fassen, wie schnell sie ihre bäuerliche Vergangenheit hinter sich gelassen haben.

Thordur lässt es sich nicht nehmen, die Besucher persönlich durch "sein" Museum zu führen. Und wenn er besonders gut drauf ist, setzt er sich an die fast hundert Jahre alte Orgel von Emil Müller aus Werdau in Sachsen und trägt ein altes isländisches Volkslied vor. Mehr gibt es nur, wenn die Besucher mitsingen können.

Und wenn dann der Briefträger Helgi kommt und Post mitbringt, die an den "Vulkan Eyjafjallajökull" adressiert ist, nimmt Thordur die Briefe entgegen. Er braucht keine Vollmacht. Denn es ist "sein" Vulkan, unter dem er geboren wurde und eines Tages die ewige Ruhe finden wird.



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