Bhutan im Himalaja Tanz der Dämonen

Jeans sind tabu, die Nationaltracht in den Klosterburgen Pflicht. In Bhutan, dem letzten buddhistischen Himalaja-Königreich, hat die Erhaltung des kulturellen Erbes und der Umwelt oberste Priorität. Der lange Zeit von der Außenwelt abgeschottete Staat verfolgt eine strikte Tourismuspolitik.

Von Bärbel Schwertfeger


Bogenschießen im Paro-Tal: Fröhliche Gesänge um die Zielscheibe
Bärbel Schwertfeger

Bogenschießen im Paro-Tal: Fröhliche Gesänge um die Zielscheibe

Die Reise in die Vergangenheit beginnt im Düsenjet der Druk Air. Zwei Stunden dauert der Flug von Delhi nach Bhutan. Die Route führt vorbei an den Achttausendern, dann geht es in waghalsigen Kurven über dicht bewaldete Bergkämme, und schließlich taucht der Flieger immer tiefer hinab in das enge Paro-Tal im Westen Bhutans, dem einzigen Tal des Königreichs, das lang und breit genug für eine Landebahn ist.

Jahrhunderte lang war das zwischen Indien und China eingezwängte Bhutan völlig von der Außenwelt abgeschottet. Bis in die sechziger Jahre gab es keine eigene Währung, kein Telefon, keine Post, keine Schulen und Krankenhäuser und vor allem keine Straßen. Auch heute noch ist der Großteil des Landes von der Größe der Schweiz verkehrsmäßig nicht erschlossen, und vier Fünftel der 828.000 Bhutaner leben mehr als eine Stunde Fußweg von einer befahrbaren Straße entfernt.

Blick vom Pass Dochu La: Gebetsfahnen vor schneebedecktem Himalaja-Panorama Klosterfest in Punakha: Mysterienspiele nach den Legenden des tantrischen Buddhismus Dzong von Punakha: Jeder der 20 Bezirke von Bhutan seine eigene Klosterburg, den Dzong
Mönch im Kloster von Tiangsa: Letztes buddhistisches Himalaja-Königreich Tigernest-Kloster Taktshang Goemba: Jahrhunderte lang war Bhutan von der Außenwelt abgeschottet Gebetsmühlen im Kloster Jampa Lhakhang: Im Dzong ist das Tragen der Nationaltracht Pflicht

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Im Flughafengebäude empfängt uns Prem im traditionellen Gho, dem knielangen, mit einem Gürtel gerafften, kimonoähnlichen Mantel mit blütenweißen Manschetten. Dazu trägt er Kniestrümpfe mit Rautenmuster und blank gewienerte, schwarze Schuhe. Und während wir uns noch an den ungewohnten Anblick gewöhnen, erklärt unser Reiseführer in makellosem Englisch: "Wir bieten Ihnen das beste Produkt für Ihr Investment."

Denn eine Reise nach Bhutan ist ein teures Vergnügen. Um seine kulturelle Identität zu wahren, verfolgt der Staat eine strikte Tourismuspolitik. Wer das letzte buddhistische Himalaja-Königreich besuchen will, muss daher tief in die Tasche greifen.

Nationalsport Bogenschießen

Die Straße vom Flughafen nach Paro führt oberhalb des Rollfeldes entlang. Alle Häuser sind im traditionellen Stil gebaut, mit Mauern aus Stampflehm, kunstvoll geschnitztem Fachwerk und mit blauen Lotosblumen bemalten Holzbalken. Vom heruntergezogenen Vordach baumeln riesige Phalli aus Holz als Schutz vor bösen Dämonen.

Es ist Sonntag und auf einem Rasenplatz vor dem Ort erfreuen sich Bhutaner an ihrem Nationalsport, dem Bogenschießen. Gezielt wird auf eine 120 Meter entfernte, runde Holztafel. "Weil die Entfernung so groß ist, dass man nicht sieht, wie gut ein Schütze getroffen hat, steht sein Team am Ziel", erklärt unser Begleiter Prem. Als er getroffen hat, tanzen die Männer mit fröhlichen Gesängen um die Zielscheibe. Es herrscht eine heitere, gelöste Stimmung. Die Menschen sind offen und freundlich und es ist wohl diese Mischung aus Anmut, Würde, Bescheidenheit und Unbefangenheit, die den Reisenden tief beeindruckt. Schließlich wurde das Land auch nie erobert.

Terrassenlandschaft im Punakha-Tal: Der Großteil von Bhutan ist verkehrsmäßig noch nicht erschlossen
Bärbel Schwertfeger

Terrassenlandschaft im Punakha-Tal: Der Großteil von Bhutan ist verkehrsmäßig noch nicht erschlossen

Wir gehen am Schießplatz vorbei über den Fluss hoch zum Dzong, einer der mächtigen Klosterburgen, für die Bhutan so berühmt ist. Das ganze Land ist aufgeteilt in 20 Bezirke, jeder mit seinem eigenen Dzong, der jeweils aus einem weltlichen und einem religiösen Teil mit Kloster und Unterkünften für Mönche besteht. Die Erbauer dieser einzigartigen Festungen aus Lehm und Holz mit ihren zahlreichen, verwinkelten Innenhöfen und unterirdischen Wassertunneln hatten keine Baupläne und benutzten keinen einzigen Nagel. Der Weg ins Innere führt stets über eine steile Holztreppe. Dort kontrolliert ein Polizist, ob die Besucher auch richtig gekleidet sind. Denn im Dzong müssen die Männer einen Kabney, eine breite Schärpe aus cremefarbener Rohseide über ihrem Gho tragen.

Doch nicht nur im Dzong ist das Tragen der Nationaltracht Pflicht. Auch im Alltag sind Jeans tabu. Das hat der vom Volk ehrfürchtig verehrte König Jigme Singye Wangchuk so bestimmt. Schließlich hat die Erhaltung des kulturellen Erbes und der intakten Umwelt für ihn oberste Priorität. Ein Viertel des Landes steht daher unter Naturschutz, und Bhutan ist das letzte Land im Himalaja mit einem unberührten Waldbestand.

Abenteuerliche Pässe

Rund 50 Kilometer sind es von Paro bis nach Thimphu. Für bhutanische Verhältnisse platzt die Stadt mit ihren über 30.000 Einwohnern zwar bereits aus allen Nähten, doch Thimphu dürfte noch immer die verschlafenste Hauptstadt der Welt sein. Nicht einmal eine Ampel gibt es. Am Ausgang des Thimphu-Tales beginnt die Transversale in den Osten Bhutans, ein einziges Auf und Ab über hohe Pässe und durch tiefe Täler. In abenteuerlichen Serpentinen windet sich die schmale Straße zum 3140 Meter hohen Dochu La hinauf.

Klosterfest in Punakha: Tänzer mit holzgeschnitzten Tier- und Dämonenmasken in Trance
Bärbel Schwertfeger

Klosterfest in Punakha: Tänzer mit holzgeschnitzten Tier- und Dämonenmasken in Trance

Wir passieren dichte Wälder mit Blaukiefern, Stecheichen und riesigen, kerzengerade gewachsenen Himalaja-Zypressen. Auf der Passhöhe flattern Hunderte von zerfledderten Gebetsfahnen im eiskalten Wind und verdecken fast den spektakulären Blick über die Kette der schneebedeckten Himalaja-Gipfel. Dann holpert unser Bus hinunter ins Punakha-Tal. Die Vegetation wird dichter, und überall ragen mächtige Rhododendronbäume aus dem dichten Buschwerk heraus. Die ersten Terrassenfelder tauchen auf, gesäumt von Kakteen, Papayabäumen und Mandarinenhainen.

Im Tal liegt der mächtige und nur über eine Hängebrücke erreichbare Dzong von Punakha. Hier findet jedes Jahr eines der schönsten Klosterfeste Bhutans statt. Aus dem ganzen Land strömen die Menschen in ihrer farbenprächtigen Festtagskleidung in die Klosterburg, um die Mysterienspiele nach den Legenden des tantrischen Buddhismus zu bewundern. Stundenlang lassen sich die Tänzer mit ihren holzgeschnitzten Tier- und Dämonenmasken von der Musik in Trance versetzen.

Für die Besucher ist das Fest der Höhepunkt des Jahres. Man plaudert fröhlich und besucht den Jahrmarkt vor dem Dzong. Dort üben sich Mönche im Dart-Werfen und an improvisierten Roulettetischen wird kräftig gezockt. Auch Prem gefällt das bunte Treiben, und als wir ein paar Geldscheine auf die Sieben setzen, fiebert unser Reiseführer eifrig mit und freut sich über unseren Gewinn: eine moderne Küchenuhr.


Reiseorganisation: Jeder Tourist muss einen Tagessatz von 200 Dollar pro Tag (165 Dollar in der Nebensaison) zahlen. Darin enthalten sind Unterkunft, Verpflegung, Transport und ein Führer. Die Reise muss von einem bhutanischen Veranstalter (Liste unter www.tourism.gov.bt) organisiert werden. Einfacher ist es, eine Pauschalreise zu buchen. Allerdings haben nur wenige Reiseveranstalter Bhutan im Programm. Bei Studiosus Reisen gibt es eine zweiwöchige Bhutan-Rundreise ab 4590 Euro, Marco Polo bietet eine 18-tägige Reise durch Bhutan und Sikkim ab 4350 Euro an.

Klima: Die besten Reisezeiten sind März bis Mai und September bis November.

Informationen: Bhutan hat keine Botschaft in Deutschland. Generalagent des Tourismusministeriums ist die Aviation & Tourism International GmbH in Alzenau, Tel: Tel.: 06023/917150, Fax: 06023/917169, info@atiworld.de.



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