Bier aus Spitzbergen So schmeckt der Nordpol

Was kitzelt den Gaumen mit der Würze von Robbenfell, Seetang und geschmolzenem Gletscher? Klar, Bier! Zumindest wenn es aus der nördlichsten Brauerei der Welt kommt.

Innovation Norway/ Thomas Bujack

Von Thomas Heinloth


Ob sie ihn einen sturen Hund nannten, die Bürokraten im fernen Oslo, oder einen verrückten Querulanten, war Robert Johansen immer reichlich egal. "Was jucken mich die Aktenfresser in den Ministerien", pflegte er zu sagen. Und dann griff er zum Telefon und ging ihnen wieder auf die Nerven.

Als er zum ersten Mal in Norwegens Hauptstadt anrief, um sein Anliegen zu unterbreiten, lachten sie ihn noch aus. Eine Brauerei in Longyearbyen? Bier aus Svalbard, aus Spitzbergen also, kurz vor dem Nordpol, gebraut in einem Nest, das sich knapp 2000 vermutlich latent suchtgefährdete Einwohner teilen mit Trottellummen und ein paar Polarfüchsen? Niemals, beschied man Johansen, würde es dafür im gestrengen Norwegen eine Konzession geben.

Johansen aber gab sich damit nicht zufrieden. Monat für Monat rief er in Oslo an, immer am ersten Werktag, fünfeinhalb Jahre lang. "Dann", sagt er, "waren sie weich gekocht". Und er bekam seine Konzession.

Jetzt steht er zwischen blitzblanken Sudpfannen und Gärtanks und sieht zufrieden zu, wie in einem Schauglas sein großer Sieg kleine, bernsteinfarbene Blasen wirft. "Pale Ale", sagt er, "meine Lieblingssorte."

Fünf Biere hat Johansen im Programm - vom leichten, fruchtbetonten Weizen bis zum samtig-zartbitteren Stout. Das Malz und die Hopfenpellets kommen per Schiff vom Festland, das Wasser aber ist allerfeinster Spitzbergen-Tropfen. Es ist durch eiskalten Granit gegangen, hart, mineralisch und besteht zu 16 Prozent aus reinem Gletscherwasser. "Es schmeckt nach Arktis und nach Nordpol", sagt Johansen.

24 Dosen Bier pro Monat und pro Kopf

Kurz hinter dem 78. Grad nördlicher Breite liegt seine Svalbard Bryggeri, "die nördlichste Brauerei der Welt". Das hat er seit Kurzem sogar schriftlich, per Glückwunschgruß von der Ministerpräsidentin.

Pro Jahr füllt Johansen nun rund 250.000 Liter ab, das Vierfache könnte er produzieren, so viel aber darf seine Kundschaft gar nicht trinken. 24 Dosen Bier pro Monat und pro Kopf: Mehr ist auf Spitzbergen nicht erlaubt, und jeder Einkauf im "Nordpolet" wird auf der Alkohol-Bezugskarte akribisch vermerkt. "Was für ein Anachronismus", sagt der Brauer, "aber auch das ist sicher bald Geschichte. Die Dinge auf Spitzbergen ändern sich."

Vor seiner Karriere als Bierbrauer war Johansen Bergarbeiter. Er baute wie viele andere jahrelang Steinkohle rund um Longyearbyen ab. Die "Mine drei" aber, in der er sich den Rücken ruinierte, ist längst ein Museum. Statt Kumpel zwängen sich jetzt Touristen in die staubgetränkten Overalls, tasten sich durchs Zwielicht und bekommen Gänsehaut - der beklemmenden Enge und der feuchten Kälte wegen.

Sieben Minen gab es früher hier, doch die Förderkörbe an den Transportseilbahnen sind rostrot geworden wie die ehemaligen Bergarbeiterkaten darunter. Nur in "Mine sieben" wird noch Erz gefördert, auch wenn es sich schon lange nicht mehr rechnet: die Abbaukosten sind deutlich höher als der Weltmarktpreis.

Relikte der Sowjetunion

Die Russen haben ebenfalls die Kohle fast vollständig aufgegeben, nachdem sie hier Jahrzehnte aktiv waren. Dank des Spitzbergen-Vertrags von 1920 dürfen auf der Insel auch andere Staaten Bodenschätze abbauen. Reich geworden ist kaum einer damit.

Russische Grube bei Grumant
Innovation Norway/ Thomas Bujack

Russische Grube bei Grumant

Von der russischen Grube bei Grumant, in den Fünfzigerjahren noch blühendes Küstenstädtchen mit weiß getünchten Häusern, sind heute nur noch eine Handvoll bröckelnder Ruinen übrig. Und Pyramiden, unter denen früher bis zu tausend russische Kumpel arbeiteten. Nur noch in Barentsburg, mit dem Schiff von Longyearbyen etwa zwei Stunden den Isfjord runter Richtung Westen, liegt gleich am Kai ein Steinkohle-Gebirge. Loser Schutt in Anthrazit. "Aber jedes Jahr", sagt Konstantin, "wird der Berg ein bisschen kleiner."

Vier Jahre war er selbst im Stollen, 450 Meter in der Tiefe, für 60.000 Rubel (860 Euro) im Monat. "Viel Geld", sagt er, "für einen Donbass-Ukrainer wie mich." Mittlerweile aber verdient er sein Geld als Gästeführer. Für Schaulustige aus dem westlichen Teil der Welt ist Barentsburg durchaus eine Attraktion. Hier ist nicht nur ein Nutzpflanzen-Genpool in einem Permafrost-Bunker konserviert, sondern auch ein kleines Stückchen Sowjetunion.

"Unser Ziel heißt Kommunismus!" verkündet ein mannshoher Propaganda-Schriftzug von 1974 vor einem bunten Viergeschosser, dem "nördlichsten Wolkenkratzer der Welt", wie es in einer Tafel vor dem Gebäude heißt. Auf dem Vorplatz blickt Lenin als Bronze-Büste über das Meer. Oberhalb der Mole thront die alte Bergarbeiter-Kantine, Zuckerbäckerstil in verblichenem Nadelholz, daneben eine kleine russisch-orthodoxe Kapelle.

Durch dieses surreale Freiluftmuseum eilt Konstantin, gefolgt von einer Reisegruppe, und preist Barentsburgs Errungenschaften: "Schauen Sie mal, die Schule! Über 60 Kinder lernen hier. Das auf dem Wandgemälde ist übrigens der Kreml."

Kreuzfahrer statt Kohlefrachter

Konstantins Frau betreibt einen Souvenirladen, nur ein paar Meter von der Schule entfernt. Matrjoschka-Puppen, Plüsch-Eisbären und Kaffeetassen mit Bergarbeitermotiven. Ihre Kunden sind meist Kreuzfahrer, fast jede Tour legt in Barentsburg an.

Heute hat die "MS Nordstjernen" für ein paar Stunden festgemacht. "Früher", sagt Kapitän Tormod Karlsen, "war kaum Platz an der Mole, weil hier immer auch ein Kohlefrachter lag." Heute haben auf Spitzbergens Fjorden die Kreuzfahrer Vorfahrt. Rund 70.000 kommen jährlich auf die Inselgruppe.

Kapitän Tormod Karlsen auf der Brücke
Innovation Norway/ Thomas Bujack

Kapitän Tormod Karlsen auf der Brücke

Gerade einmal 71 Kabinen hat die "MS Nordstjernen", ein Oldtimer, Baujahr 1956, sagt der Kapitän, "fast so alt wie ich". Er ist mit seinen 67 Jahren eigentlich schon in Rente, doch in den Sommermonaten, wenn von Mitte April bis Ende August die Sonne über Spitzbergen nicht untergeht, zieht es ihn immer wieder auf die Brücke seines Schiffs. "Man wächst zusammen mit den Jahren."

Fast immer steht er selbst auf der Brücke, das Echolot im Blick, den Feldstecher gerichtet auf die Hänge der Fjorde, den Harsch der Schneefelder, den groben Kies der Uferlinie. Fast immer ist es Karlsen, der den Bären als Erster sieht. "Ohne Eisbär-Foto", sagt der Kapitän, "will keiner hier von Bord gehen". Also dirigiert er sein Publikum mal backbord und mal steuerbord, je nachdem, wo sich die beste Abschussposition für entsicherte Digitalkameras befindet. Am Abend kann es dann noch den Walrössern zuprosten, die sich auf dem kleinen Eiland Moffen in der schwindenden Sonne aalen.

Dann dreht das Schiff. Karlsen nimmt Kurs auf Süden, Richtung Heimathafen, und die meisten Passagiere auf die Bar. Neben dem Tresen hängen in Schwarzweiß die Bilder aus Longyearbyens Bergarbeiterzeit. Und auf der Getränkekarte steht jetzt ein neues Bier: Pale Ale aus der Svalbard Bryggeri.

Der Barmann schwört, man schmecke zwischen Malz und Hopfen das Salz des kaltes Meeres. Den tranigen Geruch von Robbenfell, die Schären und den angeschwemmten Tang, die hohe Arktis also - und den geschmolzenen Gletscher.

insgesamt 4 Beiträge
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nordenskjöld 20.07.2016
1. ???
Glaube mich zu entsinnen, dass bereits 2013 eine funktionierende Brauerei in der russischen Siedlung Barentsburg existierte. Das Bier - so es wirklich vor Ort gebraut wurde - war absolut genießbar. Das vorgestellte Bier ist demnach nur das nördlichere von beiden, aber nicht das erste...
u.sick 20.07.2016
2. Spitzbergen : So schmeckt der Norpol
Die nördlichste norwegische Brauerei wäre richtig denn die russische in Barentsburg liegt wohl noch ein kleines bischen nördlicher. Übrigens nimmt die Brauerei Mack in Tromsoe diesen Titel auch für sich in Anspruch. Aber, .... was sind schon Titel. Hauptsache das Bier schmeckt.
leserich 20.07.2016
3. Schlimm!
Muss der Alkoholismus auch im Norden Einzug halten? Das Bier schmeckt bei der Kälte doch gar nicht, morgens um 7 will ich am Pol eine Tasse heiße Schokolade, kein Bier. Spaß beiseite: Vom Nordpol sind diese Brauereien dann doch ein Stück entfernt. Die ersten Bierbrauer am Pol waren meines Wissens ein paar Unteroffiziere an Bord eines xy-Atom-Ubootes, aber besser nix davon schreiben, sonst schimpft der Admiral ;-)
Jan Dvorak 21.07.2016
4. Nördlichste...
Die "Svalbard Bryggeri" steht in Longyearbyen, das ist die "Hauptstadt" Spitzbergens, und die ist rund 20 km nördlicher als Barentsburg (Luftlinie Barentsburg-Longyearbyen cca. 35 km). Noch nördlicher wäre die im Jahre 1998 aufgegebene russische Siedlung Pyramiden - dort gab es bis zu der Zeit das nördlichste Hallenbad der Welt (und bis heute die nördlichste Lenin-Büste, stilgerecht vor dem "Haus der Kultur").
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