Bikepacking um die Welt "Organisieren kostet Zeit. Nicht organisieren kostet viel Zeit"

Hitze, Parasiten, Dauerregen - und viel Gastfreundschaft: Anna-Luisa Becke hat auf Radtouren von Kanada bis zur Ukraine viel erlebt. Aus Mexiko musste die Dresdnerin sogar krank nach Hause fliegen, aufhören wollte sie aber nie.

Anna Becke

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Vier Tage Dauerregen, sechs Grad Celsius, Gegenwind - nach perfektem Fahrradwetter klingt das nicht. Anna-Luisa Becke fährt trotzdem weiter, packt ihr Zelt nass aus und wieder ein, kocht im Regen, isst im Regen. Sie friert, wenn sie kurz anhält, schwitzt unter der Regenkleidung, wenn es bergauf geht.

"Wenn nichts mehr trocknet und man abends im Dunkeln alleine im Zelt hockt und darauf hofft, dass es weiterhin dicht hält, dann ist einem echt nicht mehr zum Lachen zumute", sagt die 31-Jährige und wirkt dabei zumindest im Nachhinein sehr fröhlich. Aufs Wetter könne man sich eben nicht verlassen in Norwegen.

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Ihre persönliche Grenzerfahrung war der Dauerregen jedoch noch nicht. Die machte die Dresdnerin einige Monate zuvor in Mexiko: tropische Hitze, Toiletten ohne Klobrillen, Parasiten im Bauch. "Im Vorfeld hätte ich nie gedacht, dass es so etwas sein würde, das mich komplett an meine Grenzen bringt", sagt die blonde Frau, die, zuvor schon schlank, durch die Beschwerden stark abgenommen hatte. "Ich musste ständig zu irgendwelchen Ärzten, war schwach, kein Antibiotikum hat geholfen." Sie war physisch und psychisch am Ende.

Vor zwei Jahren war das. Anna-Luisa Becke war zu diesem Zeitpunkt bereits etwa ein Jahr unterwegs. Nachdem sie 2016 ihren Job gekündigt hatte ("Jetzt oder nie!"), startete sie von Vancouver aus ihre Bikepacking-Tour, fuhr nach Süden, immer an der Küste entlang. Sie durchquerte die USA, fuhr durch Mexiko, bis nach Guatemala und wieder zurück nach Mexiko. Dann kamen die Parasiten und Becke an ihre Grenzen.

"Ich habe lange überlegt, was ich machen soll", sagt sie. "Eigentlich wollte ich ja weiter bis nach Südamerika, aber mein Immunsystem war total im Eimer." Schweren Herzens beschloss sie, nach Europa zurückzufliegen, um gesund zu werden - und die Reise dann dort fortzusetzen.

"Ich habe mich so in die Art des Reisens verliebt, dass ich nicht aufhören wollte", sagt sie. Es sei die große Freiheit gewesen, die Möglichkeit, überall das Zelt aufzuschlagen und Land und Leute ganz anders, viel näher, kennenzulernen als ein gewöhnlicher Rucksacktourist. "Außerdem ist es schon cool, wenn man im Nachhinein die Karte anschaut und sich denkt: Wow, das habe ich aus eigener Kraft geschafft."

Erst duschen, dann reden

Auf ihrem Blog "Radmädchen" kann man Anna-Luisa Beckes Reisen verfolgen. Viele Punkte sind da auf der Weltkarte zu sehen: die Markierungen ihrer Übernachtungsorte. "On the field" steht da, wenn sie ihr Zelt einfach mitten in der Natur aufgeschlagen hat. Oftmals sind die Wegpunkte mit Namen der Gastgeber versehen, die Becke über die Plattform "Warmshowers" gefunden hat - ähnlich wie bei der Community "Couchsurfing" stellen Einheimische ihre Wohnungen und Häuser als Unterkünfte für Radreisende zur Verfügung.

"Warmshowers ist super, die Leute haben mich immer mit offenen Armen empfangen", sagt Becke. "Meist haben sie selbst Radreise-Erfahrung und wissen, dass man zum Beispiel gerne zuerst duscht, wenn man nach teilweise mehreren Tagen ohne Dusche ankommt, und sich nicht unbedingt direkt an den Tisch setzen und stundenlang reden will."

Schlechte Erfahrungen habe sie keine gemacht, während ihrer gesamten Reise nicht. "Am Anfang habe ich sehr auf die Bewertungen der Gastgeber geschaut", sagt die 31-Jährige. "Aber irgendwann habe ich mehr Vertrauen gewonnen."

Auch in Mexiko sei sie anfangs vorsichtig gewesen, "man hört ja viel über die Kriminalität". Sie sei zu dieser Zeit mit einer anderen Frau unterwegs gewesen, die beiden achteten sehr auf die Wahl des Schlafplatzes. "Aber dann haben wir gemerkt, wie gastfreundlich die Menschen sind und wie sich gerade die Frauen rührend um uns gekümmert haben", sagt sie. "Vielleicht, weil die Loyalität unter Frauen besonders stark ist." Sogar in den USA habe sie sich unsicherer gefühlt als in Mexiko. Aber generell habe sie viel Hilfe und Unterstützung erhalten.

Weil sie eine alleinreisende Frau ist? "Vielleicht. Oder weil man mit dem Fahrrad auch menschlicher wirkt", sagt sie. "Man hat selbst nicht so viel und ist nur mit dem Nötigsten unterwegs." Manchmal habe sie sich aber gerade dadurch auch komisch gefühlt: "Wir kommen aus reichen Industrieländern, haben genug Geld zum Reisen, und dann fahren wir unter großen Mühen mit dem Fahrrad durch die Gegend - das können viele nicht verstehen."

Vier Wochen auf der Transost

Zurück in Europa und auskuriert konnte Anna-Luisa Becke nicht lange still sitzen. Sie entschied, nach Skandinavien zu fahren. Die kalte Küste Norwegens bis zu den Lofoten, dann rüber nach Schweden und wieder Richtung Süden. Über Estland, Lettland und Litauen, durch Polen und wieder zurück nach Dresden.

Auf ihrem Blog schreibt Beckes Bruder, sie sei immer die Durchstrukturierte und Organisierte gewesen: "'Organisieren kostet Zeit. Nicht organisieren kostet viel Zeit', ist ihr Motto."

Die Radlerin selbst sagt über sich: "Ich plane vor allem, immer genug Essen dabei zu haben. Meine schlimmste Angst ist, zu verhungern." Aber auch vor einer Reise organisiert sie gerne die wichtigen Dinge: Auslandskrankenversicherung abschließen, Geld sparen, Wohnung untervermieten, Route grob planen. Alles Weitere entscheide sie dann spontan.

Inzwischen arbeitet Anna-Luisa Becke wieder als IT-Consultant. Wenn sie länger verreisen will, muss sie sich jetzt Urlaub oder ein Sabbatical nehmen. In diesem Sommer fuhr sie in vier Wochen die sogenannte Transost, eine Mountainbiketour durch Osteuropa und die Ukraine.

Doch sie merkt auch, dass sie ruhiger wird. "Es drängt mich nicht mehr so nach den ganz großen und langen Reisen", sagt sie. Ob es am Po liegt, der nach so vielen gefahrenen Kilometern ja weh tun muss? "Nee", sagt Becke und lacht. "Zum Glück hatte ich nie Probleme mit dem Po."



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
effing 11.10.2019
1. Respekt vor der Leistung
Aber so wirklich Spaß zu machen scheint das irgendwie nicht. Gerade im Zentralasien konnte ich über die vergangenen paar Jahre beobachten, dass die Zahl der Europa-China (o.ä.) Radfahrer geradezu inflationär zugenommen hat. Genug Möglichkeiten also um mehrmals zu beobachten, wie nach langen Fahrradtagen, konstant bergauf, konstant im Staub oder Matsch, konstant im Wind, das Zelt im einsetzenden Regen direkt neben der Straße aufgeschlagen wird. Ein paar hundert Meter abseits zu fahren - dazu ist oftmals wohl keine Lust mehr vorhanden, muss man ja am nächsten Tag alles wieder zurück. Nass verkriechen sich diese Abenteurer dann in ihr nasses Zelt um es am nächsten Tag wieder nass einzupacken und weiter geht's. Ich bin ja auch mit dem Zelt unterwegs und campe in der Natur, gehe wandern. Ein Auto darf dann aber doch gern sein, wenn das Wetter mal absolut nicht nach Zelten ist. Naja, jedem sein persönliches Glück...
sikasuu 11.10.2019
2. Die Mensch-Maschine-Schnittstelle ist wirklich kein Problem!
Ein harter, schmaler Sattel, ne "Buxe" ohne Nähte, das läuft auch für ungeübte nach 3-4 Tagen. . Neben Magen-Darm, Paraseiten usw. sitzt der größte Feind auf Langtour zw. den Ohren:-) Selbstdisziplin & Durchhaltewillen sind Eigenschaften die man mMn. zwar trainieren kann, die aber als Grundvoraussetzung vorhanden sein muss, sonst wirds nix mit solchen "Reisen". . Eins kann ich bestätigen! Die Menschen unterwegs sind überwiegend freundlich, hilfsbereit & zugewandt. Warm Shower, Dachgeber usw. helfen sehr. Doch je weiter man aus Zivilisation weg ist, wissen die Menschen das "Gastfreundschaft" überlebenswichtig ist & handeln danach!! . Hochachtung vor der Lady, doch auch der "Durchschnitts-FahrerIn" kann im Monat (30 Tagen) seine 1.000Km ohne Problem schaffen! . Das hört sich viel an, aber mit 50-60Km p.T. bleiben dabei auch noch Ruhetage über, ohne große Anstrengungen:-) . Ein wenig Kondition & die "Mensch-Maschine-Schnittstelle"... das reicht wenn man/Frau sich in "bewohnten Gegenden" aufhält fast immer:-)
schlumz 11.10.2019
3. auch interessant
https://luisarische.blog/2019/09/27/in-der-hoehe-liegt-die-kraft-unterwegs-auf-der-altiplano/
Sibylle1969 11.10.2019
4.
Ich bin selbst eine begeisterte Gepäckradlerin und habe meine Leidenschaft bisher nur im Urlaub ausleben können. Das längste war eine Tour in Kanada von Vancouver nach Calgary in vier Wochen. Ich träume schon seit Längerem von einer mehrmonatigen Tour, aber ich habe mich nie getraut, meinen Job zu kündigen oder nach einem Sabbatical zu fragen. Klar ist: richtig schlechtes Wetter will ich nicht haben auf einer Gepäcktour. Ich fahre eigentlich nur in Gegenden und zu solchen Jahreszeiten, wo die Wahrscheinlichkeit für trockenes Wetter und Temperaturen über 20 Grad hoch ist. Auf längeren Touren muss man halt schlechtes Wetter aussitzen, auf kürzeren Touren ist mir dafür meine wertvolle Urlaubszeit zu schade. Unter 15 Grad finde ich generell schwierig.
ottoswelt 11.10.2019
5. 1000 Prozent Steigerung
Ich bin letztes Jahr mit 66 Jahren den Jakobsweg von Deutschland aus mit dem Fahrrad gefahren, 2600 km, 26000 Höhenmeter. Aber das hier sind 1000 Prozent Steigerung. Meine Hochachtung
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