Bildband-Großprojekt 165 Länder an einem Tag

24 Stunden, Zehntausende Fotografen: Für das Online-Projekt "Ein Tag auf der Welt" dokumentierten in allen Erdteilen Menschen ihren Alltag. Jetzt gibt es dazu einen Bildband mit den besten Aufnahmen. Braucht man das - oder reicht Facebook?

Mehran Hamrahi/NATIONAL GEOGRAPHIC

Jeden Tag entstehen etwa 1,5 Milliarden Fotos, hat kürzlich ein Manager der Firma Polaroid ausgerechnet. Immerhin ein Fünftel davon, also rund 300 Millionen, würden an einem Tag bei Facebook hochgeladen. Handy-Fotos, Schnappschüsse, alltägliche Eindrücke, die zum Großteil nur für gute Freunde interessant sind. Und häufig nicht einmal für die, da vertut man sich schon mal beim Hochladen.

Verglichen mit diesen Zahlen erscheint die Ausbeute von einem der aufwendigsten Fotografieprojekte der vergangenen Jahre fast mickrig. Knapp 100.000 Fotos aus 165 Ländern wurden eingeschickt - alle sind in den 24 Stunden des 15. Mai 2012 entstanden. Und 1000 davon haben es nun in den Bildband "Ein Tag auf der Welt" geschafft, der bei "National Geographic" erschienen ist.

Profi- und Hobbyfotografen folgten dem Aufruf, per Kamera eine "Botschaft zu senden, sowohl an die Gegenwart als auch an die Zukunft", wie es die in Schweden beheimatete Non-Profit-Organisation Expressions of Humankind formulierte, die wissenschaftliche Studien auf Basis von Fotos und Texten betreibt. "Geschichten aus dem täglichen Leben finden selten Eingang in die Medien. Dabei können wir gerade vom Alltag der anderen, wie sie leben und arbeiten, so viel lernen", schreibt der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu im Vorwort.

Protestieren, knutschen, sterben

Auf mehr als 500 Seiten bietet das bleischwere Bilderbuch dem Betrachter also eine Weltreise in den Alltag. Menschen werden geboren, sie kochen, essen, hämmern, schleppen, schuften, protestieren, weinen, lachen, feiern, heiraten, streiten, schlafen, knutschen, spielen und sterben. Ob sie das nun in Bangalore oder Bangkok tun, in den USA oder in Deutschland: Durch geschickte Collagen wird deutlich, wie sehr sich der Alltag auch in entfernten Erdteilen ähnelt.

Manche der Fotos zeigen jedoch auch Momente und Ereignisse des 15. Mai, die ein Reporter interessant fände. Zum Beispiel die Massenhochzeit in Peking, inszeniert vor dem Nachbau eines französischen Schlosses. Oder den Start einer Sojus-Rakete in Baikonur. Oder die Fans von Hertha BSC Berlin, die sich beim Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf mit Bengalo-Feuerwerk einräuchern.

Auch Uno-Chef Ban Ki Moon steuerte ein Foto aus dem Uno-Hauptquartier in New York bei. Es zeigt einen altmodischen grauen Telefonhörer, der auf einem Globus liegt. "Mit den Mächtigen dieser Welt in Verbindung bleiben und den Menschen überall auf der Welt zuhören", diesen Generalsekretärs-Alltag wollte er damit laut Bildunterschrift illustrieren. In Zeiten US-amerikanischer Abhörskandale wirkt das Bild jedoch anders, bedrohlicher, als es damals gedacht war. So macht dieser Bildband auch deutlich, wie vergänglich ein zufällig ausgewählter Tag ist, wie schnell sich Verhältnisse und Wahrnehmungs-Codes ändern können.

Doch genau in dieser Momentaufnahme der Erde, die es in einem solchen Umfang noch nie gab, liegt der Reiz des Projekts. Ein bisschen ist "Ein Tag auf der Welt" wie eine schönere Version der Bilderflut auf Facebook: ein Facebook mit Freunden aus 165 Ländern, die ziemlich gut fotografieren können.

"Ein Tag auf der Welt", National Geographic Deutschland, 45 Euro. Hier können Sie den Bildband bestellen!

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