Bildband von Ärzte-Sänger Urlaubs Reise nach Osttimor

Er rückte dem Teufel zu Leibe und schauderte beim Hahnenkampf: Der Ärzte-Sänger Farin Urlaub übt sich als Fotograf und erzählt in seinem neuen Buch Geschichten aus Australien und Osttimor - es ist der erste deutschsprachige Bildband über den noch jungen, südostasiatischen Staat.

Farin Urlaub: Australien und Osttimor

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Das Sonnenlicht hat dem Warnschild schon ein wenig Farbe geraubt, doch die Zeichnungen darauf sind noch gut zu erkennen: ein brennender Wald, entwurzelte Bäume, ein überschwemmtes Dorf. In Osttimor weiß man, welche Gefahren in der Natur lauern. Doch Orkane, Dürren oder Erdbeben können dieses Volk nicht erschüttern - es hat Schlimmeres gesehen.

Das Foto, das Ärzte-Sänger Farin Urlaub in Osttimor machte, ist so banal wie bezeichnend. Es macht klar, wie gelassen die Osttimoresen mit Katastrophen umgehen. "Was für sanfte Leute", sagt Urlaub, der drei Wochen durch das Land gereist ist - und nun seinen zweiten selbst fotografierten Bildband herausbringt: Nach "Indien & Bhutan" erscheint im Oktober "Australien & Osttimor".

Ein Buch über zwei Nachbarländer, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Australien mit seiner touristenfreundlichen Infrastruktur auf der einen Seite - und Osttimor auf der anderen, der vom Bürgerkrieg gezeichnete Inselstaat, in den sich bislang nur die Abenteuerlustigsten unter den Südostasien-Reisende trauen. "Nothing is easy about East Timor and that's both its blessing and its curse", schreibt der Lonely-Planet-Reiseführer: Nichts ist einfach in Osttimor - und das ist Fluch und Segen zugleich.

Seinen Reiseführer legte Farin Urlaub schnell wieder aus der Hand. Er sagt, er habe keine Lust, eine Insel zu erkunden, weil irgendwo steht, sie sei schön. "Landschaften interessieren mich als Fotograf", sagt Urlaub, "aber darum reise ich nicht. Ich will sehen, wie die Menschen leben."

Trommelde Tänzerinnen und ernste Fischer

Also fuhr Urlaub in einem klapprigen Leihwagen drauf los: durchs Gelände ohne Geländereifen, in Dörfer, in denen ihm die Sprache weg blieb, weil er zwar Portugiesisch, aber kein Tetum spricht. Überall traf er Menschen, die nach Kontakt zu Fremden nur so lechzten.

"Wo ich auch hinkam - ob auf einen Markt oder in die einfache Hütte einer Familie -, gingen die Menschen nett miteinander um." Vom Streiten scheinen die Osttimoresen genug zu haben. Das Land ist erst seit 2002 unabhängig und blickt auf Jahrhunderte voller mörderischer Auseinandersetzungen mit Kolonialmächten, der indonesischen Armee und pro-indonesischen Milizen zurück. Dass der erst wenige Jahre zurückliegende Bürgerkrieg die Menschen nicht gebrochen hat, erstaunte Farin Urlaub so sehr, dass er Porträts zum Hauptthema seiner Fotoserie machte.

Er fotografierte Fischer mit ernster Miene und lachende Frauen beim Korbflechten. Er sah dabei zu, wie eine Dorfgemeinde einer Hütte ein neues Dach aus Palmenblättern verpasste. Und er porträtierte eine trommelnde Likurai-Tanzgruppe - unverheiratete Frauen, die mit bunten Tüchern um ihren Hüften und selbst gefertigten Kronen auf dem Kopf durch die Straßen ziehen.

Doch Farin Urlaub lässt auch die verstörenden Seiten nicht aus. "Ich wollte kein verkitschtes Bild von der Insel zeichnen - darum zeige ich selbstverständlich auch Fotografien von zerstörten Häusern und Menschen, die in Armut leben." Und Bilder von Kampfhähnen. Hahnenkämpfe haben Tradition in Osttimor - ein blutiges Spiel, bei dem die Mitstreiter ihren Hähnen sieben Zentimeter lange Rasierklingen an die Beine binden und sie dann aufeinander loslassen. "Ich kann nicht verstehen, dass sich Leute daran ergötzen, wenn Tiere gequält werden", sagt der Pescetarier Urlaub - er isst zwar Fisch, aber kein Fleisch.

Die Fotos von den Osttimoresen berühren. Aus nächster Nähe zeigen sie den Alltag von Menschen, die rund zehn Jahre nach dem blutigen Bürgerkrieg immer noch traumatisiert, aber doch voller Hoffnung sind. Bislang gibt es nur sehr wenige Bücher, die sich mit Osttimor befassen - und noch keinen einzigen Bildband in deutscher Sprache. Farin Urlaubs Fotosammlung ist daher ein beachtliches Dokument, das das Land ohne viele Worte beschreibt.

Geschichten wie aus Schleswig-Holstein

Umso größer ist der Bruch zwischen den beiden Kapiteln, aus denen das Buch besteht. Während die Bilder aus Osttimor überraschen, entdeckt man im Australien-Teil wenig Neues. Urlaub sagt, er habe hier faszinierende Landschaften porträtieren wollen und nicht die Menschen - was schade ist. Auf den weiten Strecken, die er allein durch das Outback fuhr, habe er sich in erster Linie für die Natur und die Einsamkeit interessiert. Zwar hat er auch mit vielen Australiern gesprochen, "aber ob in New South Wales oder Victoria - da hatte ich das Gefühl, dass mir die Menschen die gleichen Geschichten erzählen wie Leute in Schleswig-Holstein".

Also stürzte sich Urlaub mit seiner Kamera auf verlassene Highways, rote Erde und grüne Schluchten, die aussehen wie der Eingang zum Paradies. Nicht sehr originell - Tausende Backpacker, die mit dem Rucksack durch Australien gereist sind, werden ähnliche Bilder auf ihrer Festplatte haben: gigabyteweise und möglicherweise genauso schön.

Doch eine neue Sicht auf den fünften Kontinent war ohnehin nicht Urlaubs Anspruch. "Ich habe in erster Linie eine spannende Reise gemacht und diese fotografisch kommentiert", sagt der 48-Jährige. Aus den dabei entstandenen Bildern habe er die seiner Meinung nach "Sehenswertesten ausgesucht, um so die Geschichte der Reise zu erzählen".

Das mag etwas beliebig klingen - so wie auch Farin Urlaub seine Reiseziele eigenen Aussagen zufolge nach dem Zufallsprinzip aussucht. Doch der gute Zweck heiligt die Mittel: Das Honorar aus den Verkaufserlösen des Buches will Urlaub einem Krankenhaus in Osttimor spenden.

Besuch beim Dornteufel

Zu seinen Bildern erzählt Urlaub interessante Anekdoten aus seiner Sicht als Amateur-Fotograf. Ein etwas befremdliches Erlebnis hatte er im Outback: Wer sich als Fotograf im Uluru-Nationalpark anmeldet und vorhat, seine Bilder später zu veröffentlichen, muss sich den strikten Anweisungen der Behörden unterwerfen und einen elf Seiten langen Vertrag unterschreiben. Darin ist peinlich genau festgehalten, wie die heiligen Stätten der Aborigines zu fotografieren sind: Von den Kata-Tjuta-Bergen zum Beispiel müssen stets genau drei rote Felsbrocken auf einem Bild zu sehen sein.

Als Urlaub seine Fotos der Nationalparkverwaltung zur Freigabe vorlegte - das ist dort Pflicht -, verbot man ihm, eins der Bilder zu veröffentlichen. Begründung: Es war nicht vom Parkplatz aus aufgenommen worden, sondern 120 Meter weiter entfernt aus dem Gebüsch. "Ich finde es richtig, dass die australische Regierung der Kultur der Aborigines Respekt zollen will", sagt Urlaub. "Aber was hilft diese Bürokratie in der Wüste, wenn die Aborigines im Rest des Landes keine Rolle spielen?"

"Ich bin Komplettist"

Eine Ausbildung als Fotograf hat Urlaub zwar nicht, aber seine Augen leuchten, wenn er von Belichtungszeiten und Speziallinsen spricht. 30 Kilogramm Ausrüstung habe er bei seiner Reise dabei gehabt, darunter eine Mittelformatkamera und eine Panoramakamera, für die man Filme braucht, auf die nur vier Fotos passen.

Manchmal braucht es jedoch mehr als eine gute Ausrüstung - zum Beispiel ein geduldiges Fotomodell: Wie bei seinem persönlichen Lieblingsfoto, der Nahaufnahme eines Dornteufels. Die handtellergroße Echse - gelb-braun gestreift und mit Stacheln übersät - hat ein perfektes Tarnoutfit auf dem vertrockneten Wüstenboden. "Anders als andere Echsen, stellt sich der Thorny Devil tot, wenn er sich bedroht fühlt - also konnte ich ihm in aller Ruhe mit dem Makroobjektiv zu Leibe rücken."

Wenn der Ärzte-Sänger nicht singt, dann reist er - und zwar unermüdlich: 117 Länder hat Farin Urlaub bislang gesehen, sein Ziel ist, alle Länder der Welt zu besuchen. "Ich bin Komplettist", sagt er, doch es gehe ihm nicht nur darum, eine Stecknadel auf die Weltkarte zu setzen und stolz zu sagen: Ich war da. Zurückkehren gehört zu seiner Reisephilosophie. "Wenn ich Länder ins Herz geschlossen habe - und das sind mittlerweile so 70 -, dann will ich wissen, was aus ihnen wird."

In Osttimor war Urlaub bei dieser Reise zwar zum ersten Mal, aber - wie er versichert - bestimmt nicht zum letzten Mal.

insgesamt 16 Beiträge
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Steinwald 22.09.2011
1. d
ich mag farin urlaub sehr, wirklich, aber es gibt in meinen augen kaum etwas lästigeres als promis, die über ihre reisen oder spätes elternglück schreiben müssen. fahrt von mir aus zur hölle, aber behelligt mich nicht damit. danke fürs gespräch.
ukov 22.09.2011
2. Urlaub im Urlaub!
Vielleicht hätte Herr Urlaub lieber Urlaub machen sollen und sich nicht mit 30kg Ausrüstung abschleppen sollen. Ein überflüssiger Bildband.
ex rostocker 22.09.2011
3. Timor-Leste verdient diese Oberflächlichkeit nicht !
Die Fotos und der Text des Artikels lassen auf ein oberflächliches Urlaubs-Fotoalbum schließen. Hahnenkämpfe regen sicherlich Tierschützer auf, sind aber für das Land nicht bezeichnend. Viel dramatischer waren die Jahre der indonesischen Kolonialmacht 1976 bis 1999, die das kleine Volk mit blutigem Terror überzog. Während ihrer Herrschaft verloren 400.000 Timorer ihr Leben, fast die Hälfte der Bevölkerung. Die Welt - mit Ausnahme Portugals und der anderen Ländern portugiesischer Sprache - schwieg zu diesem Völkermord oder unterstützte Indonesien mit Waffen und Schnellbooten (Deutschland!). Wichtig wäre auch ein Blick auf die starke Rolle der katholischen Kirche, die zur einzigen Zuflucht der unterdrückten Timorer wurde. Nirgends sonst war die katholische Kirche so erfolgreich wie in Timor-Leste. Davon hat Farin Urlaub offenbar gar nichts mitbekommen, sonst hätte er Timor-Leste und Australien nicht in ein Buch stopfen können. Auf das Werk dieses Ignoranten kann man getrost verzichten!
thelix 22.09.2011
4. ...
Na, Ihr seid heute ja wieder richtig nett, konstruktiv UND auch noch lebensbejaend. Da gibbbet jetzt eine neue Fernsehserie namens H8TER, könnte euch gefallen.
catalina67 22.09.2011
5. .
>Eine Ausbildung als Fotograf hat Urlaub zwar nicht, aber seine Augen leuchten, wenn er von Belichtungszeiten und Speziallinsen spricht. 30 Kilogramm Ausrüstung habe er bei seiner Reise dabei gehabt, darunter eine Mittelformatkamera und eine Panoramakamera, für die man Filme braucht, auf die nur vier Fotos passen.< Dieser Satz sagt alles: ein Technikfreak auf großer Reise. Ich schätze Urlaub als Musiker, seine Fotos jedoch sind kein großer Wurf. Wäre er mit einer alten Nikon/Canon/Minolta/Pentax, 3 Festbrennweiten und einem geschulten Auge losgezogen, dann hätte es etwas werden können.
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