Bolivien Die heilige Jungfrau von Copacabana

Samba-Rhythmen und eisgekühlte Caipirinha-Drinks? Fehlanzeige. Aber auch im originalen Copacabana in Bolivien entgeht der europäische Neuankömmling den Kopfschmerzen selten. Schließlich liegt der Wallfahrtsort am Titicacasee in schwindelerregenden 3800 Metern Höhe.

Copacabana - Wer an Copacabana denkt, hat gewöhnlich den Atlantikstrand in Rio de Janeiro im Sinn. Nach Copacabana in Bolivien kommen dagegen weniger braun gebrannte Bikinischönheiten, sondern vorzugsweise fromme Pilger. Einen Strand hat der Wallfahrtsort in den Anden dennoch zu bieten - schließlich liegt er am Südufer des Titicacasees. Zum Baden ist es in dieser Höhe allerdings zu kalt.

Auf dem Platz vor der Basilika von Copacabana sind prächtig geschmückte Autos vorgefahren. Deren Besitzer bitten um den Segen der Jungfrau von Copacabana - damit ihre Gefährte lange funktionieren. Tag für Tag kommen Gläubige aus dem ganzen Land und beten zu der Nationalheiligen Boliviens. Die Jungfrau von Copacabana hat dem Strand in Brasilien seinen Namen gegeben und keineswegs umgekehrt.

Für Touristen ist der Ort Copacabana vor allem Ausgangspunkt für Bootstouren über den Titicacasee. Doch vor dem Einschiffen geht es in die Basilika, um einen Blick auf die Jungfrau im blauen Gewand zu werfen. Im Jahr 1580 soll Mutter Maria einem Inka-Nachfahren im Schlaf erschienen sein, der sie nach dem Aufwachen sofort in Holz schnitzte. Bald wurden der Figur allerlei Wunder zugeschrieben. Erst viel später geschah es, dass ein Seefahrer im Sturm um sein Leben bangte, die Jungfrau anrief und gelobte, ihr eine Kapelle zu errichten, sollte er lebend Land erreichen. Zufällig landete er an einem Strand in Rio - deshalb heißt dieser nun ebenfalls Copacabana.

Das bolivianische Copacabana liegt nahe der Grenze zu Peru und ist deshalb häufig Station bei Reisen durch die beiden Länder. Wer etwa von der peruanischen Hauptstadt Lima aus in die alte Inkahauptstadt Cusco in den peruanischen Anden fliegt, kann nach einem Besuch der Ruinen von Machu Picchu in einer Tagestour per Bus oder Zug nach Puno auf der peruanischen Seite des Sees weiterreisen. Von dort führt eine Straße am Südufer des Sees entlang in Richtung Copacabana.

Im dortigen Hafen schifft sich die Reisegruppe auf einem Katamaran ein. Kaum hat dieser abgelegt, verfliegt der Nieselregen, und die Andensonne taucht das Gewässer in herrliches Licht. Mit gut 8300 Quadratkilometern Wasserfläche ist der Titicacasee etwa 15-mal so groß wie der Bodensee. Nach etwa einer Stunde Fahrzeit legt der Katamaran an der Isla del Sol an, der größten Insel im Titicacasee. Hinter dem Anleger führt eine Treppe einen Hügel hinauf. Wegen der Höhenluft gerät der Reisende schnell außer Atem. Doch der Blick über den See und die umliegenden Andengipfel entschädigt für die Plackerei.

Für Archäologen ist die schon früh besiedelte die Isla del Sol ein ergiebiges Arbeitsfeld. Den Inkas galt sie als Ursprungsort ihrer Kultur. Hier schickte alten Legenden zufolge der Sonnengott das Geschwisterpaar Manco Capac und Mama Ocllo zur Erde. In Cusco legten die beiden den Grundstein für ein Reich, das bei Ankunft der spanischen Eroberer 1532 vom Süden Kolumbiens bis nach Mittel-Chile reichte.

Auf dem Hügel sticht ein Modell des Papyrus-Bootes "Ra II" des norwegischen Abenteurers Thor Heyerdahl ins Auge. Dieser hatte, nachdem 1969 sein erster Versuch einer Atlantiküberquerung mit "Ra I" gescheitert war, Bootsbauer von den Inseln im Titicacasee angeheuert. In Marokko bauten diese "Ra II" zusammen, mit dem die Überfahrt 1970 glückte. Binsenboote dieser Art haben auf dem Titicacasee eine lange Tradition, eine kurze Fahrt auf einem von ihnen gehört zum Programm der meisten Touren. Für größere Distanzen auf dem See ist der zweigeschossige weiße Katamaran jedoch das geeignetere Gefährt.

Die Tour endet in Puerto de Chúa am östlichen Rand des Titicacasees. Von dort sind es noch eineinhalb Stunden mit dem Bus bis nach La Paz, dem Regierungssitz Boliviens. Wer mit dem Flugzeug in die Stadt kommt, klagt in der Regel über die Auswirkungen der Höhenluft: Kopfschmerzen, Schwindel oder Schlafstörungen. Reisende, die schon einige Tage in Copacabana verbracht haben, dürften jedoch keine Probleme bekommen - das Stadtzentrum liegt mit 3600 Metern Höhe rund 200 Meter tiefer als das Seeufer.

Von Klaus Blume,gms