Wie ein Galapagos-Fischer zum Touranbieter wurde Neuanfang ohne Netze

Ein Leben an Land kann sich Victor Vasquez nicht vorstellen. Trotzdem gab der ecuadorianische Fischer seinen Beruf auf und nimmt heute Urlauber statt Fische an Bord. Dem Meer zuliebe.

Alexandra Frank

Von Alexandra Frank


Die Liebe zum Urlaubsland geht durch den Magen. In der Reihe Reisespeisen erzählen wir Geschichten aus Küchen in aller Welt - am Ende des Textes finden Sie immer ein Rezept.

Victor Vasquez' Küche schwankt. Zwei mal zweieinhalb Meter misst sein Reich, er braucht nur einmal herumzuwirbeln von den zwei Herdplatten und der Spüle links zur rechten Seite der Kombüse, wo ein Tisch und der Hängeschrank mit den Gewürzen untergebracht sind. Besonders schnell landet er dort, wenn eine Welle von außen gegen das Schiff drückt, in dessen Bauch er sich befindet.

So wie jetzt. Aber Vasquez, ein 37-Jähriger mit dichtem schwarzen Haar, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Routiniert schneidet er eine Zwiebel in hauchdünne Scheiben, während der Boden unter seinen nackten Füßen auf den Wellen des Pazifiks tanzt. "Ein Leben ohne das Meer kann ich mir nicht vorstellen", sagt er und wischt das Messer ab.

Vasquez lebt auf Santa Cruz, der zweitgrößten und bevölkerungsreichsten der Galapagosinseln. Die meisten Menschen, die auf dem Archipel am Äquator, rund tausend Kilometer westlich von Ecuador leben, haben einen Job, der irgendwie mit dem Meer oder der Natur zusammenhängt. Vasquez hat mit 17 Jahren angefangen, als Fischer zur See zu fahren. Aber im Laufe der Zeit wurden die Fische weniger und die Touristen immer mehr.

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Bootstour vor Galapagos: Aus Liebe zum Meer

Denn die Galapagos sind für ihre unberührte Natur und einzigartige Tierwelt berühmt. 97 Prozent der Landfläche und 99 Prozent der Meeresgebiete rund um die Inseln stehen unter striktem Naturschutz. Neben den berühmten Riesenschildkröten und Darwinfinken sind es vor allem die Meeresbewohner, die Besucher aus aller Welt anziehen: mehr als 500 Fischarten, darunter 50 Arten von Haien und Rochen, Seelöwen, Meeresleguane, dazu Seevögel wie die Galapagospinguine.

Ein Paradies, das es zu schützen gilt, auch vor großen Fangflotten. Fischen für den lokalen Gebrauch, findet Vasquez, gehörten zum Leben auf einer Insel einfach dazu. "Aber nicht für den Export im großen Stil, nicht nur fürs Geld", sagt er und steigt die drei Stufen hoch, die von der Küche an Deck führen.

Als eine Umweltinitiative auf die Fischer der Insel zukam und ihnen eine finanzielle Unterstützung anbot, um umzusatteln von der Fischerei zum nachhaltigen Tourismus, musste Vasquez nicht lange überlegen. Woran er hing, war nicht die Fischerei an sich, sondern das Leben an Bord.

Seither belädt er sein Boot nicht mehr mit Fischen, sondern mit Urlaubern. Gemeinsam mit einem Kollegen bietet er Tagesausflüge an. Er fährt seine Gäste die Küste entlang, führt sie zu Schnorchelspots, bekocht sie - und zeigt ihnen, wie man fischt. Wenn Vasquez in Puerto Ayora, dem Hauptort von Santa Cruz, ablegt, sind meist winzige Buchten und schroffe Felsen die Ziele: etwa Bahia La Fe, Bahia Pingüino und Roca Don.

Fischen - nur ohne Netze und nur per Hand

An Deck schälen sich zehn Urlauber aus Neoprenanzügen. Vasquez geht mit einer großen Kiste herum und sammelt Schnorchelmasken ein. "Wer hat Lust, sich sein Mittagessen zu fangen?", fragt er. Während vier skandinavische Touristinnen sich lieber in der Sonne aufwärmen wollen, ist Christopher, ein US-Amerikaner um die 40, sofort dabei. "Darauf habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut", sagt er und nimmt Vasquez eine Angel aus der Hand.

Jetzt ist Geduld gefragt - und Vorsicht. Denn die Auflagen fürs Fischen nahe der Küste sind sehr strikt. Netze oder technische Hilfsmittel wie Radar sind tabu, gefischt wird ausschließlich mit der Hand und für den persönlichen Verzehr. So hieß der Deal, auf den sich Vasquez eingelassen hat.

Er blinzelt in die Sonne und gibt auch einem Spanier eine Angel. Backbord erheben sich Vulkanfelsen aus dem Meer, mannshohe Kakteen zeichnen sich vor dem Himmelsblau ab. Rote Klippenkrabben huschen über schwarzes Gestein. Vasquez stützt sich auf die Reling und zeigt hinüber auf ein Inselchen. "Hier dürfen nur wir anlegen, die ehemaligen Fischer", sagt er. Wer mit großen Ausflugsbooten konkurrieren muss, braucht Exklusivität - und einen guten Draht zu den Urlaubern.

Den haben nicht alle. Einige Fischer beendeten sogar das Tourismusprogramm, weil sie nicht für Smalltalk geboren sind. Vasquez lacht. Einmal hatte er eine Veganerin an Bord, der nicht klar war, dass auf dem Boot gefischt wird. In der Gruppe waren außerdem drei passionierte Angler, die sich das Vergnügen nicht nehmen lassen wollten. "Da war schon viel diplomatisches Geschick nötig", sagt Vasquez.

Prüfend wirft er einen Blick auf die Köder, als der Amerikaner aufschreit. Angebissen. Rasch holen die Männer die Leine ein, eine Stachelmakrele zappelt an der Wasseroberfläche. Doch bevor der Angler das Tier an Bord ziehen kann, springt ein Galapagoshai aus dem Wasser, schnappt sich die Makrele und hängt an der Angel.

Vasquez flucht leise. Das hätte nicht passieren dürfen. Wie Dutzende weitere Fischarten steht der Hai auf der Verbotsliste. Beißt einer versehentlich an, muss er befreit und ins Wasser zurückgeworfen werden. Doch dieses Tier ist zäh. Eine Weile kämpfen Fischer und Fisch miteinander, dann lässt der Druck nach. Der Hai hat die Leine zerbissen.

Erfolg mit Thunfisch und Touristen

Dafür hat der Spanier Glück. "Albacore", ruft Vasquez, ein Weißer Thun. "Der Imbiss ist gesichert." Während die Männer mit dem Fang vor den Handys der Mitreisenden posieren und sich danach für einen weiteren Schnorchelgang fertig machen, läuft Vasquez zurück in seine kleine Küche, um das Essen zuzubereiten.

Als er mit den Bootstouren anfing, hatte er nur einen alten Fischkutter. Die Startfinanzierung, die jeder Fischer erhielt, reichte für ein paar gezimmerte Bänke an Bord, für die Schnorchelausrüstung und Rettungswesten. Aber Vasquez verdiente rasch mehr als zuvor. Stolz klopft er gegen die Bordwand. Die "Mileny", sein neues Boot, hat eine überdachte Kabine und eine Aussichtsbank auf dem Dach.

Mileny, wie das Boot, heißt auch Vasquez' Tochter. Vielleicht war auch sie ein Grund, die Fischerei an den Nagel zu hängen. "Ich war fünf Tage die Woche auf See, bis zu 14 Stunden täglich", sagt er. "Die Arbeit war körperlich hart." Jetzt fährt er nur noch dreimal pro Woche raus - und verdient das Doppelte.

An den anderen Tagen beackert er mit seiner Frau ein Stück Land und erntet die Zutaten, die er für seine Speisen an Bord braucht: Kokosnüsse, Limetten, Zwiebeln und anderes Gemüse. Für die Touristen gibt es zum Beispiel Ceviche, ein Gericht, für das frisch gefangener roher Fisch oder Meeresfrüchte in Limettensaft mariniert werden.

Er streut noch etwas Salz auf das Mittagessen. Unter ihm schwankt der Boden, draußen plätschern die Wellen. So, wie es für Vasquez sein muss.

Alexandra Frank ist als freie Autorin für SPIEGEL ONLINE tätig. Diese Reise wurde unterstützt von Galapagos Pro.


Rezept für Ceviche (für zwei Personen):

Zutaten: 250 g ganz frisches Fischfilet (etwa von Kabeljau, Zander, Wolfs- oder Goldbarsch), 2 Limetten, 150 bis 200 g feste Tomaten, 1 rote Zwiebel, 2 Stiele frischen Koriander, 0,5 bis 1 grüne Chilischote (je nach Schärfe), je 1 TL Olivenöl und Weißweinessig, Salz und Pfeffer, eine Prise Zucker

Fischgericht Ceviche (Symbolbild)
iStockphoto/ Getty Images

Fischgericht Ceviche (Symbolbild)

Zubereitung: Alle Zutaten waschen, den Fisch entgräten und in etwa ein Zentimeter große Würfel scheiden. Die Limetten auspressen und den Fisch in einer flachen Schüssel im Limettensaft mindestens 20 Minuten marinieren. Gerne auch länger, dann aber im Kühlschrank.

Tomaten häuten und in Würfel schneiden, Zwiebel in dünne Streifen schneiden und Blätter vom Koriander rupfen. Die Chilischote halbieren und entkernen (schärfer wird es, wenn man die Kerne belässt). Schote in dünne Ringe schneiden. Wer mag, kann weitere Zutaten, etwa einen fein gewürfelten Staudensellerie, Palmherzenscheibchen, Avocado- oder Mangostücke hinzufügen.

Den Fisch mit den Zutaten vermengen, Essig und Öl dazugeben, mit Salz und Pfeffer sowie einer Prise Zucker würzen und umrühren. Alles noch mal bei Raumtemperatur eine Viertelstunde lang ziehen lassen. Ecuadorianer essen als Beilage gerne Kochbananenchips (Chifles), Brot tut es aber auch.



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entorf2 20.09.2019
1. Toller Artikel,
ich würde mir hier bei Spiegel aber mal einen Artikel über die Fischerei in der Ostsee wünschen. Da wo die Angelfischerei zu Gunsten der komerziellen Netzfischerei eingestampft wird. Dieses Spiel läuft seit 2 Jahren und hier liest man nichts darüber.
Celegorm 22.09.2019
2.
Zitat von entorf2ich würde mir hier bei Spiegel aber mal einen Artikel über die Fischerei in der Ostsee wünschen. Da wo die Angelfischerei zu Gunsten der komerziellen Netzfischerei eingestampft wird. Dieses Spiel läuft seit 2 Jahren und hier liest man nichts darüber.
Das ist eine ziemliche Verdrehung der Tatsachen. Richtig ist eher, dass die kommerzielle Fischerei in europäischen Gewässern seit langem stark reguliert und etwas beim Ostseedorsch auch empfindliche Rückgänge bei den Quoten hinnehmen musste. Freizeitangler sind hingegen vielerorts fast völlig unreguliert, obwohl oft - wie beim Ostseedorsch - substantielle Mengen gefangen werden. Dass angesichts des dürftigen Zustands des Bestandes darum auch Freizeitangler nicht mehr einfach so viel heraus ziehen können, wie sie wollen, ist eigentlich naheliegend. Freizeitfischer sollten nicht längere Spiesse haben als Berufsfischer, im Gegenteil, immerhin leben letztere ja davon. Ebenso sind Netze nicht per se problematischer als Leinen, alles kommt immer aufs Mass und den Rahmen an..
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