50 Jahre Botswana Im Gänsemarsch zu den Elefanten

50 Jahre nach Botswanas Unabhängigkeitserklärung zählt das Land zu den stabilsten in ganz Afrika. Verantwortlich dafür waren Diamanten - und die Big Five. Ein Spaziergang mit Elefanten und Löwen.

Jutta Lemcke/ srt

Ras lädt durch. Drei Patronen stecken in seiner Winchester. Das muss reichen. "Wenn ein Löwe angreift, schieße ich in den Sand. Er ist feige und haut ab, wenn es knallt", erklärt der schmächtige Guide mit der intellektuellen Nickelbrille zu Beginn der Safari, die zu Fuß über eine von Palmen bewachsene Insel im Okavangodelta im Norden Botswanas führt. "Doch wenn ein ausgewachsenes Nilpferd oder ein wütender Büffel aus dem Gebüsch bricht, ziele ich, um zu treffen."

Elaine und Jonathan, durchtrainierte Rechtsanwälte aus den USA, nicken verständig. Jason und Mai-Lin, Honeymooner aus Singapur, rücken ihre breitkrempigen Lederhüte zurecht. Im Gänsemarsch gehen sie durchs dichte Gras, vorbei an mächtigen Baobab-Bäumen, durch Wasserfurten und über steinige Hügel, auf denen der wilde Salbei duftet. Drei Schuss aus dem Gewehr sichern das Überleben der kleinen Gruppe im Angesicht von hungrigen Löwen und aufgebrachten Büffeln.

Drei Schuss, die Ras nur sehr ungern abgeben würde. Die Naturschutzgesetze in Botswana sind äußerst streng. 2015 wurde die Jagd sogar komplett verboten. Waffen sind nur in ganz besonderen Fällen, zum Beispiel auf einer Wandersafari, erlaubt und auch dann nur unter bestimmten Bedingungen. "Ich darf erst schießen, wenn der Angreifer 10 bis 15 Meter vor mir steht", erklärt Ras und legt die Stirn in Falten. "Da braucht man starke Nerven und eine sichere Hand. Jeder Schuss wird hinterher daraufhin untersucht, ob ich den Abstand eingehalten habe. Außerdem gibt es jede Menge Papierkram - und den hasse ich."

Der drahtige Mann vom Stamm der Bayei klettert auf einen mehr als mannshohen Termitenhügel und verschafft sich einen Überblick. In der Ferne preschen Moorantilopen durch eine Lagune und lassen das Wasser in hohen Fontänen spritzen. Im Schatten einer ausladenden Akazie döst ein Zebra in der Gluthitze und knabbert an verdorrten Grasbüscheln. Stille liegt über dem Land. Nur das Surren der Insekten ist zu hören und der grelle Ruf eines Schreiseeadlers, der sich kurz darauf auf einem abgestorbenen Marula-Baum niederlässt.

"Stellt keine Fragen!"

Ras gibt das Zeichen zum Aufbruch, nicht ohne vorher die Verhaltensregeln zu erklären: "Wenn ich die Faust hebe, heißt das 'Stehen bleiben!'. Wenn ich winke, geht ihr zum nächsten Baum und versteckt euch. Vor allem: Stellt keine Fragen!" Ras geht mit seiner Winchester vorweg, dann folgt wie an einer Perlenschnur aufgezogen der Rest der Gruppe. Die Nachhut bildet Twist, ein Guide, den Ras ausgewählt hat, weil er sogar unter Wasser Spuren im Sand lesen kann.

Twist ist es schließlich, der den grauen Koloss entdeckt. Ein riesiger Elefantenbulle steigt aus dem mit Lilien überzogenen Wasser. Lange Graswurzeln hängen auf seinem Rüssel und lassen ihn wie ein blumendekoriertes Denkmal aussehen. Ras' Hand schnellt in die Höhe. Doch alle stehen bereits stocksteif und halten den Atem an.

Der Elefant schüttelt sich, sodass die Tropfen fliegen, macht einige tänzelnde Schritte auf die Menschengruppe zu und wackelt dann mit seinen ausladenden Ohren. Ras dreht sich um und lächelt entspannt: Das Gewehr kommt nicht zum Einsatz, denn dieser mächtige Dickhäuter ist gut gelaunt.

Das Glück der jungen Nation

Das Okavangodelta, das im Sommer regelmäßig überflutet wird, ist eines der größten Naturparadiese der Welt. Botswana hat den Wert dieser von Menschen wenig berührten Wildnis erkannt und setzt konsequent auf Naturschutz sowie ökologischen Tourismus. Damit steht das Land heute gut da und gilt als eines der sichersten und stabilsten Staaten Afrikas. Das ließ sich nicht ahnen, als das Land, das zu den ärmsten weltweit gehörte, am 30. September 1966 unabhängig wurde.

Doch das Glück spielte der jungen Nation in die Hände. Ein Jahr nach der Unabhängigkeit kam die sensationelle Nachricht: In Botswana wurden Diamanten gefunden, sehr viele Diamanten. Der Abbau der Edelsteine, der Tourismus und die Rinderzucht gehören heute zu den Haupteinnahmequellen Botswanas und sichern dem Land mit den rund zwei Millionen Einwohnern ein vergleichsweise komfortables Auskommen. Außerdem erwirtschaftet die Regierung dank ihrer Beteiligung an den Edelsteinverkäufen viel Geld, das sie in Bildung und Infrastruktur steckt.

Auch politisch gilt das Land als sehr stabil. Einer der Gründe: Politische Diskussionen gehören zur Tradition der Stammesgemeinschaften, sodass in Botswana demokratische Grundgedanken stärker verankert sind als in vielen anderen Ländern Afrikas.

Ras hatte ursprünglich geplant, für die Diamantenfirmen im Süden des Landes zu arbeiten. Doch dann hat er sich für ein Leben in der Natur entschieden und dazu, Safarigäste zu betreuen. Und so führt er die kleine Gruppe zurück an den Fluss, wo schon die Boote warten. Die Sonne verkriecht sich hinter einer Schirmakazie und färbt den Himmel samtig rot.

Fast lautlos gleiten die Einbäume über die Lagune und durch die von Gras überwucherten Kanäle. Tausende zarte Lilien schwimmen auf dem Wasser und schließen mit beginnender Dunkelheit ihre pastellfarbenen Blüten. Es wird Nacht im Okavangodelta. Zeit für die Menschen, eine sichere Insel anzusteuern. Zeit für die Löwen, auf Jagd zu gehen.

Weitere Informationen
Anreise
Wer das Okavango-Delta besuchen möchte, der fliegt in der Regel über Johannesburg nach Maun. Von dort geht es in Kleinflugzeugen ins Delta. Ein Botswana-Besuch wird häufig mit einem Abstecher zu den Victoriafällen verbunden. Anreise dann nach Victoria Falls (Zimbabwe) oder Livingstone (Zambia).
Buchung
Eine Botswana-Reise wird am besten über einen versierten Veranstalter gebucht, zum Beispiel Abendsonne Afrika. Einige der schönsten Lodges werden von den Unternehmen Wilderness Safaris und andbeyond betrieben, die beide auf ökologisch und sozial verträglichen Tourismus setzen.
Unterkunft
Das Pelo Camp bietet rustikalen Komfort und ist auf Wasseraktivitäten spezialisiert. Ein Highlight ist das luxuriöse Abu Camp mit einer eigenen, halbwilden Elefantenherde (beide Wilderness Safaris). Empfehlenswerte Camps sind auch das Nxabega Okavango Tented Camp und die edle, in modernem Safari-Stil gestaltete Sandibe Okavango Safari Lodge (beide andbeyond).
Buchtipp
"Reisen in Botswana" aus dem Ilona Hupe Verlag, aktualisiert April 2016, 24,90 Euro.

Jutta Lemcke ist freie Autorin. Die Reise erfolgte mit Unterstützung von Namibia Tourism Board, Wilderness Safaris, Andbeyond sowie Abendsonne Afrika.

Jutta Lemcke, srt



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Seite 1
trevorcolby 30.09.2016
1. ist toll da unten...
....aber extrem teuer und nicht für normale Menschen bezahlbar.
hd1 30.09.2016
2. Man muß mal in Botswana gewesen sein,
alle anderen Länder kann man vergessen. Keine Museen, keine Kirchen, dafür Zelten ohne Zaun, wenn außen die Löwen herum laufen ist schon etwas Besonderes. Wenn man zeltet und nicht in teuren Lodges übernachtet (ab300€/nacht) ist es auch für Normalverdiener erschwinglich.
mrrich 30.09.2016
3. nicht nur am Verkauf
der Diamanten verdient das Land, sondern auch am Mehrwert, d.h. die Diamanten gehen nicht als Rohdiamanten aus dem Land, sondern werden im Land von Einheimischen bearbeitet und begutachtet. Außerdem gibt es rigide Antikorruptionsgesetze. Vergessen sollte man allerdings nicht die ca. 4 Mio. Flüchtlinge aus z.B. Simbabwe die eine Belastung Für das Land sind, ebenso die wirtschaftliche Abhängigkeit von ZA.
Llares 30.09.2016
4. Traumhaft
Wir waren in Botswana und im Delta unterwegs und es ist einfach traumhaft. Zelten auf einer Insel, Tagsüber Wanderungen mit einheimischen Führern und am Ende einen Rundflug in 100m Höhe über das Delta. Wahnsinn! Und es ist klasse, wie freundlich die Menschen sind und wie stabil dieses Land ist. Und nein, es ist nicht extrem teuer. Klar, das ist kein 200€ Malle- Urlaub, aber es ist jeden Cent wert. Und wenn man viel selber Organisiert, auch durchaus erschwinglich. Nur die Anreise ist etwas aufwändig, da kein Direktflug möglich.
takoko 30.09.2016
5. Hunting
Der Autor hat fast alles richtig beschrieben. Wenn er jedoch mit den Mokoro-Guides gesprochen hätte, wie ich letztes Jahr im Okavango Delta gemacht habe, würde sehr gut die Einstellung der Menschen vor Ort verstehen. Sie sind bereit und sie machen es gern, Jagdtouristen zu empfangen und für 25.000? bigfive als Opfer anzubieten. Von diesem Geld profitiert die Gemeinde vor Ort ziemlich viel, weil neue Schulen oder Krankenhäuser finanziert werden. Ich bin der Meinung, dass Fotosafaritourismus langfristig viel mehr Vorteile hat, solange die Guides und die Einheimische vor Ort größerer Stück vom Kuchen haben. Dieselbe Frage habe ich meinem Guide heute in Tansania gestellt und er hat mir über die reiche Araber in Nordserengeti erzählt, die extra Abmachungen mit der Regierung für Jagd haben. Sie landen mit eigenen Flugzeugen und Geländewagen drin, damit Jagdtourismus zu betreiben...schade,sehr schade!!!
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