Brasilien Baden wie Brigitte Bardot

Wandern auf Schmugglerpfaden, relaxen in der Piratenbucht: Das Umland von Rio de Janeiro bietet Abenteuer jenseits von Samba, Karneval und Zuckerhut. Schon bevor die Touristen kamen, entdeckten Filmemacher die Region - und Brigitte Bardot fand hier ihren Lieblingsstrand.


Rio de Janeiro - Von Orchideen, Flechten und Farnen überwachsene Urwaldriesen säumen den alten Steinweg mitten im Regenwald. Nur wenige Autostunden südlich von Rio de Janeiro liegt der Nationalpark Serra da Bocaina - doch man fühlt sich wie am tiefsten Amazonas. Die Luft ist tropisch-schwül, auf den mit nassem Moos bewachsenen Steinen will jeder Schritt wohl überlegt sein.

Kaum vorstellbar, wie sich hier vor 250 Jahren Schmuggler mit Gold, Silber, Diamanten und Kaffee bepackten Pferden bis zur Atlantikküste nach Parati durchschlagen konnten. Noch unvorstellbarer ist, wie Tausende von Sklaven den steinigen Schmugglerweg durch das Dickicht des Regenwalds überhaupt legen konnten. Aber es war der einzige Weg, um die Zollposten der portugiesischen Kolonialherren zu umgehen und die Waren außer Landes zu schmuggeln. Heute ist der alte Schmugglerweg eine der attraktivsten Wanderrouten im Nationalpark.

Luciano Freire hält plötzlich an. "Hört Ihr das? Wir sind gleich da", sagt der Trekking-Guide. Zuerst geht das Geräusch im Gebrüll der Macaco-Affen unter, die hoch oben in den Baumwipfeln Unfug treiben. Dann ist das dunkle Rauschen der Veados-Wasserfälle deutlich zu hören. Der Boden wird feuchter, das Donnern des herabstürzenden Wassers immer lauter, bis sie endlich zu sehen sind: Spektakulär fällt das Wasser aus 100 Metern Höhe in die Tiefe. Der Nieselregen ist nach acht Stunden Wanderung eine herrliche Erfrischung, der Anblick auch: Die Wasserfälle gehören zu den schönsten des Landes.

Übernachtet wird in der Nähe in einer einfachen Hütte. Am nächsten Morgen geht es bereits früh weiter. Die Tagesetappe beträgt 18 Kilometer. Immer wieder müssen kleine Gebirgsbäche überquert werden, häufig ist der Steinweg verschwunden und die Wanderstiefel versinken tief im Morast. Das Gezwitscher von Papageien und Tukanen begleitet die Wanderer auf Schritt und Tritt. Auch Affen, Tapire, Faultiere und Riesenameisenbären sind hier im Nationalpark an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Rio de Janeiro und São Paulo zu Hause.

Kulisse für Kolonialzeitfilme

Die Serra da Bocaina streckt sich bis nach Parati aus. Das Städtchen liegt in einer fjordartigen Bucht. "Oh Gott, wenn es auf Erden ein Paradies gäbe, dann würde es diesem Fleckchen Erde ähneln", sagte selbst der Seefahrer und Entdecker Amerigo Vespucci beim Anblick des kleinen Fischerdörfchens der Guaiana-Indios. Heute ist Parati eine der am besten erhaltenen Kolonialstädte des Landes.

Nachdem im 17. Jahrhundert in Minas Gerais Gold entdeckt worden war, mauserte sich das kleine Dorf zum florierenden Städtchen, da es sich am Ende der berühmten Gold- und Kaffeeroute befand. Mit den versiegenden Goldminen geriet auch Parati lange in Vergessenheit, bis in den fünfziger Jahren sein historischer und vor allem touristischer Wert wiederentdeckt wurde. Die Unesco stellte Parati unter Denkmalschutz. Unzählige Filme über die Kolonialzeit wurden hier gedreht. Die Regisseure mussten nicht viel an der Kulisse ändern. Vielleicht hätte Thomas Mann hier sogar ein Familiendrama wie "Buddenbrooks" spielen lassen, wäre seine Mutter Julia, die in Parati aufwuchs, mit ihrer Familie nicht nach Lübeck gezogen. Ihr Geburtshaus ist seit 1997 ein Kulturzentrum.

Autos sind in den Gassen aus Kopfsteinpflaster tabu. Die weiß gekalkten Häuser sind mit schmuckvollen Balkonen und bunt bemalten Fenstern und Türen verziert. Im Hafen liegen nicht minder bunt bemalte Ausflugsboote aus Holz, die zu den vorgelagerten Urwaldinseln fahren.

Ilha Grande ist die größte unter Hunderten kleiner Inseln im Süden Rios. Der kilometerlange Strand von Lopes Mendes zählt für viele Besucher zu den schönsten der Welt. Viele Urlauber zieht es auch in die kleinen, zwischen Regenwäldern verborgenen Buchten, wo sich schon vor Jahrhunderten Piraten versteckten, die es auf die portugiesischen Goldschiffe abgesehen hatten. Danach wurde Ilha Grande zum Umschlagplatz für afrikanische Sklaven und nach dem Zweiten Weltkrieg Sträflingsinsel. Erst 1994 wurde die Strafanstalt gesprengt, und anstelle neuer Häftlinge kommen nun vermehrt Touristen, um sich auf der fast unbevölkerten Insel zu erholen.

Traumstrände und Edel-Boutiquen

Etwas touristischer geht es im Norden des Bundesstaates Rio zu. Neben den Traumstränden von Arraial do Cabo lockt hier vor allem die Halbinsel Búzios, die bereits in den siebziger Jahren durch Brigitte Bardot zum bekanntesten Badeort Südamerikas wurde. Heute touristisch überlaufen, wird Búzios mit seinen Edel-Boutiquen, Restaurants und Discos auch gerne das "St. Tropez Brasiliens" genannt.

Brasilianische Kultur und Geschichte sind im Landesinneren zu erleben. Nur wenige Stunden von Rio entfernt, können in der Nähe des Städtchens Vassouras im Hochland die kolonialen Fazendas ehemaliger Kaffeebarone besichtigt werden. Der Kaffee schmeckt hier königlich. Kaiserlich aber geht es im nur 65 Kilometer von Rio entfernten Petrópolis zu, wo die brasilianische Kaiserfamilie im angenehm kühlen Mittelgebirgsklima ihre Sommerresidenz hatte.

Der heute als Museum dienende Kaiserpalast wurde von Pedro II. in den vierziger Jahren des 19. Jahrhundert erbaut. Pferdekutschen, prächtige Kolonialbauten und die französisch-gotische Kathedrale lassen kaum erahnen, dass man sich hier in Südamerika befindet. 2010 wird in Petrópolis das Haus von Stefan Zweig als Museum eröffnet. Der berühmte österreichische Schriftsteller verbrachte in Petrópolis seine letzten Jahre, bevor er sich hier das Leben nahm. Von seinem Haus aus kann man fast die Serra dos Orgãos sehen. Der Nationalpark wird wegen seiner Felsformationen, die von weitem wie eine gewaltige Kirchenorgel aussehen, auch Orgelpfeifengebirge genannt und ist unter Kletter- und Wanderfans ein beliebtes Ausflugsziel.

Manuel Meyer, dpa



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