Brasiliens Nordosten Traumstrände und Kolonialbauten

Der breite Sandstrand erstreckt sich bis zum Horizont, die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Dieses Paradies klingt nach Südsee, doch es liegt dort, wo der Atlantik Brasilien erreicht: Der Nordosten des Landes gehört zu den unbekannten Reisezielen.


Die Brasilianer selbst haben ihre schönsten Strände längst erobert, zunehmend trifft man aber auch auf Touristen aus anderen Ländern. Von Massentourismus kann nicht die Rede sein, und Urlauber müssen sich vielerorts aber auf eine nicht perfekte touristische Infrastruktur einstellen.

Europäer schätzen den Nordosten Brasiliens, um hier einen Badeurlaub mit einer Tour zu historischen Städten mit ihren barocken Kolonialarchitektur verbinden oder Abstecher in die einzigartigen Naturlandschaften unternehmen. Bei der Planung ist jedoch Vorsicht geboten - die Entfernungen sind enorm. Der Nordosten mit neun Bundesstaaten umfasst eine Fläche von mehr als der vierfachen Ausdehnung Deutschlands.

"Touristischer Magnet ist eindeutig Salvador de Bahia mit der einzigartigen Altstadt", schwärmt João Pedro Fonseca aus São Paulo, der hier an der Universität Geschichte studiert. "Von 1549 bis 1763 war Salvador Brasiliens erste Hauptstadt, dann wurde es Rio de Janeiro." Nähert sich der Reisende mit einem Kreuzfahrtschiff, blickt er auf die lebendige Kulisse von Unterstadt und Oberstadt: Unten lebten einst Fischer und Händler, 80 Meter höher stehen die Kirchen und Adelspaläste. Aufzüge und Straßen verbinden die beiden Welten.

Eine Kirche für jeden Tag des Jahres

Apropos Kirchen: Es gebe in Salvador für jeden Tag des Jahres ein Gotteshaus, heißt es im Volksmund, während Kleriker die Zahl von "etwa 120" nennen. Außen streng, innen verschwenderisch mit Gold und Silber ausgestattet, erinnern die Sakralbauten aus dem 17. und 18. Jahrhundert an die Allmacht der katholischen Geistlichkeit in Portugals damaliger Kolonie. Sie trugen viel dazu bei, dass die Unesco vor 22 Jahren die obere Altstadt zum Weltkulturerbe erklärte.

"Salvador ist ein einmaliges Beispiel dafür, wie Katholizismus und die afro-brasilianische Religion Candomblé heute miteinander harmonieren", meint Márcia dos Santos, eine "Priesterin" des Candomblé-Kults, dem in etwa 8000 Tempeln gehuldigt wird. Der Kult, der Tieropfer nicht ausschließt, hat Anhänger in allen Schichten der Gesellschaft. "In der Wallfahrtskirche Senhor do Bonfim wird zu christlichen und afrikanischen Gottheiten gebetet", sagt dos Santos.

Hunderttausende Sklaven aus Westafrika hatten einst ihre Religion nach Brasilien mitgebracht, doch sie durften ihre Götter, die "Orixás", nicht verehren. So gaben sie ihnen die Namen katholischer Heiliger und besuchten sowohl die Gottesdienste der Kolonialherren als auch die Rituale in ihren Tempeln. Interessierte Besucher, die sich dezent im Hintergrund halten, dürfen heute dabei sein, wenn bei den Zeremonien weiß gekleidete Menschen in Trance und Ekstase fallen.

Kulinarische Spuren aus Afrika

"Afrika prägte die Kultur Bahias", sagt Fonseca. "Das macht sich auch in der Küche bemerkbar." Die Gerichte sind meist mit rötlichem Palmöl, dem Dendê, sowie aus Kokosnuss zubereitet - etwa das einem Eintopf ähnliche "Vatapá" aus Kokosnuss, Pfefferschoten, gemahlenen Erdnüssen sowie Hühnchenfleisch oder Meeresfrüchten. Ebenfalls typisch ist "Moqueca" mit Krabben, Tomaten, Pfeffer, Knoblauch, Zwiebeln und Petersilie. An Schärfe mangelt es diesen Speisen nicht, die die Baianas, die weiß gekleideten Kellnerinnen, servieren.

Nördlich von Salvador beginnen die Ferienanlagen dieser Urlaubslandschaft. Hotels jeder Kategorie wurden in den vergangenen Jahren gebaut. Besonders beliebt ist der Fischerort Praia do Forte mit seinen Kunsthandwerksläden, Boutiquen und Restaurants. Etwa 70 Kilometer trennen ihn von Salvador. "Dahinter reiht sich die nächsten 1400 Kilometer bis hinaus nach Fortaleza ein Strand an den anderen", sagt der Andenkenhändler Felipe Andrade. "Die Nationalstraße BR 101 führt direkt dorthin."

Als Stopps auf dem Weg in den Norden bieten sich die Küstenstädte Aracaju und Maceío mit ihren Sandstränden an. Strand und Meer prägen auch Recife, die Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco. Von den Hotels sind es oft nur wenige Meter zum Atlantik. Ein Riff vor der Küste bricht die oft starke Brandung und ermöglicht ein ruhiges Baden. Sieben Kilometer entfernt liegt Olinda, das als Kleinod barocker Kolonialarchitektur ebenfalls zum Unesco-Welterbe zählt. Zucker brachte im 16. und 17. Jahrhundert der Region Reichtum.

Ob in Salvador, Recife, Olinda oder in den anderen Städte des Nordostens: Jedes Jahr brennt hier im Karneval die Luft. Im Gegensatz zu Rio de Janeiro mit seinen aufwendigen Paraden finden typische Volksfeste mit Tanz und ohrenbetäubender Musik statt. In Olinda staksen bis zu vier Meter hohe Pappmaché-Figuren durch die Straßen.

Natürlich dehnt sich das bunte Treiben auch auf die Strände aus, die zu dieser Zeit - es sind Schulferien - voller Menschen sind. Die Urlauberin Darcy Cardeiro aus Rio de Janeiro rät in Fortaleza, der Hauptstadt des Bundesstaates Ceará, zu einem vor Ort buchbaren Abenteuer: "Fahren Sie doch mit einem Offroad-Wagen ein paar Tage den Strand entlang." Eines der Ziele ist Cumbuco mit seinem feinen Sand, Kokospalmen, Dünen und der dahinter liegenden Süßwasserlagune. Nicht alle Strände hier an der Küste haben eine solche Qualität.

Die andere Seite: Elend und Armut

Schon wenige Dutzend Kilometer landeinwärts beginnt das Armenhaus Brasiliens, der Sertão. Hier haben Großgrundbesitzer das Sagen, es herrschen ein unvorstellbares Elend und soziale Ungerechtigkeit. Das Gebiet ist größer als Deutschland und eignet sich nur begrenzt für das Reisen. Aurélio Rocha, der sich in Salvador dem Naturschutz verschrieben hat, weist allerdings auf eine Attraktion in dieser tristen, meist von Dürre geplagten Gegend hin: "Nur 430 Kilometer von hier entfernt liegt die einzigartige Naturlandschaft Chapada Diamantina, eine Hochebene mit Tafelbergen, Canyons, Wasserfällen, Höhlen und Lagunen. Es ist ein ideales Ziel für den Ökotourismus." Mehr als 100 Grotten wurden inzwischen katalogisiert.

Diamantenfunde in der Mitte des 19. Jahrhunderts lockten Abenteurer an, und die Kleinstadt Lençóis entstand. Heute wartet sie auf Touristen. "Man erreicht die Chapada in sechs bis sieben Stunden mit dem Auto, gut acht Stunden mit dem Linienbus und in einer Stunde mit dem Flugzeug", erklärt der Reiseführer Dilson Gomes. Auf einer Fahrt auf dem Landweg glaubt man sich aber in den "Wilden Westen" der USA versetzt: Verwegen aussehende Cowboys treiben Rinder auf staubigen Nebenstraßen vor sich her, in den wenig attraktiven Dörfern scheint das 21. Jahrhundert noch nicht angekommen zu sein. Die Traumstrände am Atlantik liegen für die Menschen hier in unerreichbarer Ferne.

Horst Heinz Grimm, dpa



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