British Columbia Geisterstunde rund um die Uhr

Das viele Salzwasser und das harte Vukangestein haben Schuld: Sie halten die Geister fest. Kaum ein Ort in Kanada gilt als so verspukt wie Viktoria. Da greifen Geisterhände in die Ladenkasse, und längst verstorbene Damen führen Touristen an der Nase herum.


Victoria - Sie suchen verwirrt nach ihrem Hotelzimmer, schubsen Passanten gegen Hauswände oder lassen Schokoladenschachteln quer durch den Raum schweben -und wenn man genau hinschaut, sind sie ganz plötzlich verschwunden. In Victoria, der Hauptstadt von British Columbia, ist rund um die Uhr Geisterstunde. Kaum ein Ort in Kanada gilt als so verspukt wie die Stadt auf Vancouver Island. Sie bringt aber auch das Kunststück fertig, gleichzeitig ihr sehr britisches Erbe hoch zu halten und mit vielen Hightech-Jobs, Alternativläden, Sportangeboten und Pub-Brauereien ganz auf der Höhe der Zeit zu sein.

Wer sich nach Victorias Geistern sehnt, begibt sich am besten in die Gesellschaft von John Adams. Ganz in Schwarz gekleidet, geht der graubärtige Historiker ein- bis zweimal am Tag auf eine Tour durchs Stadtzentrum mit den schönen Fassaden aus dem späten 19. Jahrhundert. Dass es ausgerechnet hier so ausgeprägt spukt, erklärt Adams mit dem vielen Salzwasser rund um die Stadt und dem harten Vulkangestein im Untergrund: "Das hält die Energie der Geister fest." Und schon ist der Tourist mittendrin in der Jagd nach einer schönen Gänsehaut.

Geister mögen keine Milchschokolade

Gruselig ist zum Beispiel "Rogers Chocolats" an der Government Street, ein 1903 errichtetes Haus. Gebaut hat es der Architekt Thomas Hooper. "Fast alle seine Bauten sind verspukt", flüstert John beim Reingehen. "Wir wissen bis heute nicht, warum." Und dann erzählt er von Geisterhänden, die hier in die Ladenkasse greifen, und von heller Milchschokolade, die von einem Unsichtbaren aus den Regalen genommen und am Fußboden zerstampft wird. "Das müssen die früheren Besitzer sein, Charles und Leah Rogers. Die mochten nur dunkle Schokolade", erzählt John. Verkäuferin Charlotte nickt dazu und erzählt sofort, dass sich "erst heute ganz von allein die Stereoanlage hier im Raum eingeschaltet hat". Schon laufen erste kalte Schauer über den Rücken.

Zentrum des übersinnlichen Geschehens ist der Bastion Square. Im ehemaligen Obersten Gericht von British Columbia ist dort heute ein Meeresmuseum untergebracht, früher aber wurden an dieser Stelle Straftäter gehenkt und begraben - ein idealer Ort für ruhelose Seelen. Als besonders verspukt gilt außerdem das "Empress Hotel" am Hafen, das mit seiner markanten Front das Wahrzeichen Victorias ist.

Milch mit einem Tropfen Tee

Hier erleben Gäste im sechsten Stock angeblich oft, dass nachts eine ältere Frau an der Tür klopft und nach ihrem Zimmer fragt. "Sie nennt dann die Nummer eines Raumes, den es nicht mehr gibt, weil dort 2001 ein Fahrstuhl eingebaut wurde", erzählt John. "In dem Raum starb einst tatsächlich eine ältere Dame. Nun ist das Zimmer ihres Geistes weg - und wenn sich der Gast dann umdreht, verschwindet auch die Frau."

Im "Empress Hotel" gibt es aber auch angenehmere Erlebnisse - zum Beispiel den klassischen englischen "Afternoon Tea". Seit 1908 wird er jährlich mehr als 115.000 Gästen serviert. Oft nehmen von 12 bis 17 Uhr nicht zuletzt die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe, die für einen Tag in Victoria liegen, im Saal Platz und trinken den Blend, den Tee-Experten exklusiv für das "Empress" gemischt haben.

Serviert wird er mit Milch, anschließend gibt es kleine Wraps mit Krabben, Tunfisch, Mangomus und Gurke, dann Scones mit Marmelade und Sahne und zum Schluss Kekse. Inklusive des vorab gereichten Obstes kostet das Tee-Arrangement je nach Saisonzeit 30 bis 55 kanadische Dollar (21 bis 38,50 Euro). Die Kellner tragen weiße Handschuhe, dazu erklingt leise Klaviermusik, das Porzellan hat das gleiche Dekor wie beim Besuch von König Georg VI. 1939 - alles ist hier "very British".

Klein-Britannien am Pazifik

Das soll es auch sein, Victoria ist nicht umsonst die Hauptstadt von "British" Columbia. Vor allem amerikanische und asiatische Gäste suchten nach den lebendigen Traditionen aus der Kolonialzeit, erzählt Kristine George vom örtlichen Tourismusamt. Zu den Requisiten, die ein "Klein-Britannien" am Pazifik vorgaukeln sollen, gehören Pubs wie "Elephant & Castle" im Zentrum, die Doppeldeckerbusse auf den Straßen und Geschäfte wie der "Edinburgh Tartan Shop" mit klassischer Damen- und Herrenmode. Vor dem Provinzparlament warten Pferdekutschen auf Fahrgäste. Dass für 30 Minuten Fahrt 80 Dollar (56 Euro) zu zahlen sind, nehmen viele Urlauber als Teil des Schauspiels klaglos hin.

Doch Victoria ist längst viel mehr als eine Stadt mit britischer Vergangenheit. Im weitläufigen Beacon Hill Park zum Beispiel, der wegen des häufigen Regens überaus grün ist, markiert ein Schild die "Meile Null" des Trans-Canada-Highways, der von hier aus bis nach St. John's in Neufundland führt - ein beliebtes Fotomotiv. Im Viertel um den Market Square haben sich Boutiquen und Designläden angesiedelt. Und dann gibt es da noch die Pub-Brauereien "Swan's", "Spinnakers", "Canoe" und "Hugo's", die ihre eigenen Lager- und Ale-Kreationen auftischen, vor allem einem Publikum aus Twens und Mittdreißigern.

Wer spät am Abend bei "Spinnakers" einkehrt und ein India Pale Ale mit 7,1 Prozent Alkohol nippt, merkt eines schnell: Der früher oft bemühte Spruch, Victoria sei eine Stadt ausschließlich für frisch Verheiratete und Beinahe-Tote ("a place for newly weds and nearly deads"), stimmt nicht mehr. Neben der Kulisse eines altenglischen Flairs hat sich eine lebhafte junge Szene breit gemacht - auch die vielen Geister, denen John Adams nicht zuletzt in den Wochen vor Halloween so gerne nachstellt, haben das nicht verhindern können.

Von Christian Röwekamp, gms



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