Foto: Marija Strajnic / Stocksy United

Buchtipps gegen das Fernweh Lesereise nach Möglichst-weit-weg

Wenn das eigene Zimmer, die Wohnung, das Haus zu eng werden, hilft nur eins: die Segel zu setzen und mit Büchern loszuschippern. Eine Fernblättertour zu fast allen Kontinenten – und um sie herum.
Von Anne Haeming

Als im Frühjahr – während des ersten Corona-Shutdowns – vielen Menschen die eigenen vier Wände zu eng wurden, tauchte auf einmal häufig der Verweis auf ein Buch aus dem 18. Jahrhundert auf: Xavier de Maistres klaustrophobischer Trip »Abenteuerliche Reise um mein Zimmer«. De Maistre schafft es darin, das Alltägliche wieder neu entdeckbar zu machen – und das schien für viele so etwas wie der letzte Strohhalm zu sein.

Und jetzt? Reichen das eigene Zimmer, die Wohnung oder, wer hat, Balkon, Haus, Garten nicht mehr, um die Sehnsucht zu stillen. Jetzt müssen Bücher her, in denen es sich möglichst weit weglesen lässt. Eine Fernlesereise auf vier Kontinente und alle Weltmeere:

Wind um die Nase

Es bläst von allen Seiten in diesem Buch. Es riecht nach Gischt, nach weiten Wiesen und würzigem Heidekraut, nach kaltklarer Luft. Von der Mitte Deutschlands aus etwa 2000 Kilometer Richtung Nordnordwest liegen die schottischen Orkneyinseln. Dort ist Amy Liptrot aufgewachsen – und in »Nachtlichter« erzählt sie, wie sie nach Jahren in London in diese von Klippen gesäumte Landschaft zurückkehrt, »wo mich die Winde geformt und das Meersalz wund gerieben haben«. Liprot will in ihrer Heimat ihre Alkoholabhängigkeit loswerden. Sie stürzt sich in die Natur und ins Wetter und erobert sich die Inselteile Papay, Westray, Eday, Sanday und North Ronaldsay. Sie legt sich nachts auf die Lauer, um Wachtelkönige zu zählen, wuchtet Felsbrocken zu Mauern, lebt mit dem Auf und Ab der Gezeiten und dem andauernden Regen. Egal ob sie Strandgut sammelt, mit dem Kutter in eine Herde Schweinswale gerät oder den Nachthimmel nach Saturn und Jupiter absucht: Sie erkundet gründlich diese herbe Landschaft – und sich dabei gleich mit. Ein Buch für alle, die die Fernsicht vermissen.

Amy Liptrot: »Nachtlichter«, aus dem Englischen von Bettina Münch, (2017) btb 2019, 352 Seiten, 10 Euro.

Noch mehr europäische Meeresküstenmomente gibt es in: Benoîte Groult: »Vom Fischen und von der Liebe: Das irische Tagebuch 1977-2003«, aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky, Ullstein 2019, 400 Seiten, 22 Euro.

Zwei in eins

Nichts könnte gerade ferner sein als das dichte Gewimmel zwischen Marktständen in Osaka. Und dennoch wehen einem aus den Seiten von Min Jin Lees »Ein einfaches Leben« Gerüche von Kimchi, getrockneten Sardellen und frischem Schlachtblut entgegen, dazu das ohrenbetäubende Durcheinander aus Hühnergackern und dem Gebrüll der Marktschreier, die ihre Elektrogeräte oder Tatamimatten loswerden wollen. Und die junge Sunja mittendrin. Min Jin Lees Familienepos folgt vier Generationen aus einem südkoreanischen Fischerdorf bei Busan nach Japan und erzählt damit auch von den historischen Realitäten zu Zeiten der japanischen Annektion Koreas Anfang des 20. Jahrhunderts – eine Kluft, die bis heute spürbar ist. Mit Sunja und ihrer Familie im damaligen Osaka unterwegs zu sein, egal ob mit dem Holzkarren zwischen den Gassen zum Markt oder im eng gebauten Haus, erlaubt es auf eine selten unvermittelte Art, mal wieder ganz woanders zu sein – wenigstens in der Fantasie.

Min Jin Lee: »Ein einfaches Leben«, aus dem Englischen von Susanne Höbel, (2018) dtv 2020, 552 Seiten, 13,90 Euro.

Über Taiwans Natur als Geschichtenspeicher: Jessica J. Lee: »Zwei Bäume machen einen Wald. Über Gedächtnis und Migration in Taiwan«, aus dem Englischen von Susanne Hornfeck, Matthes & Seitz 2020, 216 Seiten, 28 Euro.

Einschlafen zu Pfauenrufen

Streng genommen befinden wir uns nur auf den letzten knapp 200 Seiten von Chimamanda Ngozi Adichies Weltbestseller »Americanah« in Lagos. Aber weil Ifemelu nach Jahren in den USA wieder nach Nigeria zurückkehrt, erscheint ihr alles so verändert, dass sie genau hinschaut – als wäre sie neu hier. Sie unterschreibt zwar einen Mietvertrag für zwei Jahre, aber der allgegenwärtige Aufbruch in ihrer alten Heimatstadt irritiert sie. Die frisch entstandenen Häuser, wo einst Brachen waren, die rumpeligen Kolonialhäuser im Altstadtteil Onikan, die renoviert werden, die Schlaglöcher, in die Profis ihre Autos gekonnt langsam hinein- und wieder hinaussteuern, die brütend heiße Luftfeuchtigkeit, sobald abends die Generatoren und damit die Klimaanlage ausgeschaltet sind, die ständige Konfrontation von Yoruba und Igbo. Aber da sind auch die Pfauen auf dem Hausdach gegenüber, die sie von ihrer Terrasse aus beobachtet und zu deren Rufen sie einschläft, die weißen Strände, an denen sie mit dem Schnellboot entlangdüst, der Song »Yori Yori«  in Dauerschleife im Autoradio. Auch wenn Adichies Roman aus zig anderen Gründen lesenswert ist: In Ifemelus Leben in Lagos einzutauchen, gleicht ein wenig einem jobbedingten Langzeittrip. Einem Neuankommen in einem Alltag ganz woanders.

Chimamanda Ngozie Adichie: »Americanah«, aus dem Englischen von Anette Grube, (2014) Fischer 2016, 864 Seiten, 14 Euro.

Wer danach noch mehr Geschichten der Autorin aus und über Nigeria lesen möchte, dem sei ihr Debütroman empfohlen: Chimamanda Ngozie Adichie: »Blauer Hibiskus«, aus dem Englischen von Judith Schwaab, (2005) Fischer 2017, 448 Seiten, 13 Euro. 

Weit draußen

»Ich möchte da sitzen und bei Sonnenaufgang das Licht über das Tal heraufkommen sehen«, erklärt der Vater. Also ziehen sie los: Franklin Starlight zu Fuß neben seinem immer kränker werdenden Vater auf dem Pferd, unterwegs in die Berge. Es ist ein besonderer, langer Roadtrip – fern der Straßen. Nachts machen sie sich Feuer, kochen sich Bohnen mit Speck, wickeln sich in Decken und schauen ins Schwarz über sich. Auch wenn diese Vater-Sohn-Reise eine komplizierte emotionale Kiste ist, ist Richard Wagameses »Das weite Herz des Landes« vor allem eine Geschichte über das Land, in dem sie unterwegs sind: Es ist ihr Land, indigene Kanadier von der Gruppe der Ojibway in Ontario, wie Wagamese selbst. Jenseits der Städte fangen sie an, die Spuren der Landschaft zu lesen. Und wenn sie an einer Bergklippe sitzen, vor sich die Leere, fangen sie an zu erzählen: die Geschichten derjenigen, die vor ihnen dort zwischen Wacholderbüschen, Schmelzwasserflüssen und Gelbkiefern unterwegs waren. Bevor die Franzosen und Briten kamen und erklärten, das indigene Land sei ihres.  

Richard Wagamese: »Das weite Herz des Landes«, aus dem Englischen von Ingo Herzke, Blessing 2020, 288 Seiten, 22 Euro.

Für weitere Wildnis-Trips in nordamerikanischen Bergketten, diesmal mit mehr Survival-Modus: Rye Curtis: »Cloris«, aus dem Englischen von Cornelius Hartz, C.H. Beck 2020, 352 Seiten, 24 Euro.

Notizen von der See

Mit dem letzten Buch auf der Liste gelangen wir am direktesten in die Ferne – und zwar über alle sieben Meere schippernd. Denn Huw Lewis-Jones hat mit seinem »Buch des Meeres« Tage- und Skizzenbücher von mehr als 60 Seefahrerinnen und Seefahrern aus mehreren Jahrhunderten über ihre Touren zwischen Pol und Südsee gebündelt. Diese seitenlangen Faksimiles bedeuten: Sie waren dort, vor Ort, als sie jene akribischen Tintenzeichnungen und Logbucheinträge zu Papier brachten. Das Spektrum ist so breit wie der Äquator und geht weit über Seefahrerlegenden wie Francis Drake oder Francis Chichester hinaus. Darunter Skizzen von Admiral Zheng He von 1434, die zeigen, wie er anhand von Sternen den Seeweg von Hormus nach Calicut – dem heutigen Kozhikode, Indien – berechnete. Matrosenporträts und eine illustrierte Hochseenotrettung von Paul-Emile Pajot. Aquarelle von Unterwassertieren, die die deutsch-amerikanische Künstlerin Else Bostelmann ab 1930 auf Expeditionen mit dem Meeresforscher William Beebe vor Bermuda anfertigte. Aber auch das letzte Logbuch von Peter Blake, Expeditionsleiter der Cousteau-Gesellschaft, der 2001 bei einer Südamerikareise von Piraten ermordet wurde. Zwischen den Einträgen über minutiöse Längengradvermessungen, aufwendig umrankten Landkarten neu entdeckter Landstriche und detaillierten Zeichnungen von Nacktkiemern bleibt unübersehbar, dass viele dieser Notizen auch die Welthaltung jener Zeiten zeigen – und damit den verzerrten Blick von Forschern, Eroberern und Kolonialmächten. Somit taugt das Buch auch, um unseren eigenen Blick auf die Ferne zu schärfen, wenn wir endlich wieder Segel setzen können.

Huw Lewis-Jones: »Das Buch des Meeres. Tage- und Skizzenbücher großer Seefahrer«, aus dem Englischen von Nina Goldt, Annika Klapper, Dumont 2020, 304 Seiten, 40 Euro.