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Reise um den halben Erdball Wie es sich da lebt, wo die Klimakrise schon wehtut

Wir sind zu einer Reise von Südafrika bis in die Arktis aufgebrochen, um nach Lösungen für die Klimakrise zu suchen. Eine Antwort fanden wir bei Menschen, die schon deren Folgen spüren.
Von Theresa Leisgang und Raphael Thelen

Die Nacht bricht herein, auf den Berghängen vor uns lodern Flammen, dicke Rauchsäulen steigen in den Himmel, die untergehende Sonne färbt sie bedrohlich rot. Wir stehen auf einem weiten Feld, blicken auf die Buschbrände, und wieder einmal überrollt uns diese schmerzhafte Angst: Was kommt da wegen der Klimakrise auf uns zu?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, herauszukommen aus der Hilflosigkeit, sind wir zu einer Recherche aufgebrochen, unser Plan: von Südafrika einmal quer durch alle Klimazonen bis in die Arktis reisen, 20.000 Kilometer über Land, um die Menschen zu treffen, die schon heute mit den Folgen der Klimakrise kämpfen.

Im Sudan wollen wir über die Dörfer fahren mit einem Arzt, der sich der immer schnelleren Ausbreitung von Malariamücken entgegenstellt. In Ägypten lebt die Familie einer Freundin, deren Heimatstadt Alexandria bald im Meer versinkt. Olivenbauern in Italien versuchen, sich der zunehmenden Dürre anzupassen, und in der Arktis planen wir Rentierhirten zu treffen, denen das immer wechselhaftere Wetter die Herden dezimiert.

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Klimakrisen-Weltreise: Von Südafrika bis in die Arktis

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Mit der Schülerin Ayakha Melithafa stehen wir vor den Buschbränden am Rande von Kapstadt. Schon als Teenager erlebte sie die brutale Realität der globalen Erwärmung: Wegen einer lang anhaltenden Dürre hatte die Stadtregierung begonnen, das Leitungswasser zu rationieren. Doch das Wasser wurde nicht nur weniger, sondern auch schmutziger. Melithafas jüngerer Bruder trank einen Schluck, bekam schweren Durchfall, wurde immer schwächer. Ein Arzt konnte ihn gerade noch retten.

Melithafa begann im Internet die Ursachen der Dürre zu recherchieren und stürzte in ein tiefes Loch: Warum, fragte sie sich, überhaupt noch morgens aufstehen und zur Schule gehen, wenn die Klimakrise mit ihren Stürmen, Überschwemmungen und Waldbränden droht, alles zu verwüsten? Bis 2050 steigt die globale Durchschnittstemperatur um zwei Grad, prognostiziert der Weltklimarat. Schätzungsweise 200 Millionen Menschen leiden dann unter schweren Dürren, Großstädte entlang des Äquators werden unbewohnbar, bis zu einer Milliarde Menschen müssen aus ihrer Heimat fliehen.

Diese Aussicht lähmte Melithafa, doch irgendwann seien ihre Trauer und ihre Angst einem anderen Gefühl gewichen: Wut sei in ihr aufgestiegen. Sie schloss sich einer Klimaorganisation an, begann Schulstreiks zu organisieren, und reichte mit anderen Jugendlichen vor den Vereinten Nationen eine Beschwerde gegen Industriestaaten wie Deutschland ein, weil diese ihre Zukunft gefährdeten. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos traf sie Greta Thunberg, später lud der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa sie ins Parlament ein. Melithafa gab uns zu verstehen: Das beste Mittel gegen das Gefühl der Hilflosigkeit ist es, sich mit anderen zusammenzuschließen.

Die Klimakrise ist eine Gerechtigkeitskrise

Wir reisten weiter nach Mosambik und erlebten dort Ähnliches. In Kleinbussen, auf Booten und den Ladeflächen von Lastwagen legten wir knapp 2000 Kilometer zurück, bis wir die Küstenstadt Beira erreichten. Genau ein Jahr nachdem Zyklon »Idai« im März 2019 große Teile des Landes verwüstet, über tausend Menschen getötet hatte. Es war einer der schlimmsten Stürme der Südhalbkugel seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen.

Genau wie andere Naturkatastrophen traf »Idai« Frauen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Positionierung härter als Männer: Sie haben weniger Ressourcen, um sich gegen Unwetter zu schützen, haben im Notfall oftmals die Verantwortung für Kinder und pflegebedürftige Angehörige, und nach dem Sturm hatten Ortsvorsteher Frauen teilweise zu Sex als Gegenleistung für Lebensmittel gezwungen. Die Geschichten dieser Frauen zu hören, zeigte uns: Die Klimakrise ist vor allem auch eine Gerechtigkeitskrise. Menschen im Globalen Süden, und dabei vor allem Frauen, Alte, Kranke und Menschen auf der Flucht, trifft sie am härtesten. Dabei sind es nicht ihre CO2-Emissionen, die die Krise verursachen.

Die Frauen rund um Beira hatten sich in den Jahren vor dem Sturm dem feministischen Netzwerk GMPIS organisiert, um für ihre Rechte einzutreten. Nach dem Sturm halfen sie sich gegenseitig dabei, ihre Familien zu ernähren, Häuser wieder aufzubauen, Felder zu bestellen. Und nicht nur das. In der Gemeinschaft fanden sie auch emotionalen Rückhalt, um mit den traumatischen Erlebnissen umzugehen.

Nicht nur das Klima kollabiert

Unsere Recherchereise nahm an diesem Punkt eine entscheidende Wendung. Corona breitete sich immer schneller auf dem Planeten aus, immer mehr afrikanische Staaten schlossen ihre Grenzen für Bürger aus Hochrisikogebieten wie Deutschland. Unsere Reise drohte zu scheitern. Für uns ein Schock: monatelange Vorbereitungszeit, das Geld fürs Equipment, zugesagte Stipendien – alles verloren. Dazu die Angst vor einer Ansteckung. Erst später begriffen wir, dass diese Krise für uns auch eine Chance zur Transformation sein würde.

Weltweit gerieten gesellschaftliche Systeme an ihre Belastungsgrenze, und auch wir merkten, wie unstabil unsere Leben waren: Wir waren immer von Ort zu Ort gerast, von Auftrag zu Auftrag, zu wenig Rücklagen, kein Puffer – immer vorwärts.

Klimakrise

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Doch die Pandemie zeigt uns nicht nur unsere Verletzlichkeit. Sie war auch unser Rendezvous mit der Krisenhaftigkeit der Welt. Unser Versuch, Antworten auf die Klimakrise zu finden, drohte an einer anderen Krise zu zerschellen, die Wissenschaftler ebenfalls schon lange prognostiziert hatten und die ebenso mit unserem Umgang mit dem Planeten zusammenhängt: 75 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten wie Corona sind von Tieren übergesprungen, oftmals weil Menschen zu weit in ihre Ökosysteme vorgedrungen sind.

Und nicht nur das. Die Bewohner der Industriestaaten wirtschaften auf eine Art, die weltweit Wälder, Ozeane und Böden ausplündert. Wir befinden uns mitten in einem großen Artensterben, die Zahl der Bestäuberinsekten wie Bienen geht rapide zurück. Wenn das nicht gestoppt wird, bricht irgendwann die Lebensmittelversorgung zusammen. 90 Prozent aller Menschen weltweit haben keine saubere Luft zum Atmen.

Wegen Abholzung nähert der Amazonas sich einem Kipppunkt – aus einem Regenwald könnte eine Savanne werden. Und Experten sagen schon heute die nächste Pandemie voraus. Zusammengenommen bedeutet das: Selbst wenn wir morgen sämtliche CO2-Emissionen auf null senken, aber sonst so weitermachen wie bisher, werden wir unsere Lebensgrundlagen zerstören.

Wir beide hatten das alles irgendwie lange schon gewusst, aber es nicht an uns herangelassen. Kognitive Dissonanz. Doch im Augenblick der Pandemie konnten wir es nicht weiter verdrängen, genauso wenig, wie die Tatsache, dass wir das System, das die vielen globalen Krisen hervorbringt, auch selbst reproduzieren.

Schon die Frauen in Mosambik hatten uns auf den Zusammenhang hingewiesen: Wie das Patriarchat bestimmten Menschen Privilegien zukommen lässt, die dann Frauen, Menschen anderer Hautfarbe sowie Tiere und Pflanzen als weniger wertig ansehen, oftmals als bloße Ressourcen im Kampf um Macht und Dominanz. Ein Kampf, der von ihnen dann verlangt, sich abzuschneiden von ihren Gefühlen, anderen Menschen und der Natur.

Und hatten wir das nicht auch getan? Uns hart gemacht, um zu funktionieren in unseren Jobs? Hatten wir nicht gelernt, Sorgearbeit als zweitrangig anzusehen? Hatten nicht auch wir weit über die Belastungsgrenzen des Planeten gelebt, ohne wirklich etwas zurückzugeben? Das anzuerkennen war schmerzhaft, aber auch ein erster Schritt auf dem Weg dahin, wieder besser in den Spiegel blicken zu können.

Wenn wir die Erde zugrunde richten, richten wir uns selbst zugrunde

Im Spätsommer gingen die Covid-19-Inzidenzen zurück, die Staatsgrenzen öffneten sich wieder, und wir konnten unsere Recherche coronakonform fortsetzen. Wir besuchten in England Menschen, die im Kleinen Lebensmodelle probieren, um den globalen Wandel voranzutreiben, trafen Aktivistinnen, die durch ihre Aktionen den Ausbau des Londoner Heathrow-Flughafens verhindern und nahmen schließlich einen Nachtzug in die Arktis, wo die großen Rentierherden umherziehen. Dort lebten wir mit einer Familie, die zu den Sámi gehört, dem einzigen indigenen Volk Europas – Menschen, die ein Verständnis davon haben, was der Kreislauf des Lebens bedeutet. Bei all diesen Menschen fanden wir Antworten auf unsere Fragen.

Es scheint paradox. Doch so etwas Kleines wie ein CO2-Molekül und ein Virus produziert nicht nur globale Krisen, sondern lehrt uns auch die vielleicht größte Lektion unserer Zeit: Wir Menschen leben nicht unabhängig von diesem Planeten. Wir sind ein Teil von ihm, und wenn wir ihn zugrunde richten, richten wir uns selbst zugrunde. Das heißt im Umkehrschluss: Wir müssen unsere Gesellschaften grundlegend umkrempeln, nicht Fortschritt und Wirtschaftswachstum in den Mittelpunkt stellen, sondern die notwendige Lebendigkeit des Planeten. Ein Schritt, den jeder Einzelne gehen kann, denn unsere individuellen Haltungen bestimmen, wie wir handeln – ein Schritt, den aber auch Politik und Wirtschaft gehen müssen.

Wir haben schon auf der Reise angefangen, das umzusetzen, waren langsamer unterwegs, bedachter. Seit der Rückkehr machen wir uns los von dem Erfolgsdruck, der auch im Journalismus so oft herrscht. Wir wollen nicht mit allen Mitteln möglichst viele Leser erreichen, stattdessen uns die Zeit nehmen, um mit einigen in einen tieferen Austausch zu kommen, um gemeinsam Antworten auf die Klimakrise zu finden. Überhaupt wollen wir weniger arbeiten und mehr gemeinschaftlich leben. Ob es uns gelingen wird, das wissen wir nicht. Die alten, lebensfeindlichen Strukturen sind tief verwurzelt. Wir probieren es dennoch. Denn schließlich haben wir nichts zu verlieren – außer einer Zukunft voller Angst.