Bushehr in Iran Strandurlaub mit Reaktorblick

Der seltsamste Badestrand der Welt befindet sich am Persischen Golf: In der Nähe steht das berüchtigte Atomkraftwerk von Bushehr. Beim Couchsurfen in Iran fand Stephan Orth hier eine eher unheimliche Unterkunft.

Mina Esfandiari

Der Fischerort Bandar Gaah könnte ein Idyll sein, ein Touristenliebling, es ist alles da. Zwei Badestrände am Persischen Golf, ein paar hundert strahlend weiße Häuser, eine Pferderanch, ein altmodischer Hafenpier mit knarrenden Holzbooten.

"Die beiden da gehören mir", sagt Ahmad und deutet auf zwei etwa 20 Meter lange Dhau-Schiffe mit blau gestrichenen Kajüten und im Ostwind wehenden Iran-Flaggen. Acht bis zehn Mann Besatzung, zwei Kapitäne. Wenn das Wetter gut ist, fahren sie wieder raus, für knapp eine Woche. "Vier, fünf Tonnen bringen sie normalerweise an Land, auch Haie und Thunfisch", ergänzt der 32-jährige Unternehmer, ein kleiner, kräftiger Kerl mit Gelfrisur und einem knallbunten Hemd, Spitzname "Captain".

Nebenan knattern Motoren. Dunkelhäutige Seeleute parken zwei Schiffe um. Schrauben rotieren im Wasser, schwarzer Rauch steigt aus den Schornsteinen. Ein alter Mann will mir einen kleinen silbernen Fisch schenken, den er soeben mit einer Nylonschnur aus dem Hafenbecken geangelt hat. Ich lehne zweimal ab, viermal, fünfmal. Widerwillig sieht er ein, dass ich gerade wirklich keine Verwendung für das Tier habe, das im Todeskampf auf dem staubigen Asphalt zappelt.

"Priwjet" als Begrüßung

Ahmad lenkt seinen weißen Peugeot 207 über den Pier zurück in den Ort. Vorbei an dem Ashura-Platz, wo sich im Leidensmonat Muharram gläubige Muslime vor Publikum den Rücken geißeln. Vorbei an einem eingezäunten Spielplatz mit farbenprächtigen Rutschen und Schaukeln aus Plastik; weit und breit ist kein Kind zu sehen. Vorbei an den für Iran so typischen Wandmalereien: Berge, Täler und kleine Segelboote auf Betonmauern.

"Priwjet", begrüßt mich ein Motorradfahrer. "Der dachte, du bist Russe, wie die meisten Ausländer hier", erklärt Ahmad. "Komm, ich zeig dir was." Er hält an einem grünen Wellblechzaun, der einen Strandabschnitt abtrennt. Das Teil ist nicht besonders gut in Schuss, durch ein Loch darin können wir Männer und Frauen in Badekleidung erkennen. In westlicher Badekleidung wohlgemerkt, Shorts und Bikinis. "Das ist der einzige Strand in Iran, wo Männer und Frauen zusammen ins Wasser dürfen, ohne dass die Frauen verhüllt sein müssen", sagt Ahmad.

Einen Haken gebe es jedoch: Iraner hätten hier keinen Zutritt, nur die Russen. Ein kleines Zugeständnis für die Gastarbeiter. Die Expertise der ausländischen Ingenieure sei so wichtig, dass man es ihnen auch ein bisschen schön machen wolle.

Wobei, schön ist nicht das richtige Wort. Es liegen eine Menge Treibholz und leere Plastikflaschen herum. Auf der anderen Straßenseite, direkt hinter uns, steht ein Luftabwehrgeschütz, das nächste folgt gleich hundert Meter weiter. Der Russenstrand von Bandar Gaah ist die vielleicht am besten gesicherte Badestelle der Welt. Und wäre nicht das grüne Wellblech im Weg, könnten die diensthabenden iranischen Soldaten nach leicht bekleideten Russinnen Ausschau halten statt nach feindlichen Militärflugzeugen.

Das Blech hat schon bessere Tage gesehen, es hat mehrere Löcher. "Hier wird nichts mehr repariert. Schon seit Jahren will die Regierung Bandar Gaah komplett umsiedeln, aus Sicherheitsgründen", sagt Ahmad, während wir nach einem U-Turn auf den zweiten Strand des Ortes zufahren, der nicht weniger ungewöhnlich ist und direkt neben der Anlegestelle für die Fischerboote beginnt.

Picknick mit Aussicht

Der Sand ist voller Plastikmüll, trotzdem baden zwei Kinder. Ihre Eltern sitzen auf einer Decke und bereiten ein Picknick vor. Gemächlich, ein ganz normaler Freitag am Meer, es gibt Tee aus der Thermoskanne und Sandwiches mit Tomate.

Doch nicht nur der Abfall stört die Idylle: Nur ein paar Dutzend Meter hinter dem Strand steht eine gigantische weiße Betonkuppel, daneben ein minaretthoher rot-weiß gestreifter Schornstein mit Außenleitern und ein rechteckiger Kasten aus Beton. Dazu langgestreckte Häuser, die an Militärbaracken erinnern, und zwei Baukräne. "bnpp" heißt die Anlage auf vielen Straßenschildern, das ist die Abkürzung für Bushehr Nuclear Power Plant.

Das Kraftwerk wird von einem noch erheblich größeren und solideren Zaun geschützt als der "Russenstrand". Selbstverständlich ohne Loch, dafür mit etlichen Wachtürmen, auf denen Soldaten mit Maschinengewehren stehen. Tausend Megawatt elektrische Leistung, vier Kühlkreisläufe, 163 Brennelemente. Es ist eines der berühmtesten Kernkraftwerke der Welt, weil es das erste in Iran überhaupt war. Ein Meilenstein des staatlichen Atomprogramms.

Ahmad muss jeden Tag an dem Meiler vorbei, wenn er zum Einkaufen in die Stadt fährt, ins zwölf Kilometer entfernte Bushehr. "Ursprünglich war Siemens für den Bau zuständig, in den Siebzigerjahren lebten hier und in Bushehr Tausende Deutsche", erzählt er.

"Aber nach der Islamischen Revolution 1979 wurden die Arbeiten eingestellt, weil die politische Lage zu unsicher war und der Geldhahn zugedreht wurde. Jetzt haben es die Russen vor drei Jahren endlich fertiggestellt. Mir wäre ein deutsches Kraftwerk lieber, dann hätten wir hier weniger Angst vor einem Unglück."

Diese Angst ist offenbar bei der Regierung nicht so groß. "Schon vor Jahren wurde beschlossen, dass alle Siedlungen in einem Radius von fünf Kilometern von der Anlage weg sollen, aber bisher ist nichts passiert", sagt Ahmad. Der vor einigen Monaten unterzeichnete Plan, einen zweiten Kraftwerksblock zu bauen, könnte dies nun beschleunigen. Bandar Gaah wird sterben, es ist nur noch eine Frage der Zeit.

Und dann? "Ich habe in Bushehr ein Grundstück gekauft, ich weiß, wohin ich dann gehen kann", sagt Ahmad. Aber traurig fände er es schon. Er ist in Bandar Gaah geboren, seine Eltern wohnen direkt gegenüber der Einzimmerwohnung, in deren Garage er seinen Peugeot nun zum Stehen bringt.

Lage: ungewöhnlich

Im Innenhof wachsen Tomaten und hüfthohe Aloe-vera-Pflanzen, Ahmads Neffe hat "Cristiano Ronaldo 7" an die Wand geschrieben. Drinnen verdecken hellblaue Brokatvorhänge an goldenen Stangen die Fenster. Die Wand schmücken gerahmte Fotos von Pferden, auf dem Bücherregal stehen Pokale von Dressurwettbewerben. Ahmad war viele Jahre Mitglied im Nuclear Power Plant Horse Club.

Klo und Dusche sind außerhalb, sie sind nur über den Innenhof erreichbar. "Ich wünschte, ich könnte euch eine bessere Unterkunft bieten", sagt er, ein typisch iranisches Understatement, das man schnellstens mit einem Lob für das Quartier kontern sollte.

Schwer fällt es mir nicht: Nach einem solchen Innenhof würden sich viele Ferienhausvermieter am Mittelmeer die Finger lecken, und an dem Zimmer ist nichts auszusetzen.

Nur die Lage macht mir zu schaffen. Es sind keine 500 Meter zum nächsten Wachturm des AKW. Auch mir wäre plötzlich bedeutend wohler, wenn Siemens das beigefarbene Ungetüm gebaut hätte.


Dieser Text ist ein leicht veränderter Auszug aus dem Buch "Couchsurfing im Iran" von Stephan Orth, erschienen im Piper-Verlag. Über seine zweimonatige Reise und seine Erlebnisse berichtet er in dem Artikel "Bikiniparty in der heiligen Stadt".



insgesamt 13 Beiträge
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humorrid 16.03.2015
1. Interesse an Iran
Woher kommt es? Brauchen wir ein Meinungsleitfaden für den Iran anlässlich der bevorstehenden Abschuss des Abkommen durch die USA? Dürfen wir uns demnächst auf allerlei kritische Iran-Beiträge "freuen"?
dol2day_er 16.03.2015
2. Ungewöhnlich? Nein!
AKWs benötigen eben Wasser zu Kühlung. Und ein AKW in Strandnähe ist nun wahrlich nichts besonderes. Taiwan bspw., im an sich wunderschönen Kenting, Nanwan-Strand. In Sichtweite eines Kernkraftwerks schwimmen ist ...äh... interessant. Selbst in Deutschland gab es das, in Lubmin. Ich schreibe vielleicht auch mal einen SPON-Artikel... ;-)
gandalf_der_bunte 16.03.2015
3. Dungeness
Atomkraftwerke direkt am Strand gibt es auch viel näher, z.B. in Dungeness in Südengland. Ein herrlich skurriler und deshalb sehenswerter Ort. Und interessant für Hauskäufer: https://vimeo.com/6840258
Ruhrgirl 16.03.2015
4. Denn das Gute liegt so nah...
Für einen Strandurlaub mit Reaktorblick muss man nicht in den Iran reisen. Das gibt es hier auch, und der Strand ist sauberer. SPON hat sogar 2013 einen Artikel darüber geschrieben: http://www.spiegel.de/reise/deutschland/deutschlands-schoenste-straende-bassenfleth-an-der-elbe-a-911820.html
wolffm 16.03.2015
5.
"... Auch mir wäre plötzlich bedeutend wohler, wenn Siemens das beigefarbene Ungetüm gebaut hätte. ..." Ach ja, also man denke an ICEs, die wg defekter Räder entgleisen, die in Deutschland gebaute Estonia, usw...
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