Cajun Country, Louisiana Zwischen Gumbo und Burger

Im schwülen Süden von Louisiana lebt die größte französischsprachige Minderheit in den USA, die neben ihrer Sprache auch ihre Küche und ihre Musik zu bewahren versucht: Gewürzt durch die Einflüsse früherer Sklaven zeichnet sich die Cajun Cuisine durch Speisen wie Gumbo, die weiße Cajun Music durch die französische Fidel aus.

Von Ole Helmhausen


Cajun Music: "Vor unserem Mikrofon traf sich alles , was ein Instrument halten konnte"
Louisiana Office of Tourism

Cajun Music: "Vor unserem Mikrofon traf sich alles , was ein Instrument halten konnte"

"Ma femme, elle est gone", jammert der Anrufer. Der Moderator von KVPI Cajun Country Radio im schwülen Süden von Louisiana tröstet, so gut er kann: "Relax, cher" und legt zur Aufmunterung einen Gassenhauer von Steve Riley und den Mamou Playboys auf.

KVPIs Sendegebiet liegt rund um Ville Platte in Süd-Louisiana. Außer Cajun-Musik bringt die Station 18 Stunden Wortbeiträge pro Woche. Das dort zu hörende Französisch lässt Pariser erschauern und Normalverbraucher mit Schulfranzösisch verzweifeln. Die Grammatik ist lausig, der Subjunktiv unbekannt. Oft geht sowohl Anrufern als auch Moderator das Vokabular aus. Die Konversation gleitet dann ins "Fringlish" über, einer geselligen Melange aus breitestem Südstaatenlingo und französischen Spurenelementen.

Cajun Country, Verwaltungsname: Acadiana. 22 Kirchengemeinden zwischen New Orléans und Texas. In Dörfern und Städtchen, die Houma, Opelousas, Mamou oder Catahoula heißen, halten ihre Einwohner fest, was nach hundert Jahren Karambolage mit Mainstream-Amerika von der Kultur der Vorväter übrig geblieben ist. Die waren Französisch sprechende Akadier aus Kanada gewesen und auf der Flucht vor den Briten, die 1755 das Volk komplett deportiert hatten, weil es nicht den Treueeid auf den englischen König hatte leisten wollen. In den Sümpfen des damals spanischen Mississippi-Deltas wurden aus ihnen Fischer, Jäger und Bauern. Isoliert von der Außenwelt, bewahrten sie ihre Sprache und Kultur. Aus "Acadiens" wurden "Cadiens" und schließlich "Cajuns".

Crawfish: Pikant gewürzter Flusskrebs auf Reis gehört zur Cajun Cuisine
Louisiana Office of Tourism

Crawfish: Pikant gewürzter Flusskrebs auf Reis gehört zur Cajun Cuisine

Wer heute New Orleans Richtung Südwesten verlässt, landet bald in einer anderen Welt. An der Natur, eher unaufgeregt, liegt es nicht: Cajun Country ist flach und ländlich, atemberaubende Naturschauspiele gibt es nicht. Dafür signalisieren die Namen, dass eine unsichtbare Grenze überschritten wurde. Die Besitzer der Briefkästen heißen nun Boudreaux und Landry, der Autobody Shop wird von Téophile Cheramie betrieben, das Restaurant gehört Ginny LeBlanc und die Tankstelle einem gewissen J.B. Bonaventure. Auch den Gesichtern könnte man ebenso gut im Westen Frankreichs begegnen, keine Spur mehr von kantigen Yankee-Schädeln.

Pick-ups und Straßenkreuzer vor unscheinbaren Restaurants signalisieren "Boudin" (Wurst aus Reis und Schweinefleisch), "Gumbo" (Eintopf mit Fleisch), "Crawfish Étouffée" (pikant gewürzter Flußkrebs auf Reis) oder "Jambalaya" (Reisplatte mit allem möglichem). Die Gespräche kreisen um Familie und um Freunde, um die Arbeit, Essen und Trinken, den Glauben und die Welt. "Who's your mama? Are you catholic? Can you make a roux (Mehlschwitze)?": Ein populäres Cajun-Kochbuch witzelt, dies seien die Fremden am häufigsten gestellten Fragen. Denn Ahnenforschung ist eine Obsession der in alle Welt verstreuten Akadier. Der rechte Glaube muss nicht sein, öffnet aber trotzdem Türen. Und essen und trinken gehört auch hier zur gallischen Joie de Vivre.

Als um 1900 im Golf von Mexiko Öl gefunden wurde, war es mit der Isolation vorbei. Nordamerika brach über die Sümpfe hinein. Plötzlich galten die Cajuns, die oft nicht lesen und schreiben konnten und unverständliches Kauderwelsch sprachen, als Hinterwäldler. "Cajun" wurde ein Schimpfwort. 1916 wurde Französisch in den Schulen verboten. Cajun-Eltern erzogen ihre Kinder fortan auf Englisch, um ihnen Hänseleien in der Schule zu ersparen. Das Verbot galt bis 1974. Diese Zeit reichte, um zwei Generationen ihre Sprache auszutreiben. Die Musik wurde während "l'heure de la honte" (Zeit der Schande) der Rettungsanker dieser in Nordamerika einzigartigen Kultur.

In den Sümpfen von Louisiana: Das Atchafalya Basin ist das größte Sumpfgebiet Amerikas
Louisiana Office of Tourism

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"Fahrenden Musikanten wie dem halbblinden Iry LeJeune ist es zu verdanken, dass unsere Kultur diese Zeit überstanden hat", sagt Floyd Soileau. Der jugendliche Fünfziger ist seit drei Jahrzehnten Moderator bei KVPI. Als die Station Anfang der fünfziger Jahre auf Sendung ging, habe man zu den wenigen gehört, die der Cajun-Musik ein Forum gaben. "Vor unserem Mikrofon traf sich alles, was singen und ein Instrument halten konnte", schmunzelt Floyd, "Platten hatten diese Jungs nie gemacht. Und wir waren immer live dabei." Die Live-Tradition führt KVPI bis heute fort: Seit über 40 Jahren überträgt der Sender jeden Samstagmorgen flotte Cajun-Rhythmen aus "Fred's Lounge", einer winzigen Musikkneipe in Mamou. Knorrige Cajun-Farmer schieben quiekende Japanerinnen über das Parkett, das "Tanzen auf der Theke verboten"-Schild wird bald Makulatur. Abends wird die Übertragung im Liberty Theatre in Eunice fortgesetzt. In der Grand Ol' Opry der Cajun-Musik spielen jeden Samstagabend die besten Combos Louisianas.

> "Ma femme, elle est gone." Ein Viertel der Cajuns in Louisiana sprechen oder verstehen noch Französisch. Allerdings liegt das Durchschnittsalter der eine Million Einwohner bei 60 Jahren. Das ist zu hoch, als dass die von der Assimilierung bedrohte Cajun-Kultur sicher auf eigenen Beinen stehen könnte. Darum greift ihr CODOFIL unter die Arme. Der "Conseil pour le Développement du Francais en Louisiane" wurde 1968 gegründet und kämpft seitdem um den Erhalt der alten Sprache. 1974 erreichte sie die Aufhebung des Französischverbots, danach engagierte sie Lehrer aus Frankreich und Französisch-Kanada für die Schulen im Cajun Country. Seitdem entscheiden sich Cajun-Kinder verstärkt für Französisch als Unterrichtssprache.

Entspanntes Angeln: Am besten bereist man Cajun Country ohne Plan
Louisiana Office of Tourism

Entspanntes Angeln: Am besten bereist man Cajun Country ohne Plan

Am besten bereist man Cajun Country ohne Plan. Rührend besorgte Gastgeber weisen einem den Weg. Einer führt, immer am Bayou Lafourche entlang, nach Grand-Isle am Golf. Kutter-Flotillen tuckern zum Meer hinaus, die hochgestellten Netze wie Schmetterlingsflügel an den Seiten. Weiße Kraniche stehen reglos am Ufer, Pelikane schweben über Teppiche purpurner Wasserhyazinthen. In Grand-Isle stehen alle Häuser auf Stelzen: Das platte, hitzeflimmernde Land liegt mitten auf der "Hurricane Alley".

Früher oder später kommt man auch durch das cremefarbene Städtchen St. Martinville, das "Petit Paris" am dunklen Bayou Teche. Auf den umliegenden "Vom Winde verweht"-Plantagen feierten die adligen Survivor der französischen Revolution mit ihren schwarzen Sklavinnen. Unter der mächtigen Évangeline Oak neben der Kirche liebte, litt und starb Emmeline Labiche. Unter der alten Eiche soll sie nach Jahren der Suche den ihr während der Deportation entrissenen Liebsten wiedergefunden haben. Der Lump hatte in der Zwischenzeit jedoch eine andere geheiratet. Emmeliene starb am Liebesleid, und Amerikas Dichterfürst Longfellow, der sie als Évangeline im gleichnamigen, unsäglich kitschigen Poem verewigte, schenkte den Akadiern ihr Nationalepos.

Südstaaten-Flair: "Vom Winde veweht"-Plantagen erinnern an ferne Zeiten
Louisiana Office of Tourism

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Oder man versumpft - im wahrsten Sinn des Wortes. Schau dir die Dörfer im Atchafalaya Basin an, heißt es, da ist unsere Welt noch in Ordnung. Das Basin, 40 Kilometer breit und 200 Kilometer lang, ist das größte Sumpfgebiet Amerikas, eine nasse, unzugängliche Wildnis, die von uralten, mit spanischem Moos behängten Zypressen bewacht wird und ein paar Fischern noch immer Katzenwelse an die Haken liefert. Mitten drin, versteckt in schmalen Seitenarmen, liegen die Hausboote der Hardcore-Cajuns. Sie leben vom Krabbenfischen und der Jagd, sprechen Englisch nur mit schwerem Akzent und ehren die Alten. Hollywood-Regisseure, wird einem gesagt, können Statisten für ihre Filme hier nur engagieren, wenn die Großeltern sich zuvor einverstanden erklären.

Es gibt übrigens noch eine Frage, mit der man rechnen muss. Sie wird schamlos auch dem Fremden gestellt, der gerade nichtsahnend zur Tür herein gekommen ist. "Tu veux danser, cher, you wanna dance?" braucht einen jedoch nicht zu erschrecken. Auf den Tanzböden zwischen Houma und Eunice herrscht Freistil. Kein Frackzwang mindert das Vergnügen, keine noch so überzeugende Ausrede wird akzeptiert. Laissez les bons temps rouler - Let the good times roll: Nie folgte man einem Werbeslogan williger..



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