Camping in Namibia Stau an der Elefantendusche

Namibia gleicht einem riesigen Zoo ohne Zäune. Wer hier mit dem Wohnmobil unterwegs ist, erlebt so manche tierische Überraschung. Gefährlich kann es sein, den Wagen zu verlassen - manchmal schauen den Besuchern Löwen beim Frühstück zu.

Von Jule Kilimann


Eine Flucht aus dem Bett kann manchmal Leben retten: Für Britta und Martin Baumert stellte sich der Durchgang im Wageninneren ihres Campers vom Wohnbereich zum Fahrerhaus als besonders wichtig heraus. "In Botswana saß morgens plötzlich eine Löwenfamilie vor dem Wagen und rührte sich eine Stunde lang nicht vom Fleck", sagt Britta Baumert. Ans Aussteigen war nicht zu denken. Die Baumerts waren froh, direkt aus dem Bett in die Fahrerkabine klettern und langsam weg fahren zu können - fort vom Esstisch der Löwen. "Hätten wir die sonst hier üblichen Jeeps mit Zelt auf dem Dach gemietet, wäre das womöglich ein langer Tag geworden", sagt Britta Baumert. "Dann hätten wir oben auf dem Wagen ganz schön in der Klemme gesteckt: Warten, bis die Löwenfamilie sich entschließt, woanders hin zu ziehen - keine schöne Vorstellung."

Britta und Martin Baumert kommen aus Oldenburg und sind zum zweiten Mal auf eigene Faust im südlichen Afrika unterwegs. Diesmal haben sie die große Tour gewählt: Rund 5000 Kilometer in vier Wochen in einem off-road-tauglichen Wohnmobil. Von Windhoek aus geht es Richtung Norden in den Etosha-Park, über Caprivi, dann ein Abstecher zu den Victoriafällen (Simbabwe) und nach Maun (Botswana), und schließlich im großen Bogen bis Swakopmund, das an der Westküste Namibias am Atlantik liegt.

Löwen und Elefanten zu Besuch am Zelt

Abends beim Campertreff am Lagerfeuer kommen Bier und Steaks auf den Tisch. Dazu erzählten Reisende die abenteuerlichsten Geschichten des Tages. Bei Familie Koziorek aus Essen betastete im Morgengrauen ein neugieriger Elefant die Zeltwand. "Wir wurden wach, weil er so laut schnaufte." Christoph und Annika, Studenten aus Berlin, wurden von einer Löwin beim Abspülen des Frühstücksgeschirrs überrascht: "Sie legte sich hinter einen Strauch und hat sich zum Glück keinen Zentimeter mehr bewegt, nur still beobachtet. Sie war anscheinend satt." Das ist das ganz normale Camper-Latein, wenn man mit dem Bush-Cab durch Namibia reist.

Die Tour mit dem Campervan ist für Britta und Martin Baumert ein echtes Abenteuer, beste Erholung von daheim. Sie ist Justizbeamtin. er trägt als Geschäftsführer eines ökologischen Stromlieferanten jeden Tag Schlips und Anzug. Jetzt sind die Beiden in Shirts und Baggypants unterwegs, die die Spuren ihrer Reise zeigen: Staub und Schweiß. Ihre Haare sind von der Sonne ausgeblichen, sie strahlen bis über beide Ohren. "Wir haben Extremsituationen gemeistert", erzählt Britta Baumert. "Nach einem plötzlichen Sturzregen war ein sogenanntes Rivier, sonst ein staubtrockenes Sandflussbett, plötzlich hüfthoch zu einem reißenden Fluss geworden. Im Schritttempo konnten wir das Wasser durchqueren. Daheim erlebt man so was ja nicht."

Nächtliche Gefahren auf Schotterpisten

Den Sandboden auf vielen Pisten meisterte der Vierradantrieb spielend, die Baumerts hatten keine Panne, mussten nicht einmal einen Reifen wechseln. Aus Sicherheitsgründen verzichteten sie auf Fahrten im Dunklen. Zwar darf man Namibia getrost als verkehrsarm bezeichnen - das Land hat die anderthalbfache Größe Deutschlands und dabei nur rund 380.000 gemeldete Fahrzeuge. Aber die meisten einheimischen Fahrer düsen zügig über die schnurgeraden Straßen, oft hupend und winkend, nachts zum Teil ohne funktionierende Scheinwerfer. Den Elchen verwandte Kudus, Affen, Antilopen und Giraffen können dann zu tödlichen Unfall-Gefahren werden. Sie kümmern sich nicht um die Zäune, die kilometerlang an den Straßenrändern entlang gespannt sind und tauchen manchmal in Sekundenschnelle auf dem Asphalt auf.

Schotterpisten in Namibia: Kudus, Antilopen und Giraffen kreuzen die Strassen
Jule Kilimann

Schotterpisten in Namibia: Kudus, Antilopen und Giraffen kreuzen die Strassen

Mit dem massiven Camper darf der Fahrer ohnehin keinen Augenblick unachtsam sein. Folgenschwere Überschläge auf den Gravelroads, den unbefestigten Schotterpisten von Namibia, sind vor allem in der touristischen Hauptsaison fast alltäglich. Dazu bietet die Deutsche Botschaft schon bei der Ankunft am Flughafen von Windhoek ein Faltblatt mit deutschsprachigen Informationen an. Eindringlich wird darauf hingewiesen, sich an die Tempolimits zu halten und ausreichend Pausen einzulegen. Regelmäßig befinden sich am Straßenrand Rastplätze, meist mit einem Tisch und Sitzmöglichkeit im Schatten eines Baumes.

"Beachtet man die Sicherheitsregeln, hat man mit dem Camper in Namibia den perfekten Urlaub", findet Martin Baumert. Anders als im Hotel oder in einer Lodge sei man ganz nah dran an der Natur, nachts hört man exotische Tierstimmen und schläft unter einem schier unfassbaren Sternenhimmel bis zum Horizont. "Eine atemraubende Sicht", sagt Britta Baumert, "die Luft ist klar wie ein geschliffener Diamant." Besonders beeindruckt ist sie von den Menschen in Namibia. "Das Land ist so karg, und die Leute haben ein sehr hartes Leben hier", sagt sie. "Doch als Gäste sind wir überall willkommen. Das ist bewundernswert."

Verkehrsstau mit Elefanten

Einen Auto-Stau in Namibia zu erleben ist eigentlich unmöglich. Doch plötzlich, mitten im Etosha-Nationalpark, geht es weder vor noch zurück. Die Baumerts stecken hinter zwei Vans in einer Kurve fest, nach ihnen kommen weitere Jeeps heran, die Schlange wird immer länger. Was ist denn da los? Aussteigen, um nachzuschauen, ist nicht möglich. Jeder warnt: "Keep the doors closed!" Es ist verboten, im Park den Wagen zu verlassen. Wilde Tiere, die sich gut getarnt in den Büschen am Straßenrand verbergen könnten, sind für das ungeschulte Auge unsichtbar.

Und da ist er plötzlich, wie eine Erscheinung, der Grund für diesen Stau: Ein Elefant bummelt in aller Seelenruhe mitten über die Schotterstraße. Gemächlich zupft er mit seinem Rüssel einen Büschel trockenen Grases am Straßenrand, schiebt ihn in sein Maul, trottet weiter und bleibt an einem kleinen Wasserloch stehen, um ausgiebig zu baden. Laut prustend wirft er sich ein Wasser-Matsch-Gemisch auf den Rücken und hinter die Ohren, schüttelt dabei seinen Kopf und stampft laut auf. Genuss pur. Von den Fahrzeugen lässt er sich überhaupt nicht stören.

Mittlerweile sind von beiden Seiten Autos an den Elefanten heran gefahren. Staunend im Stau: Alle filmen und machen Fotos. Ein zweiter Elefant taucht auf. Er kommt durch die hohen Sträucher zu seinem Kollegen. Sie scheinen sich in Zeitlupe zu bewegen. Alles an ihnen wirkt so langsam und auf den ersten Blick grob - der Gang, ihr Kauen, das Augenzwinkern, aber man darf ihnen kein Unrecht tun. Sie sind filigran auf ihre Art. Geschickt pflücken sie die Triebe eines kleinen Bäumchens, wobei Wurzeln und Geäst unversehrt bleiben.

Mittlerweile haben sich an der winzigen Wasserstelle auch Zebras, Giraffen, Kudus und Springböcke eingefunden. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis die Tiere den Weg wieder räumen und die Wagen passieren können. Die Sonne brennt, Wasserreserven werden knapp. Allein: Für die Namibia-Camper Britta und Martin Baumert war das der erste Stau, der so richtig Spaß gemacht hat. Und er hat sich gelohnt. Das Foto des duschenden Elefanten ist das Prachtsouvenir dieser Reise.



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