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08. Juli 2008, 12:23 Uhr

Cayman-Inseln

Wie eine Schnapsidee zum Exportschlager wurde

Von Dominik Fehrmann

Die Cayman-Inseln sind berühmt als Steuerparadies - und als Heimat des beseelten Gugelhupfs. Heute exportieren die Insulaner Rumkuchen statt Suppenschildkröten und verdanken den Exportschlager einem ehemaligen Piloten, seiner Kreativität und dem Zufall.

Sein Leben ist immer schon ein rumreiches gewesen. In der Jugend, auf Jamaika, arbeitete Robert Hamaty auf den Zuckerrohrfeldern seines Vaters, er schnitt die Halme und brauchte sie zu den Märkten und Mühlen. Später atmete er den Duft der weiten Welt, 30 Jahre lang, als Flugkapitän bei Air Jamaica und Cayman Airways. Den Geruch von Melasse aber habe er all die Zeit nicht aus der Nase bekommen, sagt Hamaty.

Die Pilotenmütze hat er längst an den Nagel gehängt. Heute trägt Hamaty eine weiße Schutzhaube, aus hygienischen Gründen. Er steht in seiner kleinen Fabrik in George Town auf Grand Cayman, umwallt von schwerem Rumgeruch, der Hunderten gugelhupfartiger Kuchen entströmt. "Wir verwenden eine unserer besten Rumsorten", sagt Hamaty. Er zeigt auf zwei Eichenholzfässer, aus denen der dunkle, fünf Jahre alte Alkohol in Bottiche mit Kuchenteig fließt.

Mehr Firmen als Einwohner

Was sonst noch in diesen Teig kommt, ist ein Geheimnis, das Hamaty strenger hütet als die hiesigen Banken ihre Kundendaten. Und das will auf den Cayman-Inseln was heißen. Nicht umsonst gilt die britische Kronkolonie als "Schweiz der Karibik". Das Bankgeheimnis ist hier so heilig wie die Finanzaufsicht großzügig. Vor allem aber gibt es keinerlei Steuern, Unternehmen zahlen lediglich Meldegebühren. So sind heute auf den Inseln rund 80.000 Firmen ansässig – doppelt so viele wie Menschen. 500 Versicherungen, 600 Banken und 2000 Fonds machen die Hauptstadt George Town zum fünftgrößten Finanzzentrum der Welt.

Allerdings nur auf dem Papier. Denn die Cayman-Inseln sind ein Ort der Postfach-Existenzen. Kaum eine Firma hat hier mehr als eine Adresse oder ist hier überhaupt leibhaftig am Werk. Berühmteste Ausnahme ist Robert Hamatys Tortuga Rum Company. Sie betreibt auf Grand Cayman nicht nur eine Fabrik, sondern auch mehrere Ladengeschäfte. Berühmt geworden ist Hamatys Spirituosenfirma allerdings weniger mit ihrem Rum als mit ihrem Kuchen - ausgerechnet mit einem Produkt, dem der Geist des Rums völlig ausgetrieben ist. "Beim Backen verfliegt der Alkohol", sagt Hamaty. "Zurück bleibt nur das köstliche Aroma."

Berauschen lassen kann man sich durch andere Dinge auf den Cayman-Inseln. Vom Seven-Mile-Beach etwa, einer perlweißen Sandsichel nördlich von George Town, die zu den schönsten Stränden der Karibik zählt. Oder durch die Unterwasserwelt rund um Grand Cayman und die kleineren Schwestern Little Cayman und Cayman Brac: Steil und kilometertief fallen hier die Felswände ab, mit Korallenriffen und üppiger Meeresfauna.

Darunter sind auch jene Seeschildkröten, derentwegen Kolumbus die Inselgruppe bei ihrer Entdeckung "Las Tortugas" nannte. Jahrhundertelang landeten die Tiere in den Suppentöpfen dieser Welt und waren bedeutendstes Exportgut der Inseln - bis Robert Hamaty mit seinem Rumkuchen kam.

Von der Schnapsidee zum Verkaufsschlager

1977 war Hamaty von Jamaika auf die Cayman-Inseln gezogen, wo er seine Frau Carlene kennen lernte und bei Cayman Airways anheuerte. Auf seinen Flügen fiel ihm auf, wie viele Passagiere als Souvenir zollfreien Rum kauften. Rum aus aller Herren Länder - nur keinen von den Cayman-Inseln. Denn eigenen Rum gab es dort nicht. Was kein Wunder war, denn Zuckerrohr gab es dort auch nicht. Hamaty witterte die Marktlücke und stieg 1984 ins Rumgeschäft ein, indem er neue Sorten mischen ließ, aus Jamaika- und Barbados-Rum, die er dann als Kaimaninsel-Rum vermarktete.

Der Rum verkaufte sich passabel. Jedenfalls blieb genug übrig für den Rumkuchen von Carlene Hamaty, den sie gelegentlich nach altem Familienrezept für Freunde und Verwandte backte. Nach einem besonders komplimentreichen Abend belieferte sie ein lokales Restaurant. Dann zwei, dann drei. Schließlich begann Robert Hamaty mit der industriellen Fertigung.

Der Tortuga Rum Cake entwickelte sich zum Verkaufsschlager. Heute laufen täglich bis zu 10.000 Stück vom Band, in verschiedenen Größen und Sorten. Auf Barbados und den Bahamas werden die Kuchen in Lizenz gebacken, von Miami aus in den USA vertrieben und per Internet-Handel in die ganze Welt verschickt.

Rumkuchen mit Bananengeschmack

Als Hamaty damals seine Schnapsidee in die Tat umsetzte, war George Town noch ein verschlafenes Nest. Kaum 10.000 Menschen lebten auf den drei Inseln - mehr schlecht als recht von Ackerbau, Fisch- oder Schildkrötenfang. Heute ist das Pro-Kopf-Einkommen der Insulaner höher als jenes im Mutterland Großbritannien.

Neben dem internationalen Finanzgeschäft ist es der Fremdenverkehr, von dem viele hier profitieren. Rund zwei Millionen Touristen kommen jährlich, vor allem zum Tauchen, aber auch zum zollfreien Einkaufen, denn Grand Cayman ist Anlaufstation auf zahlreichen Karibikkreuzfahrten.

Von den Touristen profitiert auch Hamaty. Täglich steuern mehrere Busse den Parkplatz vor der Rumkuchenfabrik an. Es sind vor allem Amerikaner und Briten, die hierher kommen, einen Blick in die Produktionshalle werfen und dann den Verkaufsraum aufsuchen. Dort verkosten sie die verschiedenen Rumsorten, vor allem aber die verschiedenen Rumkuchen: den Klassiker, wie auch jene mit Limonen-, Bananen- oder Kokosnussgeschmack.

Am Ende schließlich öffnen sie alle - leicht berauscht - die Portemonnaies, um hier, auf den Cayman-Inseln, in der weltbekannten Steueroase, ihr Geld zu lassen. Für ein süßes Souvenir, Robert Hamatys Rumkuchen, eine karibische Versuchung der anderen Art.

Zum Nachbacken: Das Rumkuchenrezept

Dieses Rezept kommt dem Rumkuchenrezept der Hamatys nach Meinung von Rumkuchenexperten recht nahe:

Rumkuchen nach Hamaty-Art
Dominik Fehrmann

Rumkuchen nach Hamaty-Art

Für den Teig: 500 Gramm Mehl, 350 Gramm Zucker, 4 Teelöffel Backpulver, 1 Teelöffel Salz, 125 Gramm Butter, 1 Packung Vanille-Puddingmischung, 4 Eier, 125 Milliliter Milch, 125 Milliliter dunklen Rum, 125 Milliliter Pflanzenöl

Für die Glasur: 80 Milliliter Wasser, 125 Milliliter dunkler Rum, 250 Gramm Zucker, 125 Gramm Butter

Außerdem: 100 Gramm gehackte Walnüsse

Zubereitung: Ofen auf 180 Grad vorheizen. Die gehackten Walnüsse in eine eingefettete Gugelhupfform streuen. In einer Schüssel Mehl, Zucker, Backpulver Salz und Butter zu einem Teig vermischen. Anschließend die Puddingmischung, die Eier, die Milch, das Öl und den Rum hinzugeben und zwei Minuten mit dem Mixer cremig rühren. Den Teig anschließend in die Form geben und etwa eine Stunde backen. Zehn Minuten vor Ende der Backzeit mit der Glasur beginnen. Dazu das Wasser, den Rum, den Zucker und die Butter in einen Topf geben und bei mittlerer Hitze zu einem Sirup verrühren.

Den fertig gebackenen Kuchen aus dem Ofen holen und mit einer Gabel rundum einstechen, danach großzügig mit dem Sirup bestreichen und diesen einziehen lassen. Den Kuchen anschließend noch mindestens 30 Minuten – besser einen ganzen Tag - ziehen lassen und dann aus der Form nehmen.

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