Charleston Scarletts verlorenes Paradies

"Vom Winde verweht" ist ohne Charleston nicht denkbar, der Film hat die Hafenstadt in South Carolina zur Legende gemacht. Die ersten Schüsse des amerikanischen Bürgerkriegs bedeuteten das Ende des Südstaaten-Lebensstils.


"Walking Tours" durch die Altstadt: Bereits 1670 gründeten die ersten englischen Siedler die Stadt am Ashley River
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"Walking Tours" durch die Altstadt: Bereits 1670 gründeten die ersten englischen Siedler die Stadt am Ashley River

Charlestown - Diese Stadt atmet Vergangenheit wie kaum eine andere in den Vereinigten Staaten - sie verströmt geradezu den Duft des Südens. Charleston, die historische Hafenstadt im US-Bundesstaat South Carolina, besticht durch ihren Charme, ihren architektonischen Liebreiz und ihre geschichtsträchtigen Sehenswürdigkeiten ebenso wie durch ihre Festivals.

In Charleston findet der Gast aus Europa noch eine Altstadt vor, die er sich erwandern kann. Als Eroberer auf eigene Faust oder auf vorgegebenen "Walking Tours" mag er sich die Geschichte dieser Siedlung als Fußgänger erschließen. Die Herrenhäuser, die Erinnerungen an den Unabhängigkeits- und den Bürgerkrieg, die Piraten- und die Sklavenzeit bilden ein sehenswertes Panorama. Doch auch mit der Pferdekutsche und der Fahrrad-Rikscha kann der Besucher, wenn ihm das Laufen im warmen Klima zu beschwerlich und Schweiß treibend ist, auf schmalen Straßen an blühenden Gärten vorbei zum Restaurant, zum Museum oder zum Theater schaukeln und fahren.

1670 trafen die ersten englischen Siedler in Charles Town ein, wie es damals nach König Charles II. genannt wurde, und gründeten umgeben von weitem Marsch- und Sumpfland auf dem Westufer des Ashley-River ihre neue Heimat. 1680 bezogen sie den jetzigen Standort auf einer Halbinsel zwischen Ashley- und Cooper-River. Hier begann die Kolonialisierung von South Carolina. Das Versprechen freier Religionsausübung lockte Hugenotten, Protestanten und Juden an, Engländer, Deutsche, Franzosen, Iren, Spanier, Niederländer und Schotten ließen sich nieder.

Sie mussten sich ihre Neue Welt schwer erkämpfen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts schlugen die Siedler erst einen Indianeraufstand nieder und erwehrten sich dann der blutrünstigen und beutegierigen Piraten, die damals die Küste unsicher machten, darunter Blackbeard und Captain Kidd. Von etwa 1750 an bis zum Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges 1861 war die Stadt die Perle des Südens, in dem mit Hilfe der aus Afrika herangeschafften Sklaven vor allem Reis und Baumwolle den Wohlstand brachten. Dass Charleston als Zentrum der Sklaverei jener Tage bezeichnet wird, ärgert die heutigen Bewohner zwar, ist aber wegen des damals blühenden Sklavenhandels nicht von der Hand zu weisen.

Jogging vor eindrucksvoller Architektur: In Charleston sind die historischen Herrenhäuser noch erhalten
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Jogging vor eindrucksvoller Architektur: In Charleston sind die historischen Herrenhäuser noch erhalten

Die ersten Schüsse, die das Ende des Lebensstils der Südstaaten ankündigten, fielen in Charleston. Konföderierte Truppen eroberten am 12. und 13. April 1861 Fort Sumter im Hafen der Stadt. Kurz darauf brach der Krieg aus. Eine vier Jahre lange erfolglose Seeblockade der Stadt durch Truppen des Nordens begann. Doch am 18. Februar 1865 musste auch Charleston schließlich aufgeben und evakuiert werden.

Ohne diesen Hintergrund wäre eine Visite heute nur das halbe Vergnügen. Der Südstaaten-Flair der Stadt lässt die Besucher glauben, sich im Film "Vom Winde verweht" wiederzufinden - zum Beispiel, dass sich an der nächsten Ecke Rhett Butler lässig an die Wand lehnt, einer der berühmten und berüchtigten Blockadebrecher, die den Norden zur Verzweiflung trieben. Oder dass Scarlett O'Hara mit zornig-leidenschaftlich geballten Fäusten aus dem nächsten Haus stürmt. Auch die 1681 errichtete Boone-Hall-Plantation unweit der Stadt könnte ebenso gut die Plantage Tara aus dem Roman sein. Die Zufahrt über eine Eichen-Allee, behängt mit Spanischem Moos, verführt zum Träumen. Tatsächlich spielt der Margaret-Mitchell-Bestseller hauptsächlich in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia.

Die Stadtväter mögen stolz auf den größten Containerhafen an der Südost-Atlantikküste der USA hinweisen und sich als Finanzzentrum und Marinestützpunkt rühmen - deswegen kommen die Touristen nicht. Dass die Historie ihr wahres Kapital ist, haben die Verantwortlichen aber frühzeitig erkannt: Schon 1931 verordneten sie den Bürgern eine Vorschrift zur Erhaltung wertvoller Bauten, die erste in den USA.

Wie auf Tara: Die Auffahrt zur Boone-Hall-Plantation hat den typischen Südstaaten-Flair
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Wie auf Tara: Die Auffahrt zur Boone-Hall-Plantation hat den typischen Südstaaten-Flair

Der italo-amerikanische Komponist Gian-Carlo Menotti fand vor 26 Jahren eine Stadt vor, die ihre Geschichte in die Gegenwart hinüber gerettet hat - ein idealer Ort für die US-Version des italienischen Spoleto-Festivals. In diesem Jahr fand das Kunstfestival, das als als das umfassendste Nordamerikas gilt, schon zum 27. Mal statt. In jedem Frühsommer regieren in Charleston die schönen Künste - Konzert, Schauspiel, Kammer- und Chormusik, Oper und Ballett. In den vielen Kirchen, in alten Theatern und Sälen, aber auch in Zweckbauten der jüngeren Vergangenheit zeigen internationale und lokale Künstler das Bewährte und Gewagte oder überraschen mit Bekanntem in neuem Gewand.

Von Herbert Winkler, gms



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