Johannes Erdmann und seine Frau Cati auf ihrem Boot
Johannes Erdmann und seine Frau Cati auf ihrem Boot
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Johannes Erdmann

Charterskipper auf den Bahamas Wenn beim Segeln das Segel stört

Jahrelang lebte Johannes Erdmann auf Segelbooten – zuletzt bot er zusammen mit seiner Frau Charterreisen rund um die Bahamas an. Ein Traum? Vielleicht. Wenn da nur nicht die Gäste wären.
Ein Interview von Anja Tiedge

SPIEGEL: Herr Erdmann, Sie haben drei Jahre lang jeweils von November bis Mai Chartertouren auf einem Katamaran rund um die Bahamas angeboten. Das klingt wie ein traumhafter Job – war das so?

Johannes Erdmann: Viele denken: Segeln, ein paar Leute mitnehmen und damit Geld verdienen, das ist doch ein Traum. Das stimmt auch – aber es gibt auch eine Kehrseite: Wir waren rund um die Uhr für die Gäste da, ich war gleichzeitig Kapitän, Barmann, Entertainer, Putzmann, Lehrer und Hausmeister. Von den Chartereinnahmen brauchten wir monatlich die Hälfte, um das Boot abzubezahlen, die andere für laufende Kosten und Reparaturen. Ein Gehalt haben wir uns nie gezahlt.

SPIEGEL: Über Ihre Erlebnisse als Segeltour-Anbieter haben Sie ein Buch mit dem Titel »Könnt Ihr mal das Segel aus der Sonne nehmen?« geschrieben. Was hat es damit auf sich?

Erdmann: Ein junges Mädchen, das bei uns zu Gast war, stellte die Frage. Sie hatte sich zum Sonnen aufs Trampolin gelegt – über ihr der blaue Himmel und das schneeweiße Segel, unter ihr türkisfarbenes Wasser. Aber richtig glücklich war sie mit der Situation nicht, denn sie lag im Schatten. Auf ihre Frage, ob ich das Segel nicht irgendwie so drehen könnte, dass sie in der Sonne liegt, antwortete ich: »Klar, aber dann fahren wir in die falsche Richtung.« Es ist manchmal schon witzig, wie sich die Leute das Segeln vorstellen.

SPIEGEL: Welche Frage bekamen Sie von den Gästen am häufigsten zu hören?

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Segler Johannes Erdmann: Leben an Bord

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Erdmann: »Gibt's hier Internet?« war auf jeden Fall unter den Topfragen. Die wurde spätestens nach dem ersten Schiffsrundgang und im Lauf der Reise unzählige Male gestellt, egal ob vom Teenager oder Rentner. Wir hatten eine Tafel an Bord, auf die wir immer das nächste Ziel geschrieben haben. Weil wir die Frage so oft hörten, haben wir irgendwann die Info ergänzt, wie dort der Internetempfang ist. Daraufhin haben wir auf Wunsch der Gäste Zwischenstopps ausgelassen, weil's dort kein Internet gab. Die Leute haben einfach ein unglaublich großes Bedürfnis, Urlaubsfotos mit Familie, Freunden oder auf Instagram zu teilen.

»Für viele Gäste ist es eine Frage der Höflichkeit, dass der Gastgeber einen mittrinkt.«

SPIEGEL: Sie erzählen auch, dass Sie nach Ihrer Rückkehr nach Deutschland 2019 Ihre Leber testen ließen. Gab es da einen Zusammenhang mit Ihrem Job?

Erdmann: Auf unseren Touren gab es Vollverpflegung, weil wir wollten, dass sich unsere Gäste an Bord entspannen. Meine Frau Cati hat das Essen gekocht, und ich war für die Getränke zuständig, auch die alkoholischen. Abends haben wir immer zusammen gegessen und häufig auch etwas getrunken. Für viele Gäste ist es eine Frage der Höflichkeit, dass der Gastgeber einen mittrinkt. Aber wenn du das jeden Abend machst, läufst du langfristig Gefahr, Alkoholiker zu werden. Das Risiko hatte ich anfangs gar nicht auf dem Zettel, es war aber durchaus gegeben. Deshalb auch der Check meiner Leberwerte. Zum Glück waren sie in Ordnung.

SPIEGEL: Sie haben jeden Abend aus Höflichkeit mitgetrunken?

Erdmann: In den ersten Monaten wirklich oft. Schließlich waren wir am Ende eines erfolgreichen Tages genauso euphorisch und in Feierlaune wie unsere Gäste, denn der Job war ja für uns auch noch neu. Doch dann sind wir dazu übergegangen, die Gäste gleich zu Anfang vorzuwarnen, dass wir nicht immer mittrinken – aber je später der Abend wurde, desto weniger Verständnis hatten sie. Die einzige Entschuldigung, die akzeptiert wurde, war: »Ich muss nüchtern bleiben, weil heute Nacht der Wind auffrischt und der Anker brechen kann.«

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert, wenn Gäste zu viel getrunken haben?

Erdmann: Das war ein Balanceakt, schließlich konnten und wollten wir den Gästen nicht verbieten, in ihrem wohlverdienten Urlaub Alkohol zu trinken. Aber wenn sie sich noch vor dem Frühstück das erste Bier aufgemacht haben, habe ich mal was gesagt. Schließlich war ich als Kapitän für die Sicherheit der Gäste verantwortlich, und auch dafür, dass keiner über Bord geht. Und dann gibt es noch die mit der Sauferei verbundenen Ärgernisse: Ein paar Gäste wollten sich nachts neues Bier in die Tiefkühltruhe legen – waren aber leider zu betrunken, um die Truhe wieder zuzumachen. Am nächsten Tag war sämtliches Fleisch für die Reise angetaut.

»Das Boot ist Transportmittel und Unterkunft in einem.«

SPIEGEL: Ihr Katamaran hatte eine Größe von 13 mal 7 Metern, in der Hochsaison nahmen Sie bis zu sechs Gäste mit an Bord, alle zehn Tage neue.

Erdmann: Ja, Ausfälle wegen großer Reparaturen konnten wir uns nicht erlauben, schließlich brauchten wir monatlich 4300 Euro, um das Schiff abzubezahlen. Deshalb musste es ständig in Schuss gehalten und gewartet werden. Leider war es schon in einem Alter, in dem viele Reparaturen anfallen. Meist mit den Toiletten und Tanks. Die sind sehr anfällig, was Urinstein angeht.

SPIEGEL: Oje, was hat das denn für Konsequenzen?

Erdmann: Urinstein bildet sich über die Zeit und verstopft Tank und Schläuche. Die Schläuche kann ich austauschen, aber den Tank musste ich ein- bis zweimal im Jahr reinigen. Dabei habe ich vom Rumpf aus versucht, mit einem Draht die Leitung hochzustochern und die Urinsteinplatte zu zerbröckeln. Wenn die Platte auseinanderbrach, musste ich mich schnell zur Seite ducken, um nicht 40 Liter Fäkalien abzubekommen, die aus der Leitung geschossen kamen. Meistens hab ich das geschafft. Manchmal auch nicht.

SPIEGEL: Haben Sie es in solchen Momenten bereut, ein schwimmendes Hotel zu führen?

Erdmann: Nein, darauf war ich vorbereitet. Das hatte ich schon bei meiner ersten Atlantiküberquerung gelernt: Das Boot ist Transportmittel und Unterkunft in einem – in unserem Fall obendrein Einnahmequelle. Wenn du willst, dass es intakt bleibt und weiter Geld abwirft, musst du auch unangenehme Aufgaben erledigen. In dem Moment, in dem ich etwas reparieren oder warten muss, denke ich gar nicht groß darüber nach. Ich mach's einfach.

SPIEGEL: Sind Sie gegenüber Gästen mal richtig ausgerastet?

Erdmann: Nein, wir haben es immer geschafft, freundlich und ruhig zu bleiben. Das war zum Teil schon ein blödes Gefühl, sich so zu verkaufen. Andererseits ließen wir die Gäste in unser Wohnzimmer und verbrachten mit ihnen zehn Tage auf engem Raum. Außerdem waren sie zahlende Gäste – und wir ihre Dienstleister. Da bringt es nichts, wütend zu werden oder die Leute anzuschreien.

»Nach ein paar Monaten habe ich das einfache Leben vermisst.«

SPIEGEL: 2019 sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt. Wie war es, das Boot auf den Bahamas gegen ein Haus in einem Hamburger Vorort einzutauschen?

Erdmann: Meine Frau war schwanger und uns war klar, dass wir neben der Charterei kein Kind großziehen können. Dafür ist der Job zu zeitaufwendig und anstrengend. Außerdem wurde mir in Hamburg eine feste Redakteursstelle angeboten. Zugegeben fand ich die Aussicht auf einen Job mit geregeltem Feierabend ziemlich verlockend. Zuerst sind wir im Hamburger Hafen vor Anker gegangen und haben weiter auf dem Katamaran gewohnt. Aber mit Baby auf dem Boot zu überwintern, war mühsam, weshalb wir in ein altes Haus gezogen sind, das wir jetzt nach und nach ausbauen.

SPIEGEL: Nach fünf Jahren auf einem Segelschiff – vermissen Sie das Leben auf dem Boot?

Erdmann: Zunächst haben wir den Luxus genossen, schier unendlich viel Wasser und Strom zur Verfügung zu haben. Ich konnte hier im Gegensatz zu den Bahamas auch besser schlafen, weil ich nachts nicht mehr auf Geräusche geachtet habe, ob ein Sturm aufkommt oder der Anker rutscht. Nach ein paar Monaten habe ich das einfache Leben aber auch vermisst. Morgens aufzuwachen und zu hören, wie das Wasser an den Bug klatscht. Sonnenaufgänge. Besondere Orte und Begegnungen. Manchmal stellen wir uns schon die Frage: Ist das jetzt alles? Kommt da noch was?

SPIEGEL: Wie wär's mit einer Weltumsegelung?

Erdmann: Das steht auf jeden Fall noch auf meiner Wunschliste. Mit festem Job, einem Kind und einem zweiten auf dem Weg ist das zurzeit aber schwierig. Außerdem hat meine Frau Multiple Sklerose, und wir müssen regelmäßig an ihre Medikamente kommen. Je weiter wir von Deutschland entfernt waren, desto schwieriger wurde das. Aber wir hoffen, dass wir trotzdem vielleicht irgendwann zu viert den Pazifik erobern können.