Chile Robinsons wahre Heimat

Robinson Crusoe hatte es auf seiner tropischen Karibikinsel vergleichsweise gut: Der schottische Seemann, dessen Schicksal dem Schriftsteller Daniel Defoe als Romanvorlage diente, musste auf einem unwirtlichen, sturmgebeutelten Eiland vor der chilenischen Küste auf Rettung warten.

San Juan Bautista - Gut zweieinhalb Stunden nach dem Start in Santiago de Chile ist das Ziel in Sichtweite: "Hier sind wir", schreit Pilot Pablo durch den Motorenlärm. In der Weite des Südpazifiks taucht ein fahlbraunes Eiland auf. Minuten später setzt das zweimotorige Flugzeug auf der Piste auf, einer 500 Meter langen felsigen Fläche auf einem Bergrücken. Nach der Landung auf der Insel Robinson Crusoe klettern vier Passagiere aus der kleinen Maschine.

Der Name der Insel kommt nicht von ungefähr. Hier ging 1704 der schottische Seemann Alexander Selkirk nach einem Zerwürfnis mit seinem Kapitän an Land. Er sei auf dem menschenleeren Eiland zur Strafe ausgesetzt worden, lautet eine andere Version. Erst viereinhalb Jahre später rettete ihn ein englisches Schiff.

Das Schicksal Selkirks diente dem Schriftsteller Daniel Defoe (1660 bis 1731) später als Vorlage für seinen Roman "Robinson Crusoe". Der verlegte allerdings den Schauplatz in die tropische Karibik und erfand noch die Figur des Einheimischen Freitag. Die chilenische Regierung erkannte die Werbewirksamkeit des Namens und gab der Insel den Namen des Romanhelden. Vorher hieß sie Mas a tierra ("Näher zum Festland"), das immerhin 670 Kilometer entfernt ist. Mit dem unbewohnten Eiland Alejandro Selkirk, das früher Mas afuera ("Weiter weg") genannt wurde, bildet sie die Inselgruppe Juan Fernandez.

Touristen sind rar auf der 93 Quadratkilometer großen Insel, deren Wetter nicht zu den Vorzügen gehört. Die knapp 600 Bewohner leben vom Langustenfang. "Besucher sind jederzeit in den Booten zum Mitfahren willkommen", lädt der Fischer César ein. Er hatte mit seinem acht Meter langen Kutter schon den Transport der paar Gäste von der Bucht unterhalb der Flugpiste zur einzigen Ortschaft San Juan Bautista besorgt - eine etwa zweistündige Berg- und Talfahrt durch meterhohe Wellen. "Dieser Seegang ist normal", beruhigte er die Fremden.

Die Sommermonate der südlichen Halbinsel gelten als beste Reisezeit für die Robinson-Insel. Hin- und Rückflug in kleinen Maschinen von Santiago de Chile aus kosten etwa 550 Euro, die Übernachtung mit Vollpension im Hotel "El Pangal" schlägt mit 140 Euro pro Person zu Buche. In den wenigen einfachen Gästehäusern kommen Reisende billiger unter. Kontakt zu den Einheimischen stellt sich in den Kneipen beim Bier ein. Organisiertes Freizeitvergnügen gibt es dagegen nicht, jedoch insulare Einsamkeit und einzigartige Natur. Nahezu drei Viertel der hier wachsenden 140 Pflanzenarten kommen nur auf diesem Eiland vor, das die Weltkulturorganisation Unesco 1977 zum Biosphärenreservat erklärte.

Die ferne Insel im Pazifik spielte auch in der deutschen Marinegeschichte einmal eine Rolle. Während des Ersten Weltkrieges hatte sich der Kreuzer "SMS Dresden" in die Cumberland-Bucht vor San Juan Bautista geflüchtet, um britischen Kriegsschiffen zu entgehen. Die entdeckten jedoch den Feind und nahmen ihn unter Beschuss - bis der Kapitän die Selbstversenkung befahl. Bei sehr gutem Wetter kann man das Wrack in 60 Meter Tiefe im klaren Wasser erkennen. Auf dem Dorffriedhof erinnert ein Grab an die drei Toten jenes 14. März 1915.

Die Maschinen zum Festland verkehren, wie es die Wetterverhältnisse erlauben - gelegentlich auch ein paar Tage lang nicht. Auf dem Rückflug mischt sich in jeder Maschine ein merkwürdiges Dauergeräusch in den Fluglärm: Das Schaben der Panzer von 300 Langusten, die in Jutesäcken verstaut hinter den Sitzen liegen und von Feinschmeckern in Santiago schon erwartet werden.

Von Horst Heinz Grimm, gms