Chili-Hochburg Diamante Viagra des armen Mannes

Von wegen Dolce Vita: Ganz Kalabrien hegt eine brennende Leidenschaft für Chili. Im Örtchen Diamante beginnt am Mittwoch zu Ehren der scharfen Schote das Peperoncino-Festival - Höhepunkt des Programms ist einer der fiesesten Esswettbewerbe der Welt.

Dominik Fehrmann

Von Dominik Fehrmann


Die Sonne steht knapp über dem Tyrrhenischen Meer und taucht die Uferpromenade von Diamante schon am Spätnachmittag in mildes Abendrot. Mit jedem Sonnenuntergang verglüht nun, Anfang September, der kalabrische Sommer, verwelkt die Erinnerung an eine schweißtreibende Hitze. Am Ende der Promenade allerdings, im Caffè Ninì, gibt es noch einen Nachgeschmack. Hier löffeln die Gäste Gefrorenes, das so manchem den Schweiß wieder auf die Stirn treibt: Tartufo Afrodisia, eine Komposition aus Orangen- und Aprikoseneis - gespickt mit scharfen Chilistückchen.

Ob Eis, Gebäck, Marmelade, Pasta oder Grappa: Es gibt kaum etwas, das im kalabrischen Küstenort Diamante nicht mit Chili aufgepeppt wird. Peperoncini, wie die Chilischoten in Italien heißen, sind hier allgegenwärtig. Nicht nur im Essen, sondern auch im Stadtbild. Wie struppige Medusenzöpfe hängen die Stränge aufgefädelter Schoten zum Trocknen im ganzen Ort, an den Wänden der Häuser, auf den Balkonen oder an Wäscheleinen quer über den engen Gassen. Es wirkt wie ein Brauch zur Abwehr böser Geister, dabei ist es umgekehrt: Mit den Peperoncini holen sich die Leute hier den Teufel geradewegs ins Haus.

Diavolilli, "Teufelchen", nennen die Kalabresen ihre Peperoncini liebevoll. Im sonnenverwöhnten Kalabrien gedeihen sie besonders gut. Und so stecken die Teufelchen in vielen traditionellen Spezialitäten, in der 'Nduja zum Beispiel, einer streichbaren Salami mit hohem Peperoncino-Anteil. Oder in der Rosamarina, einer Paste aus getrockneten jungen Sardellen, Olivenöl und jeder Menge Peperoncini. Scharfes Zeug - im doppelten Sinn. Denn seit jeher gelten Peperoncini in Kalabrien auch als Aphrodisiakum. In Diamante wird Peperoncino-Pulver gar abgepackt als "Viagra des armen Mannes" verkauft.

Scharfe Erotikstreifen und Peperoncino-Lotterie

"Peperoncino ist ein Grundelement der kalabrischen Küche", sagt Enzo Monaco. "Und wesentlicher Bestandteil der kalabrischen Kultur." Monaco, von Haus aus Gastro-Journalist, ist Italiens Chili-Koryphäe. Und er war es, der seinen Heimatort Diamante zu Italiens Chili-Hauptstadt gemacht hat. Dabei frönt Monaco, ein graumelierter Herr mit Hornbrille, seiner Leidenschaft für Peperoncini auffallend nüchtern - mit kühlem Kopf und eher akademischem Eifer.

Denn Enzo Monaco ist auch Gründer und Präsident der Accademia Italiana del Peperoncino, der italienischen Chili-Akademie. Die hat ihren Sitz in Diamante und zum Ziel laut Statut die "Förderung und Verbreitung der Peperoncino-Kultur". Beitreten kann jeder, gegen einen Obolus, woraufhin man der Akademie - je nach Dauer der Mitgliedschaft - im Rang eines Maestro, Cavaliere oder gar Commendatore del Peperoncino angehört. Den akademischen Lehrbetrieb leitet Monaco mittels einer Zeitschrift. Sie informiert die Mitglieder regelmäßig über das Neueste aus der Peperoncino-Welt, mit allerlei Berichten und Rezepten.

5000 Mitglieder zählt die Akademie inzwischen, weltweit. Darunter viele kalabrische Auswanderer. "Peperoncini sind für Kalabresen auch ein verbindendes Symbol", sagt Monaco. "Egal, ob sie in Deutschland oder den USA leben - wenig wird sie mehr an ihre Heimat erinnern als der Anblick und Geschmack von Peperoncino."

Doch Monaco huldigt dem Nachtschattengewächs nicht nur mit einer Akademie, sondern auch mit einer jährlichen Veranstaltung: dem Peperoncino-Festival. So wird auch dieses Jahr in der zweiten Septemberwoche wieder der Teufel los sein in Diamante. Fünf Tage lang werden sich Zehntausende Besucher auf der Uferpromenade drängen, an unzähligen Ständen mit kulinarischen und kunsthandwerklichen Peperoncino-Produkten.

Abgesandte anderer Chili-Hochburgen werden ebenfalls erwartet, aus Mexiko, Spanien oder Ungarn, mit ihren typischen Speisen. Mindestens 500 der weltweit über 2000 Chiliarten will man präsentieren. Dazu gibt es ein üppiges Rahmenprogramm, unter anderem das "Piccante Film Festival" mit scharfen Erotikstreifen sowie eine Peperoncino-Lotterie.

Landesmeisterschaft im Chilischotenessen

Höhepunkt des Festivals aber wird auch diesmal der Campionato italiano mangiatori di peperoncino sein, die Landesmeisterschaft im Chilischotenessen. Angefeuert von einer begeisterten Menge werden sie wieder an einem langen Tisch sitzen, etliche Männer und Frauen mit feuerfesten Gaumen, in der Hand einen Plastiklöffel und vor sich einen Plastikteller mit 50 Gramm gehackten kalabrischen Chilischoten.

Wie stets werden bald nach dem Startsignal Augen tränen, Münder sich röten, ganze Köpfe, aber immer wieder auch Hände gehoben werden, tapfer, als Zeichen für Nachschub, für eine weitere Portion des Teufelszeugs, das den Schnaufenden und Röchelnden Teller um Teller gereicht wird, eine halbe Stunde lang, bis die Höllenqual ein Ende hat und der Wettbewerb einen Sieger, ermittelt anhand der vertilgten Gesamtmenge. Der Allzeitrekord liegt bei 820 Gramm.

Für alle Fälle steht dabei immer ein Arzt bereit. Doch die Gesundheit der Teilnehmer sei nicht in Gefahr, sagt Enzo Monaco. "Keiner hat hier je über Beschwerden geklagt." Erwiesen sei ja im Gegenteil der gesundheitliche Nutzen der Peperoncini. So habe der durch die Schärfe hervorgerufene Schweiß eine kühlende Wirkung. Sogar gegen bestimmte Arten von Krebs seien die Schoten hilfreich.

Und was ist mit der aphrodisierenden Wirkung? Stärken Peperoncini tatsächlich die Manneskraft? Enzo Monaco runzelt die Stirn. Er habe da, sagt Monaco, eine andere Theorie. "Es braucht eine gewisse körperliche Robustheit, um große Mengen Peperoncini zu essen." Manneskraft sei insofern eher Voraussetzung eines hohen Peperoncino-Konsums als dessen Folge.

Denen, die derweil im Caffè Ninì, an der Uferpromenade, ihr Tartufo Afrodisia löffeln, dürfte es egal sein. Einen Lustgewinn bedeuten die scharfen Stückchen im Eis allemal.


Das Peperoncino-Festival findet vom 8. bis 12. September 2010 statt.

insgesamt 8 Beiträge
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fucus-wakame 06.09.2010
1. Welche Sorte
Eines verschweigt der - insgesamt gute - Bericht: Welche Chili-Sorten werden dort hauptsächlich angebaut? Der Kenner weiß: es gibt viele verschiedene Sorten, die sich im Schärfegrad und im Aroma deutlich unterscheiden.
Peter Sonntag 06.09.2010
2. Pfeffer und Salz
Unter "Würzen" verstand man früher mit Pfeffer und Salz anreichern. Und so mancher Fernsehkoch kann es nicht lassen, jedes Gericht mit Pfeffer und Salz zu "würzen". Dabei verfügen wir doch über eine Vielzahl von Gewürzen, welche uns die reine Nahrungsaufnahme zum Erlebnis machen können. Chili gehört dazu (was nicht heißen soll, dass man es löffelweise jedem Gericht zumuten muss ....).
Perelly, 06.09.2010
3. Scoville
Richtig scharf ist es, wenns zweimal brennt... Und den Capsaicin-Gehalt würde ich auch gerne mal erfahren. Bzw. die Scoville.
migo1954, 06.09.2010
4. Schwacher Bericht
Für alle Chiliheads: http://www.pepperworld.com/cms/reisen2/calabria.php Scharfe Grüße
simpelkopp, 06.09.2010
5. Chili-Viagra
Zitat von sysopVon wegen Dolce Vita: Ganz Kalabrien hegt eine brennende Leidenschaft für Chili. Im Örtchen Diamante beginnt am Mittwoch zu Ehren der scharfen Schote das Peperoncino-Festival - Höhepunkt des Programms ist einer der fiesesten Esswettbewerbe der Welt. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,709851,00.html
Und kein Wort ueber die Magengeschwuere, die gehaeuft bei sich regelmaessig brennende Chili zufuehrenden Konsumenten auftreten. simpelkopp
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