China Kleine Snacks und Größenwahn

Bei Fastfood denken Feinschmecker gewöhnlich an fette Fritten und triefende Cheeseburger - und wenden sich mit Grauen ab. Dabei gibt's Ausnahmen. Eine besonders wohlschmeckende kommt aus China und heißt Dim Sum.


Xian - Nach der Legende entstand Dim Sum vor einem Jahrtausend in der alten Kaiserstadt Xian. Dort war der Koch des Herrschers am Verzweifeln, weil er jeden Tag etwas Neues auftischen sollte, wo der Kaiser doch schon alles kannte.

Das einzige, was bislang nicht Eingang auf den kaiserlichen Speiseplan gefunden hatte, war die Küche der kleinen Leute. Und so setzte der Koch in seiner Not seinem Herrn Röllchen, Täschchen und Klößchen vor, aus Hefe-, Reis- und Weizenteig, gedünstet, gebacken, frittiert - und gefüllt mit allem, was die Speisekammer hergab: Taschenkrebse, Jakobsmuscheln, Hühnerfüße, Froschschenkel, Haifischflossen, Entenleber, Wachteleier.

Rund 8000 Soldaten als Grabwache: Die 1974 wiederentdeckte Terrakotta-Armee bei Xian ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Chinas
Foto: GMS

Rund 8000 Soldaten als Grabwache: Die 1974 wiederentdeckte Terrakotta-Armee bei Xian ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Chinas

Der Koch hatte Glück: Seine Majestät aß die Häppchen mit zunehmender Begeisterung und Geschwindigkeit. Der Kaiser ordnete an, ihm die Häppchen immer dann aufzutischen, wenn er Appetit auf eine Kleinigkeit habe - das Fastfood war geboren. Und weil er beim Genuss eine "herzliche Empfindung" - auf Chinesisch "Dim Sum" - verspürt hatte, wurden die Snacks kurzerhand entsprechend benannt.

Noch heute beherrschen die Dim-Sum-Garküchen die Straßen Xians. Fast an jeder Straßenecke der Sechs-Millionen-Metropole werden die mundgerechten Leckereien gebrutzelt, gebacken, geschmort oder in gestapelten runden Bambuskörben gedämpft. Englisch sprechende Köche wird man allerdings kaum finden. Wer Hunger hat, deutet einfach auf seine Wunschspeise und gibt mit den Fingern die Menge an. Gegessen werden die Baozi-Bällchen und Jiaozi-Teigtaschen mit Stäbchen und scharfer Sauce, vor allem zum Frühstück.

Die größte Dim-Sum-Auswahl gibt es im Moslemischen Viertel rund um die Große Moschee aus dem achten Jahrhundert, die ganz ohne Kuppeln und Minarette auskommt und mit ihren Pagoden und Gärten eher aussieht wie ein buddhistischer Tempel. Einzig arabische Kalligrafien, eine Karte von Mekka und verschleierte Chinesinnen machen dem Fremden bewusst, in einem islamischen Gotteshaus zu sein. Die Moschee ist das geistige Zentrum der moslemischen Hui-Minderheit, die seit Jahrhunderten in und um Xian wohnt.

Das Moslem-Quartier liegt innerhalb der vollständig erhaltenen Stadtmauer und zählt zu den schönsten Vierteln Xians. In den engen Gassen werden Fladenbrote gebacken, Hühner gerupft und Fahrräder repariert. Einheimische hocken am Rinnstein, einer putzt sich die Zähne, ein paar Meter weiter schrubbt eine Frau im Mao-Anzug Wäsche in einer Schüssel. Dazwischen liegen Dim-Sum-Stände und noch mehr Souvenir- und Antiquitätenhändler. Von Mao-Büsten aus Porzellan über Aufzieh-Blechhühner und Zigarettenmundstücke aus Onyx bis hin zu bunten Thermoskannen ist hier die ganze Herrlichkeit des Kitsches "Made in China" versammelt. Selbst deutschsprachige "Mao-Bibeln" sind erhältlich.

Beliebtestes Mitbringsel sind aber Heerscharen von Terrakotta-Kriegern, die in allen erdenklichen Größen angeboten werden: fingergroß, flaschengroß, mannsgroß. Eine Mini-Armee, bestehend aus vier Kriegern und einem Pferd, ist mit Geschick und Hartnäckigkeit für umgerechnet zwei, drei Mark zu haben. Statt der einheimischen Währung Yuan nehmen die Händler überall viel lieber US-Dollar.

Chinas Geschichte auf der Spur: Das Stelenmuseum von Xian ist in einem historischen Tempel untergebracht
Foto: GMS

Chinas Geschichte auf der Spur: Das Stelenmuseum von Xian ist in einem historischen Tempel untergebracht

Die Original-Krieger stehen 30 Kilometer vor den Toren der Stadt in einem modernen Museum. Die weltberühmte Terrakotta-Armee gehört mit mehr als einer Million Besuchern jährlich neben der Großen Mauer und Pekings Verbotener Stadt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Chinas.

Kaiser Qin Shi Huangdi, dem man einen gewissen Größenwahn nicht absprechen kann, ließ hier noch zu seinen Lebzeiten vor rund 2200 Jahren 8000 lebensgroße Ton-Krieger samt 35 Pferdewagen als seine Grabwache aufstellen. 1974 wurden sie, ziemlich angeschlagen, von Bauern beim Pflügen entdeckt. Rund 1800 Soldaten sind inzwischen ausgegraben und restauriert worden. Keiner gleicht dabei dem anderen - alle weisen Unterschiede in Gesichtszügen oder Körperbau auf. Foto- und Videoaufnahmen sind im Museum offiziell verboten, tatsächlich hält sich aber niemand daran: Sobald die uniformierten Aufpasser wegsehen, bricht das Blitzlichtgewitter los.

Ein Muss in Xian ist das Shaanxi-Provinzmuseum, untergebracht in einem Konfuzius-Tempel. Die Ausstellung widmet sich unter anderem der Seidenstraße, die in Xian beginnt. Am interessantesten ist der so genannte Stelenwald: Er besteht aus mehr als 2300 uralten Steinplatten, die mit historischen Schriftzeichen verziert sind. Ein paar Künstler beherrschen die alte Kalligrafie-Kunst noch - man kann ihnen in dem Museum bei der Arbeit über die Schulter gucken.

Gelebte Religiösität: Ein Chinese entzündet eine Opferkerze im Wildganstempel im Süden von Xian
Foto: GMS

Gelebte Religiösität: Ein Chinese entzündet eine Opferkerze im Wildganstempel im Süden von Xian

Nicht verpassen sollten Xian-Besucher auch die Große Wildgans-Pagode aus der Tang-Dynastie im Süden der Stadt. Die wenigen buddhistischen Mönche gehen in den Besucher-Massen fast unter. Die 64 Meter hohe Pagode kann bestiegen werden, von oben bietet sich ein schöner Blick auf die Skyline von Xian und auf den buchstäblich atemberaubenden Verkehr: Eine Armee von Fahrradfahrern kämpft sich zwischen stinkenden Bussen, knatternden Motorrollern, hupenden VW Santanas und rasenden Audi-Limousinen hindurch. Beide Autotypen werden in China zusammengeschraubt, wobei die Marke Volkswagen ihren politisch korrekten Namen behalten durfte. Audi, beliebtes Gefährt der obersten Parteikader, kurvt dagegen unter dem Namen "Rote Fahne" durch das Reich der Mitte.

Gregor Garbassen, gms




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