Chinas Erdbebenregion Buddha auf dem Schuttberg

Tourismus in Trümmern: Das Erdbeben in China hat zahlreiche Sehenswürdigkeiten beschädigt und den Zugang zu wichtigen Kulturstätten zerstört. Für viele Menschen ist das Ausbleiben der Gäste die zweite Katastrophe.


Dujiangyan - "Top-Touristenstadt in China" steht auf einer Plastik in Dujiangyan in der chinesischen Provinz Sichuan. Die herumliegenden Trümmer und herabgestürzten Dachziegel, die an das schwere Erdbeben Mitte Mai erinnern, sprechen derzeit allerdings eine andere Sprache. Ebenso das Schild mit der Warnung, zwischen den Trümmern stets auf den Kopf achtzugeben. Sichuan ist schwer gezeichnet durch das Beben, die Touristenströme, die normalerweise von den Baudenkmälern und Pandas angelockt werden, sind deutlich abgeebbt. Für viele in der Region bedeutet das Ausbleiben der Besucher eine weitere Katastrophe.

Das Ehepaar He ist verzweifelt. Seit dem Beben haben He Quyun und ihre Mann keine Arbeit mehr. Beide arbeiteten für das "Yun He Lou"-Hotel, die 66-Jährige als Pförtnerin, ihr Mann als Koch. "Unsere ganze Familie lebte von unserem Einkommen", klagt Frau He. Doch nun liegt ein Teil des Gebäudes in Trümmern, der Eingang ist mit Klebeband versiegelt. Wann das Hotel den Betrieb wieder aufnehmen kann, weiß niemand. Aber wer will überhaupt noch nach Dujiangyan kommen, wenn selbst das weltweit älteste erhaltene Bewässerungssystem, Weltkulturerbe der Unesco, geschlossen ist?

"Es gibt einfach nichts mehr zu sehen", sagt Sim Kwan Wah. Der 44-Jährige aus Singapur betreibt mit seiner Frau in Sichuans Hauptstadt Chengdu eine Herberge mit dem schönen Namen "Sims gemütliches Garten-Hostel". In Sims Unterkunft geht es derzeit gemütlicher zu, als ihm lieb sein kann: Von den durchschnittlich 160 Gäste pro Tag vor dem Beben ist ihm nicht einmal ein Drittel geblieben. Und selbst diese denken an ihre Abreise. Zu ihnen zählt Gerald Cochois - der französische Tourist und seine Tochter wollen die Erdbebenregion so rasch wie möglich verlassen: "Was sollen wir noch hier, die Gegenden, die wir uns anschauen wollten, sind allesamt nicht mehr zugänglich", sagt der 60-Jährige.

Schäden in Milliardenhöhe

Mit seinem Restaurant nimmt Sim nur noch ein Zehntel seines altem Umsatzes ein. 40 Prozent seiner Mitarbeiter schickte er bereits in unbezahlten Urlaub. "Und es wird immer schlimmer", sagt der Unternehmer. Für Sim ist das Erbeben der Höhepunkt einer Reihe von Tiefschlägen. Wegen des ungewöhnlich kalten Winters waren seine Heizkosten enorm gestiegen, dann litt sein Geschäft unter den niedergeschlagenen Protesten im benachbarten Tibet.

Ein Mitarbeiter des Fremdenverkehrsamts von Sichuan schätzt die Schäden an den Sehenswürdigkeiten der Provinz auf umgerechnet 46 Milliarden Euro. Wie hoch die Verluste für die Tourismusbranche insgesamt ausfallen werden, mag sich derzeit niemand vorstellen. Viele der Hauptattraktionen von Sichuan befanden sich im Herzen des Bebens. Sie bleiben bis auf Weiteres geschlossen, sagt Behördenvertreter Miao Yuyan. Dazu zählt auch das Panda-Aufzuchtzentrum in Woolong. Die Anlage ist nur etwa 30 Kilometer vom Epizentrum entfernt. Sie wurde schwer beschädigt, wegen Futtermangels musste zudem ein Teil der rund 50 Bären umziehen.

"Niemand will in das Erdbebengebiet kommen", klagt auch Pepe Gazquez von Peptours, einem Reiseunternehmen in Chengdu. "Wir werden viele Kunden verlieren, ganz klar." Um den Schaden zu begrenzen, arbeitet Gazquez an neuen Touren, die die stark zerstörten Gegenden erschließen. Nicht nur Unternehmer wie er, davon ist er überzeugt, können auf die Urlauber aus dem Ausland nicht verzichten: "Tourismus ist sehr wichtig für Sichuan - gerade jetzt, wo es um den Wiederaufbau geht."

Ian Timberlake, AFP



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