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Bildband "Chinese Fun": Miese Laune im Vergnügungspark

Foto: Stefano Cerio / Hatje Cantz

Fotos von Freizeitparks Tristesse brachial

Menschenleere Achterbahnen, verwaiste Karussells: Auf den Fotos von Stefano Cerio wirken chinesische Vergnügungsparks wie Horrorfilm-Kulissen. "Ich hasse den Gedanken, mich amüsieren zu müssen", sagt der Fotograf.

Die Achterbahn windet und schraubt und dreht sich quer über das Foto, erst in Richtung Himmel, dann in eine Kurve steil nach unten, dann zurück in die Höhe. Drumherum stehen noch zwei Karussells, eine Miniatureisenbahn und ein Trampolin. Ein Ort, dafür entworfen, Besucher in kreischend gute Laune zu versetzen.

Doch die Stimmung des Bildes ist komplett anders. Der Himmel matt, im Hintergrund ein trister Wald aus Wohnhochburgen und Bürokomplexen, die Lackierungen der Fahrgeschäfte irgendetwas zwischen Aschblau und Schmutzgelb.

Das ist "Chinese Fun". Ein Vergnügungspark à la Volksrepublik. Über 30 dieser Freizeitareale hat der italienische Fotograf Stefano Cerio in seiner zynisch betitelten Serie für einen Bildband porträtiert. Die Namen von Parks, die "Happy Valley" oder "Amazing World" heißen, führt er damit ad absurdum.

Das ganze Buch ist in dumpfen Pastellfarben gehalten. "Das liegt an der starken Luftverschmutzung", sagt Cerio, grelle Töne haben da keine Chance. Insgesamt drei Monate lang war er unterwegs, zwei Winter lang. Um eine maximal morbide Wirkung zu erzielen, zog er oft früh morgens los, teils bei minus zehn Grad, mitunter abends, wenn die Anlagen schon geschlossen waren. Oder er wartete auf einen Regentag, wenn keine Besucher da waren.

Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich

Orte, an denen Menschen ihren Urlaub oder ihre Freizeit verbringen, haben es ihm angetan: Das Leitmotiv zieht sich durch seine Fotoserien. In "Cruise Ship"  zeigte er die verwinkelte und pompös glitzernde Amüsierarchitektur von Kreuzfahrtschiffen; für "Winter Aquapark"  lichtete er Spaßbäder in der Nebensaison ab, mit leeren Pools und schneebedeckten Megarutschen; und auf den Bildern von "Night Ski"  sieht man in seinem Blitzlicht nur noch die Spuren der Skier im Schnee, leere Gondelstationen und im nächtlichen Nirwana hängende Sessellifte.

Alle Aufnahmen sind menschenleer. "Meine Bilder sind Porträts derer, die nicht da sind", sagt Cerio. Ohne Skifahrer, Kreuzfahrtgäste, Schwimmer oder Vergnügungsparkbesucher sind die Orte ihres Zweckes beraubt: Schließlich sind sie doch explizit fürs Freizeitvergnügen gebaut. Nach Ferienspaß sehen die Motive nicht aus. Schon eher unheimlich. Das Glück ist auf Cerios Bildern immer das, was gerade nicht da ist.

Warum zogen ihn gerade die Amüsierparks in China so in ihren Bann? "Der Kontrast zwischen voll und leer ist wohl nirgendwo so groß wie dort", sagt Cerio. Es wirkt fast wie ein Wunder, dass auf den Aufnahmen aus Peking, Qingdao, Shanghai, Guangzhou mit ihren Millionen Einwohnern niemand zu sehen ist.

"Auch sind Vergnügungsparks in China wichtiger als in Europa", sagt Cerio. "Zehn große stehen allein in Shenzhen - und einige Menschen erzählten mir, dass sie extra wegen der Parks dorthin gezogen sind." Doch woher kommt diese Popularität? Geht es um ein Kontrastprogramm zur strikten Arbeitsethik? "Das ist ein Klischee", ist Cerio überzeugt. "Ich bin drei Monate lang durch China gereist. Sonderlich gestresst wirkte keiner. In Peking gehen die Leute jeden Abend aus, und zwar alle, nicht nur die Reichen."

Eingangstor zur Spaßhölle

Besonders die überkandidelten Parkzugänge haben es ihm angetan. An einem der Eingänge begrüßt ein keusch küssendes Riesenpärchen in Chinarot die Besucher, bei einem anderen fällt der Blick zuerst auf drei griechische Grazien, die eine Weltkugel mit chinesischem Schriftband stemmen, wieder woanders steht gar ein kleiner Eiffelturm. "Chinesen lieben Kitsch. Und am Eingang zeigen sie das Beste, was sie haben", sagt Cerio. "Der Eintritt ist schließlich teuer - jeder soll sofort sehen, dass sich die 40 Euro lohnen."

Abgesehen von bizarren Details wie einer überdimensionierten Obstschale oder einer weißen Konzertflügelattrappe, die für Hochzeitsaufnahmen parat steht, sind die Motive vor allem eins: vertraut. Denn die Fotos von Stefano Cerio sind auch ein Beleg für eine globalisierte Vergnügungskultur: Die Zahl der in China hergestellten Attraktionen auf Europas Jahrmärkten wächst - und zugleich ist Asien mittlerweile einer der wichtigsten Märkte für europäische Hersteller von Vergnügungsanlagen.

Derzeit arbeitet Cerio an einer Serie über Trampelpfade im Gebirge, danach wird er sich die nächsten Vergnügungstempel suchen: "Mich ziehen Orte an, die ich schrecklich finde", sagt der Fotograf. "Ich hasse den Gedanken, mich amüsieren zu müssen."

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Foto: Hatje Cantz

Stefano Cerio:
Chinese Fun

Hatje Cantz; Englisch; 128 Seiten; gebunden; 35,00 Euro.

Buch bei Amazon: Stefano Cerio "Chinese Fun"