Chinesisch für Anfänger Warum gehen nachts nur Männer zur Friseurin?

Die Chinesen müssten das bestfrisierte Volk der Welt sein: Überall in den Städten locken schummerige Haarsalons mit attraktiven Friseurinnen. Die Kundschaft ist freilich rein männlich. SPIEGEL ONLINE erklärt, was Haarschnitt mit Prostitution zu tun hat.
Von Françoise Hauser

Rote Plüschsessel, gedämpftes Licht und dicke Vorhänge: Chinas Friseursalons sind eine kuschelige Angelegenheit. Eine Friseurin in Aktion sieht man hier jedoch selten. Meist lungern die Angestellten, allesamt jung, weiblich und knapp bekleidet, lasziv auf den Stühlen herum. Auch die Öffnungszeiten sind auffallend verbraucherfreundlich: Bis in die frühen Morgenstunden steht das Personal zur Verfügung.

Kundenfang in Peking: "Haarschnitt" oder "Massage" als Euphemismus für Prostitution

Kundenfang in Peking: "Haarschnitt" oder "Massage" als Euphemismus für Prostitution

Foto: AFP

Wer in den mitternächtlichen Etablissements allen Ernstes Waschen-Schneiden-Föhnen verlangt, dürfte allerdings Gelächter ernten. Hinter dem Euphemismus "Haarschnitt" oder "Massage" verbirgt sich oft die gewöhnliche Prostitution, die theoretisch illegal ist und daher nicht als solche bezeichnet werden darf.

Egal ob in Badehäusern, Schönheitssalons oder Haarstudios: Das horizontale Gewerbe ist in China wieder allgegenwärtig. Zwischen drei und vier Millionen Prostituierte soll es laut dem chinesischen Büro für Öffentliche Sicherheit geben. Andere Quellen sind da schon großzügiger und sprechen von bis zu 20 Millionen.

Egal, welche Zahlen nun stimmen, beeindruckend hoch sind sie in jedem Fall, bedenkt man, dass in China noch vor rund 30 Jahren Prostitution fast vollkommen verschwunden war. Nach dem Sieg der Kommunisten 1949 wurden sämtliche Bordelle im Reich der Mitte aufgelöst.

Klinkenputzen im Hotel

Erst mit der Öffnungspolitik Ende der Siebziger tauchten die ersten diskreten Huren wieder auf: Am Tresen der Hotelbar, unauffällig und nur an den gewagten Kleidern und heimlichen Blicken zu erkennen. Von Diskretion ist heute wenig zu spüren: Alleinreisende Geschäftsmänner können ein Lied davon singen, wie oft in der Nacht das Zimmertelefon klingelt.

Säuselnde weibliche Stimmen versprechen ein wenig Gesellschaft, aber auch eindeutigere Angebote kommen zur Sprache. Vielleicht eine kleine Massage zur Entspannung? Vielleicht auch zu dritt? Im Marketing besonders aktive Ding-Dong-Fräuleins (so der chinesische Ausdruck in Anlehnung an das Geräusch einer Türglocke) klingeln gleich direkt an der Zimmertür und können so physische Argumente sprechen lassen.

Etwas weniger auffällig geht es in den Karaoke-Salons zu - ebenfalls ein klassischer Hort der Prostitution. Im Entertainment-Gewerbe sind die Übergänge fließend: Eigentlich singen die Hostessen mit den Gästen und animieren sie zum Trinken, der besinnliche Sangesabend muss dabei nicht immer auf der Matratze des Hinterzimmers enden. Jeder Teilnehmer entscheidet individuell, wie weit er gehen will, nicht jeder greift nach dem Singen zum "Dessert".

Ganz ohne Karaoke-Bar kommt freilich kaum ein Geschäftsmann in China aus: Hier werden viele Deals besiegelt, entwickeln ehemals Fremde die Pfadfinder-Gemeinschaft, die dem internationalen Geschäft so zuträglich scheint. Geschäftsfrauen sind in dieser Hinsicht ganz klar im Hintertreffen. Finanziell haben die Frauen Chinas aber immerhin schon so weit aufgeholt, dass es parallel zu den weiblichen "Hühnchen" (so ein Ausdruck für Prostituierte) in den Großstädten auch schon eine Szene von "Enten" gibt, die sich, man ahnt es fast, um die besser gestellten Chinesinnen kümmern.

Mann kann es sich wieder leisten

Da fragt sich: Warum boomt die Prostitution so enorm? Zum einen sind es sicher soziale Gründe. Täglich strömen Tausende von ungelernten Arbeiterinnen aus dem Hinterland in die Städte – leichte Beute für Zuhälter, können sie doch einen beeindruckenden Verdienst versprechen: Als Prostituierte verdienen sie an einem Abend so viel wie Zimmermädchen oder Fabrikarbeiterinnen in einem Monat. Nicht selten müssen die jungen Frauen die gesamte daheim gebliebene Familie ernähren, kein Wunder, dass der Nachschub für die Bordelle nicht abreißt.

Zum anderen gibt es mittlerweile wieder eine Mittel- und Oberschicht, deren Männer es sich schlichtweg leisten können, Sex gegen Geld zu kaufen. Für das Prestige ist es allemal gut, das macht einen potenten Eindruck. Zudem ist die chinesische Gesellschaft in den vergangenen zehn Jahren erheblich freizügiger geworden: 1993 wurde der erste Sexshop in Peking eröffnet, mittlerweile sind es Tausende landesweit.

Der starke Anstieg der Prostitution bleibt natürlich nicht ohne Folgen: Wie hoch die Zahl der HIV-Infizierten in China ist, weiß niemand so genau. Um die 700.000 sind es offiziell, viele davon aus dem Milieu. Die Dunkelziffer dürfte aber erheblich höher liegen. Staatliche Kampagnen zum Gebrauch von Kondomen und Aufklärungsarbeit sollen zwar helfen, die Neuansteckungsrate zu drücken – bisher jedoch mit mäßigem Erfolg.

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