Chinesisch für Anfänger Warum ist Markenpiraterie so schwer zu bekämpfen?

Seit Beginn der Öffnungspolitik vor 30 Jahren jammert der Westen über gefälschte Markenprodukte aus China. Doch warum ist es so schwer, der Markenpiraterie in China beizukommen? SPIEGEL ONLINE erklärt, was Konfuzius mit Plagiaten zu tun hat.
Von Françoise Hauser

Auf den ersten Blick scheinen die alten Konfuzianer schuld: Die kulturell überaus wichtigen Philosophen Konfuzius und Menzius vertraten in der Tat die Maxime "Regieren durch Vorbild", eine Aussage, die sich ursprünglich auf die Staatsführung bezog und allzu nachlässige oder ungerechte Herrscher zu einer ernsthaften und menschenfreundlichen Politik bewegen sollte.

Doch auch in der Kunst, ja der Erziehung generell, hielt diese Maxime Einzug. Jahrhunderte lang blieben die Chinesen dabei: Selbst die Beamtenprüfungen - landesweite Examen, die zum Eintritt in den Staatsdienst berechtigten - zielten auf auswendig gelerntes Wissen ab.

Es dauerte Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis es den Schülern gelang, die konfuzianischen Klassiker fehlerfrei zu rezitieren und nach gängiger Lehrmeinung korrekt zu interpretieren. Für eine eigene Auslegung blieb wenig Platz. In der Regel war sie auch nicht gewollt, denn von der ununterbrochenen Beschäftigung mit den konfuzianischen Texten versprach man sich die geistige Läuterung, die den Lernenden in einen kultivierten Menschen verwandeln sollte. Gleiches galt auch für Malerei und Dichtkunst: Der Schüler lernte, indem er den Meister kopierte. Erst wenn er die Perfektion seines Meisters erreicht hatte, wurde es Zeit, einen eigenen Stil auszubilden.

Bis heute spielt das Kopieren eine große Rolle im chinesischen Bildungssystem. Tausende von Zeichen lernen, das lässt sich eben nicht nur spielerisch bewältigen, sondern erfordert viel Sitzfleisch. Um ein Zeichen endgültig im Gehirn zu verankern, wird es abgeschrieben. Immer wieder. So lange, bis es sitzt, die Hand fast von allein die Strichfolge wiedergibt.

Kein Wunder also, dass sich das Prinzip des Kopierens auch in der Wirtschaft erst einmal durchsetzte. Für den Kopierten ist die Imitation ja letztlich eine Auszeichnung, schließlich wird nur kopiert, wer offensichtlich das Meisterstadium erreicht hat.

Nicht nur philosophische Gründe

Das ist die eine Seite. Denn in Anbetracht dieses hochgeistigen Ballasts - wer wollte schließlich Konfuzius in Frage stellen - wird der rein geschäftliche Aspekt gerne übersehen. In der Copy-Industrie wird viel Geld gemacht. Leicht verdientes zudem, denn die Entwicklungskosten sind naturgemäß gering und auch in puncto Qualität können die Kopien den Originalen oft nicht das Wasser reichen. Kein Wunder, dass Konfuzius bisweilen als Berechtigung für simple Geldmacherei herhalten muss.

Bis vor wenigen Jahren hatten die Hersteller von Copy-Waren von staatlicher Seite wenig zu befürchten, nicht zuletzt weil die passenden Gesetze fehlten oder nicht eingefordert wurden. Erst 1990 leistete sich die Volksrepublik China im Rahmen der wirtschaftlichen Öffnung das erste Urheberrechtsgesetz, das 2001 auf internationalen Standard gebracht wurde.

Das passende Regelwerk existiert also durchaus. Nur durchsetzten müsste man es noch. Das dazugehörige Unrechtsbewusstsein fehlt freilich noch vielerorts: Jahrzehnte lang waren privates Umfeld, persönliche Rechte und Eigentum ganz generell schon aus politischen Gründen wenig wert. Und Intellektuelle hatten sowieso einen schweren Stand in einer Gesellschaft, die körperliche Arbeit erheblich mehr schätzte als geistige Leistungen. Der Ausdruck "geistiges Eigentum" ist daher neu, genauso wie die dazugehörige Vorstellung.

Noch zu Beginn der neunziger Jahre waren sogar in den Regalen der staatlichen Buchhandlungen zahlreiche raubkopierte Bücher zu finden. Heute ist das Ausmaß für den Laien nicht mehr ganz so offensichtlich, das Volumen jedoch beeindruckend groß: Im Jahr 2006 beschlagnahmte der deutsche Zoll gefälschte Produkte im Wert von 1,2 Milliarden Euro. Nahezu die Hälfte der Fälschungen kam aus China und Hongkong.

Und das sind nur die Lieferungen, die vom Zoll gefunden wurden. Laut der internationalen Handelskammer ICC wird der reelle Umfang des Warenwerts von gefälschten Produkten aber auf mindestens 600 Milliarden Dollar jährlich geschätzt.