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Chinesische Mauer: Wo sie nicht überlaufen ist

Foto: Nikada/ Getty Images

Chinas Wahrzeichen Der Bauer, seine Mauer und die Hochhaus-Investoren

Ist die Chinesische Mauer nur noch ein Trampelpfad für Touristen? Nicht überall. Es gibt sie noch, die unberührten Passagen. Nahe Peking, im Dorf von Bauer Chen, ist ein solcher Abschnitt durch ein Bauprojekt bedroht.

Die berühmteste Mauer der Welt ist hier eine Ruine. Grasbewachsen, bröckelig, teils so steil, dass man nur kletternd weiterkommt. Vögel zwitschern, Bienen summen, es riecht nach Wiese und Kieselstaub. Die Chinesische Mauer liegt wie ein grauer Riesenwurm auf den Hügelkämmen, Kirschbaumrosa mal links, mal rechts. Das Bauwerk und die Natur - bei Chenjiapu sind sie über die Jahrhunderte eins geworden.

Dieser Ort ist eine Sensation, zumal er weniger als 90 Minuten von Peking entfernt liegt. Die berühmten Mauerabschnitte von Badaling, Mutianyu und Simatai sind zwar ähnlich schnell erreicht, doch dort ist vom Original nicht viel übrig.

Mehrere Kilometer Mauer wirken nach der Renovierung wie neu, mit stöckelschuhkompatibel geebneten Treppenstufen. Hunderte Souvenirhändler buhlen um Kundschaft. Der Andrang ist so groß, dass europäische Reiseveranstalter ihre Ausflüge inzwischen auf den späten Nachmittag verlegen, wenn es leerer wird.

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Chinesische Mauer: Wo sie nicht überlaufen ist

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Bei Chenjiapu sind solche Ausweichmanöver überflüssig. Reisebusse kommen nicht hierher, und nur dem Instinkt eines ausländischen Besuchers ist es zu verdanken, dass heute nahezu jeden Abend Übernachtungsgäste bei Familie Chen aufschlagen.

Die betreibt seit 2008 ein Homestay im Dorf, bietet Kost und Logis in einem alten Bauernhaus an. Es war ein Südafrikaner, der das große touristische Potential gewittert hatte und der Familie eine Facebook-Gruppe und eine Webseite  auf Englisch anlegte. Die Unterkunft avancierte unter dem Namen "Great Wall Fresh" zum Geheimtipp. "Es läuft gut", sagt Chen Meng, ein gutgelaunter 36-Jähriger mit Glatze und rundem Bauch. "Früher hatten wir nur einen alten Traktor, mit dem wir unsere Tomaten und Gurken zum Markt fuhren. Jetzt haben wir drei ausländische Autos."

600 Einwohner, und alle heißen Chen

Die Unterkunft mit sonnigem Innenhof bietet Platz für bis zu 30 Touristen, eine Übernachtung mit Frühstück kostet 40 Yuan (umgerechnet rund fünf Euro) pro Person. Über den Betten hängen Mao-Poster, zum Abendessen gibt es Schweinefleisch und Tofu-Gurken-Salat, Kartoffeln, Bohnen und Pak Choi.

Chens Gäste kommen zu 100 Prozent aus dem Ausland. "Chinesen finden die Idee lächerlich, in einem alten Haus zu übernachten. Das kennen sie ja aus ihrer Kindheit. Und sie finden die Kraxelei auf der Mauer zu gefährlich. Was wir hier haben, ist vor allem für Fotografen und Abenteurer interessant."

Wer hier loswandert, kommt an einer kargen Landschaft und Wachturmruinen vorbei. Nach zwei Kilometern sind aus dem Tal plötzlich die Geräusche eines Presslufthammers zu hören. Auf einer Baustelle entstehen Wohnkomplexe, fünf bis elf Stockwerke hoch.

"Great Wall Valley" nennt sich das Neubauprojekt. Spätestens zu den Olympischen Winterspielen im Jahr 2022 hoffen die Investoren auf einen Touristenansturm. "Wir werden bald keine Bauern mehr sein, können kein Gemüse mehr anbauen", sagt Chen betrübt. "Der Umwelt haben die Neubauten jetzt schon Schäden zugefügt."

Er blickt aus dem Fenster. Aus 120 Haushalten besteht Chenjiapu. 600 Einwohner, die alle mit Nachnamen Chen heißen. Bald soll hier die Moderne Einzug halten. "Dutzende zweistöckige Villen sollen entstehen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Abriss beginnt. Wir wissen nicht, wie lange wir unser Homestay noch betreiben können."

Vor zwei Tagen hatte er Besuch von einer Delegation der Bauherren. Sie wollen das Grundstück, auf dem sein Haus und seine Hühnerställe stehen, und machten ein verlockendes Angebot: Eine der neuen Villen ginge kostenlos an die Chens. Sie gaben Bedenkzeit und zogen zu den Nachbarn weiter. Die Bewohner von Chenjiapu könnten schon bald in unverhofftem Luxus leben.

Hier die alte Mauer, da das Bauerndorf, dort die Hochhäuser - ein Blick wie auf 2000 Jahre chinesische Geschichte.

Europa? Wie unmodern

Mit dem Bau der Mauer wurde im siebten Jahrhundert vor Christus begonnen, der heute noch sichtbare Teil wurde vor allem in der Zeit der Ming-Dynastie ausgebaut. Das Alter des größten Bauwerks der Geschichte und seine Länge - je nach Messweise zwischen knappen 9000 und 21.000 Kilometer - lassen westliche Touristen staunen.

Aber der Sinn für den Wert des Alten ist in China wenig ausgeprägt, er wurde den Menschen schon während der Kulturrevolution ausgetrieben. Während Europäer annehmen, die Bausubstanz sei vor hundert Jahren oft wertiger und stabiler gewesen als heute, denken die meisten Chinesen bei alten Häusern an katastrophale Abwassersysteme und Frieren im Winter. Wenn sie nach Europa reisen, sind sie inzwischen oft überrascht, wie unmodern alles ist.

Unsere Romantisierung des Alten passt nicht zum asiatischen Pragmatismus: Was bitteschön soll an einer unperfekten, ruinenhaften Mauer besser sein als an einer, wo jeder Stein am richtigen Platz sitzt? Wo man keine Angst vor Löchern im Boden oder Steinabbrüchen haben muss?

Chen denkt an seine Nachbarn, von denen die meisten ärmer sind als er. Er hätte Verständnis dafür, wenn sie ihre Grundstücke gegen eine Gratis-Villa tauschten. "Es würde ihr Leben verbessern, wenn sie im Winter nicht mehr mit Kohle heizen müssten", sagt Chen. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass die Kosten für Strom und Gas durch mehr Wohnfläche steigen würden. "Davon sagen einem die Investoren nichts."

"Ganz hübsch, ja. Aber in Badaling ist sie schöner!"

Die einzigen anderen Mauerbesteiger sind an diesem Tag drei Wanderarbeiter von der Hochhausbaustelle. Sie tragen Jeans und Turnschuhe, rauchen Zigaretten und grüßen freundlich. Sie stammen aus Baoding, 150 Kilometer südwestlich von Peking, aber jetzt arbeiten sie für drei Monate in Chenjiapu. Sie sollen in einem Wohnturm Fenster einbauen, Teppiche verlegen, Armaturen montieren. Doch heute haben sie aus Protest die Arbeit niedergelegt, sie fordern mehr Lohn.

"Wir bekommen 13 Yuan pro Quadratmeter, wollen aber 15 Yuan. Damit könnten wir etwa 300 Yuan am Tag verdienen", rechnet einer der Arbeiter vor. 300 Yuan sind 35 Euro. Auf die Frage, wie ihnen die Mauer gefällt, kommt die Antwort: "Schon ganz hübsch, ja. Aber in Badaling ist sie viel schöner!" Dann ziehen sie weiter.

Chen Meng hat seine Entscheidung getroffen. Er wird das Angebot der Investoren annehmen. "Nur weil es unserer Familie gut geht, sollten wir nicht über das Schicksal des ganzen Dorfes bestimmen. Wir werden kein Dingzihu sein", sagt er.

Als Dingzihu, herausstehenden Nagel, bezeichnet man in China Menschen, die sich weigern, ihr Eigenheim für den Abriss freizugeben. So wie ein Hausbesitzer in der Provinz Zhejiang, der so lange standhaft blieb, bis schließlich ein Highway um sein Haus herum gebaut wurde. Später nahm er doch noch die Kompensationszahlung an. Der Verkehrslärm und die vielen Journalistenbesuche waren ihm zu nervig geworden.

"Wahrscheinlich haben wir sowieso keine Wahl", sagt Chen. "Wenn Investoren etwas wirklich wollen, handeln sie." Es dürfte demnach nur eine Frage der Zeit sein, bis das hiesige Mauerstück restauriert wird. "Natürlich wird das geschehen", sagt Chen. "Dann müssen die Einnahmen eben aus dem Tourismus kommen."

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Orth, Stephan

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Verlag: Malik
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