Cholula Die älteste Stadt Mexikos

Vor der grandiosen Naturkulisse des Vulkans Popocatépetl erhebt sich die Kirche von Tonanzintla, ein Musterbeispiel mexikanischen Barocks. Sie ist nur ein Vorposten der 38 Kirchen zählenden "heiligen" Stadt Cholula, die auf den Trümmern einer alten indianischen Kultur errichtet wurde.


Eindrucksvoller indianischer Barock: die Kirche von Tonanzintla
GMS

Eindrucksvoller indianischer Barock: die Kirche von Tonanzintla

Lange bevor die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert die ersten christlichen Kirchen bauten, blühte in Cholula eine alte Kultur. Die Kirche Remedios wurde zu einem Wahrzeichen der ältesten Stadt Mexikos, weil sie nicht auf einem natürlichen Hügel steht, sondern auf einer zugeschütteten Pyramide.

Im näheren Umkreis steht eine Vielzahl weiterer Kirchen, die den Ruf Cholulas als "Heilige Stadt" begründen. Zwar sind es nicht 365, eine für jeden Tag des Jahres, wie eine Legende versichert - doch die Zahl von 38 ist immer noch recht stattlich.

Nachdem die Remedios-Kirche wegen Erdbebenschäden drei Jahre lang geschlossen war, ist ihre Restaurierung jetzt abgeschlossen. Man kann zu ihr hinaufsteigen und von dort den Ausblick genießen.

Eingang durch die Pyramide

Eher selten in Mexiko: Ein Eingang durch die Pyramide. Archäologen haben Tunnel durch den Hügel getrieben und festgestellt, dass dieser nicht eine, sondern mindestens drei Pyramiden verbirgt.

Sie wurden etwa zwischen den Jahren 100 vor und 700 nach Christus übereinander gebaut. Damals war die äußerste mit einer Seitenlänge von 440 und einer Höhe von 54 Metern eines der größten Bauwerke der Welt.

Führungen durch das Tunnellabyrinth

Heute werden von der Nordseite aus Führungen durch das Tunnellabyrinth angeboten. Gegenüber vom Eingang zeigt ein kleines Museum Fundstücke aus dem Inneren der Pyramiden und Rekonstruktionen einiger prächtiger Wandgemälde, die dort entdeckt wurden.

Cholula: Kirchen in der ältesten Stadt Mexikos
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Cholula: Kirchen in der ältesten Stadt Mexikos

Der Gang durch die Pyramide führt auf eine Zeitreise ins erste nachchristliche Jahrtausend, als Cholula eine der größten Städte Mexikos war. Ihre Ursprünge reichen aber noch weiter zurück. Es wird vermutet, dass der auf 2150 Metern Höhe in einem angenehmen Klima gelegene Ort schon seit etwa 2500 Jahren besiedelt ist.

Die große Pyramide war längst aufgegeben, und neue Tempel waren in ihrer Nachbarschaft entstanden, als im Oktober 1519 die spanischen Eroberer auf dem Weg in die Aztekenhauptstadt Tenochtitlán in Cholula einrückten. Weil sie sich in einen Hinterhalt gelockt glaubten, griffen sie die Cholulteken an, töteten mindestens 3000 von ihnen und zerstörten alle ihre Tempel.

Am Ort dieses Blutbades, das damals die altmexikanische Welt erschütterte, erhebt sich heute das Kloster San Gabriel. Wie eine Festung ragt - rund 500 Meter von der großen Pyramide entfernt - die 1549 begonnene Klosterkirche empor, eine der ältesten Kirchen Mexikos. Die gewaltigen Mauern und die Zinnen auf ihrem Dach deuten an, dass sie von ihren Erbauern, den Franziskaner-Mönchen, auch als Fluchtburg für den Fall eines Indianeraufstandes gedacht war.

Neue Religion: auf den Trümmern der Tempel

Die neuen spanischen Herren des Landes bauten ihre Kirchen fast immer auf den Trümmern präkolumbischer Tempel, um so die neue Religion zu verankern. Auf der großen Pyramide, die vermutlich auch die Franziskaner für einen Hügel hielten, entstand zunächst aber nur eine kleine Kapelle und erst viel später eine große Kirche.

Für die frisch bekehrten Indianer errichteten die Mönche neben ihrer Klosterkirche die "Capilla Real", einen eigentümlichen Bau, der mit seinen 63 Kuppeln und den vielen Säulen an eine Moschee erinnert. Die heute leuchtend gelbe Vorderfront war ursprünglich offen, da die Indios ihre Gottesdienste unter freiem Himmel abzuhalten pflegten.

Von den Göttern verlassen

Die besiegten Ureinwohner Cholulas, die sich von ihren alten Göttern verlassen fühlten, nahmen den Christenglauben schnell an. Beim Bau der Kirchen ließen sie aber ihre eigenen Vorstellungen mit einfließen.

So findet man in der Klosterkirche bei genauem Hinsehen verschiedene typisch indianische Dekorationen, darunter kleine steinerne Adlerköpfe, ein aztekisches Sonnensymbol. In der Capilla Real trägt der Erzengel Gabriel eine indianische Federkrone. Experten streiten darüber, ob es sich bei dem Weihwasserbecken am Eingang zur Kapelle nicht um einen "Cuauhxicalli" handelt, einen vorspanischen Opferstein, in dem die Herzen geopferter Menschen aufbewahrt wurden.

Die Bewohner der "Heiligen Stadt" Cholula sind bis heute sehr religiös geblieben. An die Stelle des Hauptgottes Quetzalcóatl trat nach 1519 die Jungfrau Maria, die kleineren Götter wurden durch katholische Heilige ersetzt.

Bunte Fassaden und Portale

Zwischen den meist eingeschossigen Häusern mit ihren ockergelben, zinnoberroten oder pinkfarbenen Fassaden und den ultramarinblauen, rostbraunen oder fichtengrünen Portalen stehen noch viele weitere bemerkenswerte Kirchen: die Pfarrkirche San Pedro am Hauptplatz, die südöstlich der Pyramide gelegene Kirche San Andrés oder Santa María Xixitla am südwestlichen Stadtrand. Sehenswert sind wegen ihrer barocken Fassaden und des prächtigen Interieurs aber auch die Kirchen in den drei kleinen Vororten Tlaxcalancingo, Acatepec und Tonanzintla.

Die Kirche von Tonanzintla, nur vier Kilometer südlich des Hauptplatzes von Cholula, gilt als das eindrucksvollste Beispiel des indianischen Barocks in Mexiko. Von den vier Ecken des Kirchturms schauen die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes ins weite Land und auf den nur 25 Kilometer entfernten, schneebedeckten Vulkan Popocatépetl.

Im Kircheninneren haben indianische Künstler Seitenwände, Deckengewölbe und Kuppeln bis in die letzte Ecke mit Engelsfiguren und Heiligen, nackten himmlischen Musikanten und einer betörenden Vielfalt in Stuck gearbeiteter tropischer Früchte dekoriert.

Eine Generation mexikanischer Intellektueller, von Tonanzintla magisch angezogen, hat im 20. Jahrhundert darüber gerätselt, was die Künstler des 16. Jahrhunderts mit ihrem Werk sagen wollten. Manch einer deutete es als eine Darstellung des indianischen Weltbildes, in der sich vorspanischer Götterglaube unter christlicher Oberfläche verbirgt.

Die Kirche Santa María Tonanzintla kann jeden Tag besichtigt werden. Nur samstags muss manchmal eine Weile vor der Tür ausgeharrt werden, weil junge Paare unter dem Indianerhimmel den Bund fürs Leben schließen.

Klaus Blume



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