Colonia in Uruguay Seufzer des Windes, Seufzer der Lust

Sklaverei, Hinrichtungen und blutige Kämpfe: Colonia, die älteste Stadt Uruguays, hat in ihrer Geschichte viele Grausamkeiten erlebt. Heute dagegen ist der Ort eine Oase der Ruhe - mit einer malerischen Altstadt, um die sich jede Menge Legenden ranken.

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Es muss wohl der Wind sein, der vom Río de la Plata an den Mauern entlangpfeift. Er hat der Gasse in Colonia del Sacramento ihren Namen gegeben, behaupten einige. "Calle de los Suspiros" heißt sie, "Straße der Seufzer". Doch Wilde Raimondo hat eine andere Erklärung: Bis vor 20 Jahren sollen in den meisten Häusern noch Prostituierte gearbeitet haben. Aus den Fenstern seien ganz andere Laute zu hören gewesen.

Ob Raimondo darauf anspielen wollte, als er seinen Laden "Wohliger Seufzer" taufte? Er verkauft hier Spezialitäten aus der Region. Die "Calle de los Suspiros" hat sich längst vom Rotlichtviertel zur berühmtesten Straße der Kolonialstadt im Süden Uruguays gewandelt. Hier stehen einige der ältesten Häuser, teilweise noch aus dem 17. Jahrhundert. Kleine Bougainvillea ranken sich vor den Mauern, die rote oder gelbe Farbe ist verblichen.

Durch eine niedrige Tür gelangt man zu Wilde Raimondo und den Regalen voller Käse, Wein, Liköre und Gebäck. Sein ungewöhnlicher Vorname ist eine Hommage seiner Mutter an Oscar Wilde, und es soll auch für Wildheit stehen, aber Wilde macht einen sehr bodenständigen Eindruck, wie er da hinter seiner Theke aus schwerem Holz steht. Neben ihm locken süße alfajores, zwei Kekse mit einer Füllung aus Milchcreme, von Schokolade umhüllt. Seine Eltern haben gerade selbstgemachte Marmelade und Käse vorbeigebracht und trinken im Café nebenan ihren Mate-Tee.

Wellengeplätscher und Gitarrenklänge

Über das Kopfsteinpflaster vor dem Café trippeln Ausflügler. Colonia ist nur eine Bootsstunde von der argentinischen Metropole Buenos Aires entfernt, auch im südamerikanischen Herbst kommen noch viele Besucher. Die Kolonialbauten sind in sanftes Licht getaucht. Platanen säumen die Straßen, der Duft nach Holzfeuer hängt in der Luft.

Der Lärm der Großstadt scheint hier fern, Golf-Karts surren durch die Gegend, nur selten knattert ein Motorrad. Stattdessen klirrt das Besteck in den Fischrestaurants. An der Promenade spielt ein junger Argentinier Gitarre und singt die Melodien eines urugayischen Sängers, während eine Gruppe von Mädchen herüberlinst. Hinter ihnen glitzert das Wasser, die Wellen des Río de la Plata schwappen ans Ufer.

An dieser Küste gründeten 1680 die Portugiesen Colonia. Ihre Spuren sind bis heute zu sehen: Ihr Wappenschild ist in das alte Stadttor gemeißelt, die niedrigen Steinhäuser erinnern an Bergdörfer im Hinterland von Lissabon. In dem portugiesischen Museum sind die Bajonette, Schwerter und Gewehre ausgestellt, mit denen die Kolonialisten Eindringlinge bekämpften oder Sklaven unterjochten.

Die Geknechteten sollen einst durch die "Straße der Seufzer" getrieben worden sein. Auch ihre Schmerzensschreie, wird berichtet, könnten den Namen der Gasse geprägt haben.

Streit um die Vorherrschaft

Es gibt noch eine weitere Version, auch sie ist mit der Geschichte der Stadt verwoben, die im 18. Jahrhundert hart umkämpft war. Seit ihrer Gründung stritten Portugiesen und Spanier um die Vorherrschaft. Jedes Mal, wenn eine Seite gewonnen hatte, ließ sie Gegner hinrichten, so die Erzählung. An den Steinmauern vorbei sollen die Verurteilten zum Fluss getrieben worden sein. Die Bewohner der Gasse erlebten die letzten Atemzüge vor dem Tod.

Erst 1777 konnten die Spanier Colonia vollständig eroben - und so verewigten auch Galizier, Asturier und Kastilier ihre Baukunst. Jahrhunderte später macht diese Mischung aus iberischen Stilen den Reiz der Stadt aus. Viele der Häuser mit ihren hohen Fenstern und geschwungenen Stuckverzierungen sind heute in leuchtenden Farben angemalt. So grausame Zeiten Colonia erlebt hat, so schön erstrahlt die Altstadt jetzt. Die Unesco hat sie 1995 zum Weltkulturerbe erhoben.

Im historischen Kern zuckeln Oldtimer unter den Fenstern entlang, eine ausrangierte Stadtbahn aus Holz steht am Straßenrand und wird dort wohl bleiben, bis sie zerfällt. Die Moderne ist eher im neueren Teil der 20.000-Einwohner-Stadt zu finden.

Rhythmus einer Stadt

Ein verschlafenes Nest ist Colonia jedoch nicht. Ein Kulturzentrum bietet Theater und Konzerte. Und auf Speisekarten und Grappa-Flaschen finden sich Illustrationen des Künstlers Jorge Carbajal: Es sind fiese Teufelchen, barbusige Damen, grinsende Katzen und kleine Meerjungfrauen in allen Farben.

Sein argentinischer Kollege Diego Bianki, der in Colonia seine neue Heimat gefunden hat, widmete dem Rhythmus der Stadt gleich ein ganzes Buch: Candombe heißt die Musik, bei der afrikanische und europäische Klänge verschmelzen. Wenn die Musiker durch die Straßen ziehen, klingen Trommelwirbel durch die Straßen, Passanten wippen mit.

Wer zum Sonnenuntergang dagegen Ruhe sucht, kann auf den alten Leuchtturm klettern, der 34 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Natürlich gibt es auch hier eine kleine Legende: Wer bei der Abfahrt aus Colonia am längsten auf den Leuchtturm zurückschaue, werde sicherlich zurückkommen. Denn er habe in der Stadt etwas vergessen.

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