Colorado Eine Abfahrt wie ein Hai

Hinter der fröhlich-bunten Fassade des beschaulichen US-Winterörtchens Crested Butte verbirgt sich ein Paradies für Extremsportler. Hier hat selbst eine Freeski-Weltmeisterin Respekt - manche Abfahrten sind so schwer, dass für sie eine eigene Bezeichnung erfunden werden musste.


Crested Butte - Finger weg vom Sicherheitsbügel: Wer im "Paradise Express Lift" die Rückhaltestange auf Bauchhöhe hinunterklappt, wird gleich als Anfänger oder Angsthase geoutet. Was für eine Blamage. Crested Butte in Colorado in den USA gilt schließlich als ein Hotspot für Extrem-Skifahrer.

Ungefähr vier Autostunden südwestlich von Denver liegt das 1500-Seelen-Nest versteckt in den Elk Mountains, einem schwer passierbaren Höhenzug der Colorado Rockies. Wenn im Winter mehr als sechs Meter Schnee fallen, ist die schmale Durchgangsstraße nur wenige Meilen hinter dem Minen-Städtchen komplett gesperrt. Zufällig kommt hier niemand vorbei. Und wer dennoch kommt, bleibt oft länger.

Pippi Langstrumpf könnte neidisch werden: Mit seinen kunterbunten Holzhäuschen entlang der Elk Avenue wirkt Crested Butte fröhlich und freundlich, ohne Glitz und Glamour. Das "Anti Aspen" wird es manchmal genannt. Vielleicht, weil nicht Hollywood-Filmstars, sondern eher Aussteiger und Hippies hierher gezogen sind. Großes Geld oder steile Karrieren sind den "Buttians" schnuppe. Eine rasante Steilfahrt bei Pulverschnee ist die Hauptsache. Kettenhotels oder Burger-Buden gibt es nicht.

Crested Butte gilt als Geheimtipp. Weitgereiste Stammgäste schwören darauf, dass die hiesige Sushi-Bar sämtliche Mitbewerber in der Weltstadt London aussticht. Schneeschuhwandern kann man hier, Langlaufen oder mit dem Hundeschlitten durch einsame Espenwälder gleiten. Doch der Höhepunkt ist der 3700 Meter hohe und spitze Mount Crested Butte, der mit seinem kurios gekrümmten Gipfel ein bisschen wie eine versteinerte Haifischflosse aussieht.

E und X steht für "extrem schwierig"

Eigentlich sind nur 20 Prozent aller Abfahrten für "Fortgeschrittene" klassifiziert. Doch das kleine Resort bietet anspruchsvollen Wintersportlern ein Extrem-Terrain. "Genau", sagt Alison Gannett, "der Berg hat's in sich." Als mehrfach ausgezeichnete Weltmeisterin der Freeskier - den Anarchos der Szene, die sich mit viel Vergnügen naturbelassene Hänge hinabstürzen - hat die Frau gut lachen. Doch sobald "Normal-Skifahrer" per Sesselbahn in die höheren Lagen entschweben, kann ihnen schon beim verstohlenen Seitenblick auf die berüchtigte, "North Face" genannte Nordwand himmelangst werden. Die schwersten Pisten der Alpen sind mit Schwarz gekennzeichnet.

In den Rocky Mountains gibt es "doppelt schwierige" Hänge, die mit zwei schwarzen Romben farblich markiert sind. Darüber kann man in Crested Butte nur müde lächeln. Bei den wirklich kniffligen Hängen sind die Symbole zusätzlich mit den Großbuchstaben E und X für extrem beschriftet - ein lokaler Superlativ. Wer nicht selber einer ist, traut sich ohne Profi meist nicht hinauf. Mit einem Skilehrer zum Beispiel. Oder noch besser mit einem Champion wie Alison, die Spezialkurse für furchtlose Frauen leitet.

"Guck mal da oben", juchzt sie jetzt und bohrt einem begeistert den Ellenbogen in die Seite. Tatsächlich, die drei dunklen Punkte, die hoch an der Felswand kleben, bewegen sich. Sie sind also kein Grüppchen Nadelbäume, sondern der Schwerkraft auf wundersame Weise trotzende Skiläufer.

Heike Schmidt, gms



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